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Es gab diesen Moment des Luftholens, der Hoffnung und der Perspektive. Das war, als der brasilianische Real an den amerikanischen US-Dollar gekoppelt wurde. Der Real stabilisierte sich, gewann an Wert und die Wirtschaft kam in Schwung. Nach der erneuten Entkopplung der beiden Währungen erlosch der Hoffnungsschimmer. Das ist lange her. Heute geht die Angst um in Brasilien. Seit Jahresbeginn heißt der neue Staatspräsident Jair Bolsonaro. Ein rechtsextremer Politiker, der bereits im Vorfeld seiner Wahl mit seinen Bemerkungen in Brasilien und der Welt für schlimmste Befürchtungen gesorgt hatte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Besonders sensibel für solche politischen Umwälzungen sind die Favelas, Randbezirke großer Städte, an denen in der Vergangenheit gern Exempel für politische Entscheidungsfreude in der einen oder anderen Richtung statuiert wurden. In der größten Favela von Rio de Janeiro, Maré, arbeitet die Choreografin Lia Rodrigues. Sie hat dort ein Tanzzentrum mit einer angeschlossenen Tanzschule in einer ehemaligen Lagerhalle aufgebaut, die regelmäßig auch Sprungbrett für junge Brasilianer nach Europa ist. Und hier entstehen ihre Produktionen, wie jetzt auch Fúria, das Stück, das heute Abend im Tanzhaus NRW Premiere feiert, nachdem es bereits Ende November in Paris uraufgeführt und im Frankfurter Mousonturm gezeigt wurde.
Die Bühne verschwindet beinahe in der Finsternis. Links in der hinteren Ecke liegt ein Bündel aus alten Plastikfolien, Lumpen und Säcken. Eine alte Fahne von Grèmio Porto Alegre ragt daraus empor. Nicht etwa die brasilianische Nationalflagge mit ihrem Auftrag „Ordem e progresso“, also Ordnung und Fortschritt, sondern die Fahne eines Fußballvereins. So wird es an diesem Abend viele kleinere Stellvertreter für die großen Dinge des Lebens geben. Ein junger Mann zieht sich mühevoll an der Fahnenstange empor und beginnt damit eine Prozession des Leidens. Die Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Eine monotone, rhythmische Abfolge von Trommelschlägen, denen unverständliche menschliche Stimmen unterlegt sind. Es ist der Pulsschlag des Lebens wie das Trommeln auf Galeerenschiffen gleichermaßen. Marschmusik für Machthaber wie Unterhaltungsmusik für die einfache Bevölkerung. Diese Universalität ist betäubend und hypnotisch zugleich.

Währenddessen nimmt das Leben auf der Bühne seinen traurigen Lauf. Da werden Leichensäcke um die Prozession herumgezogen, eine der neun Tänzer, Rodrigues selbst, personifiziert das Leiden. Später wird sie als Machthaberin auf dem Rücken eines Tänzers getragen werden. Bis dahin gibt es im Hintergrund des Umzuges Sex- und Prügel-Szenen. Nach der ersten Prozession, die am rechten vorderen Rand der Bühne endet, wiederholt sie sich in Variationen, bietet zugleich Raum für Nebenszenen. Es gibt viel Platz für Nacktheit. Nach rund 70 Minuten endet das Stück in einer Fantasieansprache eines Tänzers, der sich eine rote Maske über das Gesicht gezogen hat. Nichts ist von seinen Worten zu verstehen – aber geht das nicht jedem so, der in einem fremden Land ankommt?
Rodrigues versteht ihr gleißendes, obwohl im Dämmerlicht von Nicolas Boudier gehaltenes Stück als Warnung aus Brasilien für Europa. Die Wut, die im Stück immer wieder durchbricht, steht stellvertretend für die Wut, die in den Favelas brodelt. Die Wut entlädt sich aus der Peripherie in die Stadt – mit unabsehbaren Folgen, wie man es heute schon in Frankreich erleben kann. Ob das eine gute Entwicklung ist oder nicht, lässt das Stück erwartungsgemäß offen. Aber dass Wut eine ungeheure Energie freisetzen kann, das zeigt Fúria höchst eindrücklich. Politisches Tanztheater, das an allen Nervenenden zwickt, gewinnt in einer immer orientierungsloseren Gesellschaft brutal an Bedeutung.
Das sieht auch das Publikum so, das seine Begeisterung kaum zügeln kann. Ein großer, nachdenklich stimmender Abend, der zu den Glanzpunkten dieses Jahres gehört und die Messlatte sehr hoch legt.
Michael S. Zerban