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Foto © Carl Brunn

Aus den Szenen einer Ehe

A QUIET PLACE/​TROUBLE IN TAHITI
(Leonard Bernstein)

Besuch am
10. Februar 2019
(Premiere)

 

Theater Aachen

Der Riesen­erfolg der West Side Story darf nicht darüber hinweg­täu­schen, dass Leonard Bernstein seine großen und vielfäl­tigen Bemühungen um ein hochwer­tiges, spezi­fisch ameri­ka­ni­sches Musik­theater als gescheitert betrachtete. Vom banalen Musical-Typus des Broadways zog er sich enttäuscht zurück und mit seinen eigenen Reform­ver­suchen auf der Opern­bühne tat sich das ameri­ka­nische Publikum denkbar schwer. Dass seine 1983 in Houston urauf­ge­führte Oper A Quiet Place trotz mehrerer Revisionen in Europa eine größere Resonanz fand als in Amerika, desil­lu­sio­nierte ihn zusätzlich.

Mit großem Einsatz und entspre­chend viel Herzblut widmet sich das Aachener Theater dem anspruchs­vollen Werk, das, ganz im Sinne Bernsteins, mit der 30 Jahre früher entstan­denen Kurzoper Trouble in Tahiti gekoppelt wird. Das Premieren-Publikum reagiert begeistert auf die rundum gelungene Produktion, die einer­seits die Reper­toire­qua­li­täten des Werks zum Ausdruck bringt, anderer­seits aber auch die stilis­tische Unent­schlos­senheit, mit der Bernstein zwischen Songspiel, Musical, zeitge­nös­si­scher und tradi­tio­neller Oper, Kammer­spiel und großer Oper nach einem eigenen Modell suchte.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auch wenn Bernstein keine wirklich zukunfts­wei­sende Lösung gefunden hat, erweist sich auch hier der suchende Weg als lohnendes Ziel, so dass die Produktion bereits zur Halbzeit der Saison als ein Höhepunkt des Aachener Angebots bezeichnet werden kann. Dabei lässt sich auch nachvoll­ziehen, wodurch Bernstein seine Lands­leute irritierte. Mit seiner radikalen Abkehr vom Popular Song und den damit garan­tierten Ohrwürmern enttäuschte er die Erwar­tungen des Publikums und provo­zierte mit einer Handlung, die den glanz­vollen „American Way of Life“ radikal in Frage stellt und einer in scheinbar ordent­lichen Verhält­nissen lebenden Durch­schnitts­fa­milie die gutbür­ger­liche Fassade vom sauber geputzten Reihenhaus reißt. Ein Ehepaar, das sich nichts zu sagen hat, ein psychisch labiler, noch dazu homose­xu­eller Sohn, inzes­tuöse Spannungen zwischen Geschwistern sowie Vater und Tochter: Kein Stoff, den man von einer Oper erwartete. Und wenn die Oper zu dumpfen, zerris­senen Klängen mit der Trauer­feier der offenbar durch Selbstmord ums Leben gekom­menen Ehegattin Dinah beginnt, lässt Bernstein keinen Zweifel daran, dass es ihm nicht auf publi­kums­wirksame Effekte ankommt. Entspre­chend irritierend dürfte sich in diesem Umfeld die durch­kom­po­nierte Form ausge­wirkt haben, die auf prägnante Songs verzichtet und sich mit Jazz-Anklängen in homöo­pa­thi­schen Dosie­rungen begnügt.

Die bereits 1951 entstandene Kurzoper Trouble in Tahiti wird in Aachen zwischen die beiden ersten Akte geschoben. Eine Art Vorspiel, das die geistige und kommu­ni­kative Leere der Ehebe­ziehung zum Ausdruck bringt. Eine Leere, die allen­falls durch Besuche banaler Filme wie Trouble in Tahiti kurzfristig übertüncht werden kann. Ein munter swingendes Gesangstrio kontra­punk­tiert die eheliche Monotonie durch Lobes­hymnen auf den Glanz der ameri­ka­ni­schen Konsumwelt. Eine musika­lische Dialektik, die Bernstein in seiner späteren Oper aufge­geben hat. Statt dessen wird die Musik in A Quit Place im Verlauf des Abends emotional immer inten­siver, zeitweise auch pathe­ti­scher. Umso wirkungs­voller gerät das in sprach­loser Stille mündende Ende. Denn wenn sich die Familie anlässlich der Trauer­feier auch endlich wieder einmal zusam­men­ge­funden und manchen Zukunftsplan geschmiedet hat, sind die Risse und Verlet­zungen der Vergan­genheit weder vergessen noch verheilt.

Obwohl die Oper neben einem statt­lichen Orchester mit Chor, Statis­terie und fast 20 Solo-Rollen aufwartet, behält sie doch ihren Kammer­spiel­cha­rakter. Regis­seurin Nina Russi arbeitet die gestörten Charaktere und brüchigen Bezie­hungen detail­genau aus, folgt im Spiel­tempo aufmerksam dem Duktus der Musik und deutet die inzes­tuösen und homose­xu­ellen Geheim­nisse des Famili­en­lebens in geschickter Dosierung an. Auf spekta­kuläre Effekte zielt sie ebenso wenig ab wie Bernstein, dafür beein­druckt die Insze­nierung durch ihre präzise Perso­nen­führung, die auch den Chor mit einschließt.

Foto © Carl Brunn

Das Ganze spielt sich in einer klein­bür­gerlich dekorierten, auf einer fleißig rotie­renden Drehbühne positio­nierten Zimmer­suite ab, wodurch Bühnen­bildner Mathis Neidhardt die vielen Szenen­wechsel reibungslos bewerk­stel­ligen kann. Das Mobiliar orien­tiert sich an dem Ambiente bürger­licher Behag­lichkeit früherer Jahrzehnte. Ebenso die passenden, aber unauf­dring­lichen Kostüme von Annemarie Bulla.

General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward betont mit dem teilweise sehr massiv aufspie­lenden Aachener Sinfo­nie­or­chester die herben Töne und Kanten der filigranen Partitur. Die wenigen Jazz-Anleihen erhalten den nötigen Drive, und den emotio­nalen Wechsel­bädern folgt Ward stil- und treff­sicher. Was die Besetzung angeht, eignet sich das Werk vorzüglich für den Nachweis guter Ensem­ble­arbeit, mit dem das Aachener Theater in aller Regel punkten kann. Das trifft auch auf den fast dreistün­digen Bernstein-Abend zu, auch wenn die Grippe­welle zwei Gastsänger erfordert, die ihre Parts am Bühnenrand singen, während die vorge­se­henen Aachener Kräfte ihre Rollen auf der Bühne spielen. Hervor­zu­heben ist eine erfreulich geschlossene Ensem­ble­leistung ohne den kleinsten Ausreißer. In Trouble in Tahiti glänzt Fanny Lustaud mit einer zwischen Illusion und Ernüch­terung hin- und herge­ris­senen Darstellung der Ehegattin Dinah. Ihre stimm­liche Klasse bestätigt die Französin damit aufs Neue. Sebastià Peris gelingt es vorzüglich, für Ronan Collett in der anspruchs­vollen Rolle des jungen Ehemanns Sam einzu­springen. Die noch größere Partie des älteren Sam findet in Wieland Sattler einen exzel­lenten, sowohl stimmlich als auch darstel­le­risch überzeu­genden Inter­preten. Zu ganz großer Form läuft Fabio Lesuisse in der komplexen Rolle des psychisch angeschla­genen Juniors auf. Patrick Cook gelingt als scheinbar biederer Ehemann der Tochter Dede ein diffe­ren­ziertes, von homose­xu­ellen Neigungen durch­zo­genes Rollen­porträt. Und Evmorfia Metaxaki hat als Dede für die erkrankte Katharina Hagopian eine besonders anspruchs­volle Aufgabe zu bewäl­tigen. Im Team führen die beiden Damen die Ausein­an­der­set­zungen mit Vater Sam zu Höhepunkten der Aufführung.

Die kleineren Partien sind ebenfalls makellos besetzt. Dabei verdient das Jazz-Trio in der Mini-Oper mit seinen rhyth­misch heiklen Aufgaben besondere Beachtung: Zu nennen sind hier Jelena Rakic, Takahiro Namiki und Eddie Mofokeng. Ohne Fehl und Tadel bewältigt der Chor seine kleine Rolle. Langan­hal­tender und begeis­terter Beifall für alle Mitwirkenden.

Pedro Obiera

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