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Hier wackeln die „Beziehungskisten“

IL TURCO IN ITALIA
(Gioac­chino Rossini)

Besuch am
8. Februar 2019
(Premiere am 2. Februar 2019)

 

Theater Hagen

Die gute Nachricht: Auch unter der neuen Intendanz von Francis Hüsers hält das Theater an seiner ambitio­nierten und inter­es­santen Programm­po­litik fest. Werke wie Verdis Simon Bocca­negra, Janáčeks Schlaues Füchslein, Offen­bachs Pariser Leben, Dvořáks Rusalka und zuletzt Rossinis Il Turco in Italia in Folge zeigen und überwiegend mit eigenen Kräften besetzen zu können, das zeugt von einer erfreu­lichen Energie und Leistungs­be­reit­schaft des Hauses. Die weniger gute Nachricht: Das Hagener Publikum folgt den reizvollen Angeboten mit ihren nicht ganz so bekannten, aber um nichts weniger spannenden Stücken nur sehr zögerlich. Und die schlechte Nachricht: Nicht nur die weniger gängigen Stücke weisen Lücken im Parkett auf, sondern selbst Zugnummern wie Puccinis Tosca.

Angesichts des beacht­lichen Niveaus, mit dem das Haus die unter­schiedlich gestrickten Werke auf durchweg hohem Niveau stemmt, ist dieses Phänomen kaum nachvoll­ziehbar. Hier müssen sich Intendanz und Öffent­lich­keits­arbeit dringend etwas einfallen lassen.

Die jüngste Produktion von Rossinis Il Turco in Italia stößt zu Recht auf einhellige Zustimmung beim Publikum, auch wenn das Werk an Popula­rität nicht mit dem Barbier oder der Cenerentola mithalten kann. Dafür enthält es aber eins der besten und origi­nellsten Libretti der 39 Opern des Meisters und lebt musika­lisch von einem ganzen Füllhorn genialer Ensemble-Sätze, während die Arien recht kurz gehalten werden, was dem Tempo zusätz­lichen Drive verleiht. Mit anderen Worten: Der Abend vergeht wie im Sauseschritt.

Es stimmt immer hoffnungsvoll, wenn sich ein Regisseur in Sachen Rossini auf die Commedia dell’Arte beruft. Geht man von der kulti­vierten Entwicklung der Commedia im Fahrwasser Goldonis aus, verspricht das Komik mit leichtem Florett und nicht mit klamauk­be­schwertem Säbel. Christian von Götz löst die Erwar­tungs­haltung weitgehend ein und verzichtet auf derbe Effekte, auch wenn sein Ehrgeiz, jede Szene mit betont körper­lichem Einsatz in Bewegung zu halten, nach der Pause zu überflüs­sigen Mätzchen wie einem Groß-Ensemble im Sackhüpfen führt. Zum Glück bleibt das eine Ausnahme. Ansonsten gelingt es dem Regisseur, die Dynamik und den Witz des Stücks aus einer genauen Perso­nen­führung und präzisen Charak­te­ri­sierung zu ziehen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dabei geht der Regisseur von der richtigen Prämisse aus, dass die italie­ni­schen Buffa-Opern allesamt ihre Spannung aus gestörten Bezie­hungen gewinnen, ausgelöst von Missver­ständ­nissen, Illusionen und Intrigen, die zu konfusen und überdrehten Verwick­lungen und Verwechs­lungen führen. Von Götz tut bei Rossini gut daran, nicht mit dem psycho­lo­gi­schen Stethoskop die Handlung insgesamt und die Handlungen der Figuren im Detail analy­sieren und vertiefen zu wollen. Das wäre bei Mozart angebracht, der etwa in Così fan tutte den Schmerz und die Verlet­zungen, die die Bezie­hungs­pro­bleme bei den Menschen hervor­rufen, mit musika­li­schen Mitteln so feinfühlig zum Ausdruck wie kein anderer Komponist vor und nach ihm. Rossini geht ganz anders vor. Seine Werke leben davon, dass die konfusen Bezie­hungen eine Eigen­dy­namik wie durch­ge­hende Pferde entwi­ckeln, und das in einem sich abenteu­erlich steigernden, bisweilen mecha­nisch abspu­lenden und überdrehten Tempo. Was die musika­li­schen Anfor­de­rungen gegenüber Mozart keineswegs mindert.

All das erfüllt die Hagener Produktion weitgehend, wobei das Stichwort „Bezie­hungs­kiste“ wörtlich genommen werden kann, indem sich zeitweise bis zu fünf Personen mit unter­schied­lichen Avancen in einer engen Kiste auf die Füße treten, als wollten sie einer Puppen­kiste entsteigen.

Eine Beson­derheit des Librettos liegt in der doppel­bö­digen Anlage, indem ein Dichter Stoff für eine Komödie sucht und die verwi­ckelte Handlung um den türki­schen Italien-Touristen Selim in ein Schau­spiel transkri­biert. Die Bühnen-Realität spiegelt sich in einem noch zu entste­henden Kunstwerk. Eine raffi­nierte Drama­turgie, die Götz durch zwei Video-Einblen­dungen im Slapstick-Modus alter Stumm­filme ergänzt. Sehr gekonnt und in diesem Fall auch passend.

Foto © Klaus Lefebvre

Bühnen- und Kostüm­bildner Lukas Noll fasst das Geschehen in einen ovalen, raffi­niert und vielfältig ausge­leuch­teten Rahmen ein, der einen bewusst künst­lichen Eindruck erweckt, der durch die skurrilen, farben­präch­tigen Kostüme der deftig geschminkten Figuren verstärkt wird.

Auch musika­lisch gibt es nichts auszu­setzen: Steffen Müller-Gabriel führt das vorzüglich aufspie­lende Philhar­mo­nische Orchester Hagen mit viel Tempo und leicht­fü­ßigem Fluss durch den Abend. Und gesanglich zahlt sich die gute Ensem­ble­arbeit des Hauses aus. Die dankbarste Rolle hat Marie-Pierre Roy als Fiorilla auszu­füllen, die einzige Rolle des Stücks, die Rossini mit einer großen Arie bedacht hat. Selbst die heikelsten Kolora­turen bewältigt die Sängerin souverän, die mit ihrer Spiel­freude entscheidend zum vitalen Ablauf des Abends beiträgt. Beifalls­stürme erntet der nach Hagen zurück­ge­kehrte Bassist Rainer Zaun als Don Geronio. Marilyn Bennett als Zaida, der türki­schen Geliebten Selims, nimmt es an vokaler Geschmei­digkeit und sinnlicher Ausstrahlung problemlos mit ihrer Kollegin Marie-Pierre Roy auf. Kenneth Mattice als Autor Prosdocimo kann ebenso überzeugen wie der Rest des Ensembles. Dong-Won Seo als Selim wirkt aller­dings noch ein wenig steif und könnte seiner Stimme einige zusätz­liche Farben abgewinnen. Nett die Auftritte von vier Tänze­rinnen aus dem Hagener Ballett.

Begeis­terter und lang anhal­tender Beifall für alle Akteure. Ein Abend, der auf jeden Fall volle Häuser verdient.

Pedro Obiera

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