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COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
23. Februar 2019
(Premiere)
Ist Mozarts 1790 uraufgeführte Oper Così fan tutte nur eine Parodie auf die übliche Opera buffa? Hier entspricht ja die Handlung völlig dem Schema des Typus dieser komischen Oper: Zwei Paare tauschen die Partner, eine freche Dienerin darf sich zweimal verkleiden, ein Intrigant zieht die Fäden – und am Schluss kommen doch alle wieder zusammen. Aber während des Spiels lernen alle Beteiligten etwas über ihr Seelenleben und ihre Empfindungen, nämlich dass Gefühle unsicher sind, sich ändern können, dass die „bürgerliche“ Moral von ehelicher Treue brüchig ist, und in diesem Sinn passt der Untertitel La scuola degli amanti , also „die Schule der Liebenden“, gut. Bei Mozart wird die oberflächliche Rokoko-Farce durch die Musik veredelt und verinnerlicht zu einer nahezu tragikomischen Vertiefung, zum Blick in die seelischen Abgründe von Menschen und ihren Emotionen.
Am Staatstheater Nürnberg aber bleibt diese tiefere Schicht der Oper in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog weitgehend verschüttet. Das fängt schon damit an, dass der Libretto-Text von Lorenzo da Ponte in den Übertiteln „übersetzt“ ist durch modische Formulierungen. Die sehr turbulente, nicht immer logische Inszenierung legt den Fokus auf die Parodie, das lockere Spiel auf lediglich komische Elemente ohne wirklichen Ernst macht sich lustig über traurige Momente. Alles wird vorgeführt wie auf einer Theaterbühne innerhalb einer heutigen Gesellschaft, etwa bei einem zufälligen Treffen in einem weißen, kühlen Labor-Ambiente, vielleicht in der Pause einer Konferenz unter Teilnehmern mit Namensschildchen. Man wettet um die Beständigkeit von Liebe und Treue, und schon öffnet sich hinten eine Theaterbühne, eine Art Guckkasten in eine konventionelle Welt auf der Bühne von Mathis Neidhardt, fährt nach vorne. Hier leben die beiden Probanden für das Spiel, die Schwestern Fiordiligi und Dorabella, und von ihnen wird amore verherrlicht. Als dann die Objekte ihrer Liebesschwüre auftauchen, ihre Partner Guglielmo und Ferrando, werden die Gefühle deutlich übertrieben und somit als eingebildet dargestellt. Unglaubhaft ist auch die Verkleidung der beiden Liebhaber als Soldaten mit Helm, Tarnjacke und Gewehr. Der Schmerz darüber, dass sie angeblich in den Kampf ziehen müssen, wird eigentlich konterkariert durch eher biedere Handlungen, wenn die beiden Frauen in diesem Haushalt mit Bügelbrett und goldenem Wolkenstore für sie Brotboxen packen, dann aber vergessen, ihnen die mitzugeben. Zu dem gefühlvoll-tränenreichen Abschied mit Soave sia il vento passt ein solcher Abgang eigentlich nicht. Kammerzofe Despina, sehr aufsässig, ja, unverschämt im Benehmen, glaubt, dass die Männer nicht wiederkommen, denn wie alle Soldaten seien sie treulos. Mit ihren respektlosen Auftritten in Turnschuhen, Glitzer-Leggins und Shirt im Leoparden-Look ist sie ganz der Gegensatz zu den beiden Schwestern in ihren züchtigen Blumen-Kleidern. Als dann die beiden Liebhaber in anderem Outfit als Jungs von der Straße mit schweren Goldketten, Sonnenbrillen, Baseball-Cap und Strickmütze hereinschneien, sich äußerst flegelhaft in der Spiel-Stube rumfläzen, haben sie natürlich so keinen Erfolg bei den „Damen“. Die beschwören ihre felsenfeste Treue, indem sie mit Schuh-Würfen die ungebetenen Gäste zu vertreiben suchen. Während Guglielmo mit seiner Männlichkeit protzt, besingt der lässige Jungspund Ferrando sein Glück mit der berühmten Arie Un’aura amorosa. Doch sein Auftreten widerspricht seiner Rolle als Empfindsamer.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ein humoristischer Höhepunkt ist natürlich die Szene, als Despina als Arzt im weißen Mantel, mit Mundschutz und Stethoskop die vergifteten Scheintoten durch Magnettherapie mit Blinklicht wieder zum Leben erweckt. Nach diesem falschen Theater-Tod der Herren, der die Selbstmorddrohung der Damen entspricht, bei der sich Dorabella mit der Vorhangschnur erdrosseln will, dabei aber nur den Vorhang hochzieht, lesen die Damen nach der Vertreibung der Störenfriede in Mode-Magazinen. Alles nur halb so schlimm. Despina, ungeheuer gelenkig und Rad schlagend, rät zur Untreue, zu ein bisschen Spaß. Man beschließt, zum Schein auf Männer-Avancen einzugehen. Die Verehrer kommen nun in langen weißen Gewändern als Fremdlinge mit Blumen vor dem Gesicht. Ab da gibt es Alpenveilchen als spießige Dekoration. Die Damen lachen über die schüchternen, ungelenken Männer. Despina stellt die falschen Paare zusammen, und es kommt zu einer missvergnügten Annäherung. Trotzdem erliegt Dorabella schnell dem Herzensbrecher Guglielmo, der ihr ein Herz auf die Brust pappt; Fiordiligi jedoch hat noch Hemmungen, baut zu Per pietà ben mio mit den Erinnerungen aus der Schachtel eine Art Altar für Guglielmo auf. Das hält nicht lange. Guglielmo kann nun über seinen Erfolg triumphieren, und während das Licht im Zuschauerraum angeht, klagt er die Frauen im Publikum grundsätzlich wegen ihrer Untreue an mit Donne mie. Der verzweifelte Ferrando krabbelt ob der für ihn schrecklichen Situation auf dem Boden, aber auch Fiordiligi ergibt sich schließlich seinem Werben. Da rät Alfonso, der auch meint, dass alle Frauen so sind, so wankelmütig, den neuen Paaren zur schnellen Heirat; der „Notar“, Despina, beginnt umständlich mit der Unterzeichnungszeremonie im exotischen Hochzeits-Raum. Als sich nun die echten Verlobten offenbaren, bitten die Frauen um Verzeihung und die Männer schwören, die Untreue künftig nicht mehr zu überprüfen. Trotz des Chaos der Gefühle scheint nun alles in Butter. Der Chor, der als Zuschauer beim Spiel mitgewirkt hat, erhält von Alfonso Geld. Despina geht wohl leer aus. Man will alles von der guten Seite nehmen, lachen und heitere Ruhe bewahren. Bei Mozart und da Ponte sind die „geordneten Verhältnisse“ wiederhergestellt. Dass aber alle Beteiligten darüber nicht glücklich sind, sieht man daran, dass sie empört ihre Blumensträuße wegwerfen. Ein verrücktes Spiel um Liebe und Treue endet unbefriedigend. Sichtbar wird so aber kaum, dass es bei Mozarts Oper um einen Widerspruch zwischen dem äußeren Rahmen der ehelichen Verbindung mit Verpflichtung zur Treue und der realen Wirklichkeit geht, dass das nur äußere, bürgerliche Fassade ist. Schwer zu vermitteln ist auch, dass da nur Frauen der Untreue angeklagt werden. Zudem ist Don Alfonso in dieser Inszenierung kein älterer Herr mit Lebenserfahrung, sondern ein Jungdynamiker, der mit seiner Wette etwas Abwechslung in den Alltag bringen will. Auch dass die „Damen“ in ihrer verbohrten Verliebtheit seine Intrige nicht durchschauen, wirkt wenig wahrscheinlich. Lediglich Despina bleibt in ihrer unverfrorenen Art Realistin: Gefühle sind eben nicht von Dauer – Hauptsache, die Kasse stimmt.

Dieser etwas vordergründigen Sicht, das Ganze als Parodie auf echte Emotionen aufzufassen, entspricht eigentlich Mozarts Musik nicht so recht, denn die vermittelt wechselnde, wenn auch vergängliche tiefe Gefühle wie Liebe, Wut, Verzweiflung, Glück, Enttäuschung. Die Staatsphilharmonie Nürnberg unter Lutz de Veer beginnt mit sehr wuchtigen Akzenten; das Liebliche, angeführt durch die Oboe, bildet dazu einen starken Kontrast, das leichtsinnig Vibrierende läuft extrem rasant dahin, wird aber dann durch untergründige Begleitfiguren wieder in Frage gestellt; mechanisch, aber etwas blechern, endet die Ouvertüre.
Der Chor, der hier nur die Handlung zu unterstützen hat und deshalb eher aufgereiht im Hintergrund wirkt, singt klangschön, geleitet von Tarmo Vaask. Als drahtiger, korrekt gekleideter Don Alfonso ist Wonyong Kang zu erleben; seinem eher jugendlich getönten Bass hätte man ab und zu etwas mehr dunkle Fülle gewünscht. So bleibt er ein Freund der beiden anderen männlichen Akteure. Martin Platz gibt den Ferrando als sensibles Bürschchen mit hellem, etwas flachem Tenor; ihm überlegen scheint der Guglielmo des Denis Milo: Mit breiter Brust gewinnt er locker die Damen für sich, und sein schön timbrierter, voller, kräftiger Bariton unterstreicht diese Wirkung. Ihm erliegt schnell Dorabella, Amira Elmadfa, die mit etwas metallisch betontem, differenziert gestaltendem, rundem Mezzosopran die angeblich Tiefsinnige gibt. Sie wird aber überstrahlt an Glaubwürdigkeit und stimmlicher Klarheit von Julia Grüter; ihr großer, flexibler, in den Höhen stets glänzend unangestrengter Sopran meistert souverän alle Schwierigkeiten wie die Registersprünge in der Felsen-Arie locker. Reiner Genuss sind die harmonisch abgestimmten Duette der beiden Sängerinnen. Die Despina der Andromahi Raptis ist vor allem ein ungenierter Wirbelwind, der in allen Lagen, sogar kopfüber, bestens und mit leicht beweglichem Sopran sicher singen kann.
Dass der Beifall für alle lang und herzlich ausfällt bei der Premiere im ausverkauften Haus für diese überaus lustige Inszenierung, ist kein Wunder; trotz allem Trubel verlassen einige Besucher schon in der Pause die Oper.
Renate Freyeisen