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PELLE
(Alfredo Zinola)
Besuch am
24. Februar 2019
(Premiere am 21. Februar 2019)
Nein, das ist wirklich kein Wetter für Theater. Ein strahlendblauer Himmel über Düsseldorf am Sonntagnachmittag – da macht man einen Ausflug, geht Kaffeetrinken oder Fahrradfahren. Aber nicht ins Theater. Es wäre also kein Beinbruch, wenn die Nachmittagsvorstellung von Pelle, dem neuen Stück von Alfredo Zinola, mit ein paar Besuchern hätte auskommen müssen. Aber weit gefehlt. Auch die vierte Aufführung ist ausverkauft. Was bei 40 Besuchern vielleicht nicht das wirkliche Kunststück ist, aber immerhin scheinen diese 40 Menschen mehr zu wissen als andere. Und sie werden nicht enttäuscht werden.
Pelle, das ist italienisch und heißt Haut. Jemandem auf die Pelle zu rücken, heißt, ihm näher zu kommen, als ihm vielleicht lieb ist. Zinola kündigt an, das Gegenteil zu wollen. Die Haut, also die Oberfläche, sehr genau erkunden zu wollen. Dass der Choreograf, der an der Folkwang-Universität der Künste in Essen im zeitgenössischen Tanz ausgebildet wurde, eigentlich ganz anderes im Sinn hat, wird erst während der 50-minütigen Aufführung oder vielleicht sogar noch später deutlich. Vorerst versammeln sich Eltern und Großeltern mit ihren Kindern vor dem großen Saal im Tanzhaus NRW. Ist schon die Aufregung der Kinder bei herkömmlichem Kindertheater vor einer Aufführung groß, scheint sie sich hier noch einmal zu steigern. Produktionsleiterin Micaela Kühn Jara ruft die Gäste vor der Tür zum Saal zusammen und verteilt Augenbinden. Dann dürfen die Besucher in den Saal strömen. Die Zuschauertribüne ist abgehängt. Im Mittelpunkt der Bühne ist eine weiße Zeltwand erkennbar, die unwillkürlich an ein Zirkuszelt erinnert. Auf der linken Seitenbühne ist ein zweistufiges Podium aufgebaut, auf dem Kissen einladen, Platz zu nehmen.

Auf die Zeltleinwand werden Worte projiziert. „Hi. Kannst Du die Schuhe ausziehen?“ Folgsam entledigt sich das Publikum des Schuhwerks, obwohl hier ja ein einfaches Ja ausgereicht hätte. Erst das Wörtchen bitte hätte aus den Zeilen eine Aufforderung gemacht. Aber es ist tatsächlich die Aufforderung gemeint. Alfredo Zinola, Felipe González und Tatiana Saphir betreten die Bühne vor der Leinwand, legen sich seitlich hin. Die Männer tragen lediglich kurze, schwarze Hosen, Saphir etwas, was man vielleicht am ehesten als schwarzen Bikini bezeichnen könnte. Es ist viel Haut sichtbar.
Die Darsteller rollen stark zeitverzögert auf die Zuschauer zu. Kommen ganz dicht, vielleicht unangenehm dicht an sie heran. Das dauert. Was wirkt, als solle Zeit geschunden werden, erweist sich als Chance für das Publikum, zur Ruhe zu kommen und sich in die geheimnisvolle Welt einzufinden, die es gleich erleben wird. Flötenmusik erklingt. Dann erscheinen neue Anweisungen auf der Leinwand. Die Kinder sollen ihren Eltern die Augenbinden anlegen, sie in den „Raum“ geleiten und das, was sie dort vorfinden, ertasten lassen. So müssen sich die Eltern respektive Großeltern blind auf ihre Kinder verlassen. Das ist schon viel verlangt und der Zeit vorweggenommen. Übernehmen doch die Kinder die Begleitung ihrer Eltern eigentlich erst, wenn sie in einem – hoffentlich – biblischen Alter angekommen sind. Jetzt müssen die Kleinen ihre Eltern verfrüht blind in den Raum führen, der sich hinter der Leinwand auftut, und an die Haufen geleiten, die dort am Boden liegen. Unter Latex, Wollfransen und Schaffellen liegen dort die drei Akteure, lassen allenfalls eine Hand oder einen Fuß auftauchen. Die blinden Eltern begeben sich auf die Suche nach Texturen, später nach Formen. Irgendwelche Hintergrundmusik begleitet diese Erfahrung, die von den Kindern geleitet wird.
Im nächsten Schritt erscheinen die Darsteller, legen sich ebenfalls Augenbinden um. Sie bieten sich dem Publikum an, sie auszuprobieren. Zaghaft werden erste Schritte der Berührung unternommen, die bizarre Reaktionen in der Körperhaltung der Darsteller zur Folge haben. Neugierig geworden, sind es vor allem die Kinder, die sich auf die ungewöhnlichen Körperhaltungen einlassen und sie durch neue Anstöße probieren. Das funktioniert ganz wunderbar, weil es hier anscheinend nur wohlerzogene Kinder gibt. Wie das aussieht, wenn die Kinder den Respekt vor dem anderen Körper nicht gelernt haben und ihn als Spielgerät begreifen, möchte man sich nicht ausmalen. Wieder eine Stufe weiter gehen die Darsteller auf die Zuschauer zu und binden sie, so weit sie es wollen, in Interaktionen ein. Bis dahin, dass die Darsteller einzelnen Zuschauern etwas zuflüstern. Was es ist, soll hier nicht verraten werden. Aber so liegt bis zuletzt ein Zauber über der Situation, der aus reinem Selbsterfahrungstheater etwas ganz Besonderes macht.
Wie benommen applaudieren die Zuschauer am Ende kurz, um sich dann auf ihre Plätze auf dem Podium zurückzubegeben und die Schuhe wieder anzuziehen. So richtig gehen will keiner. Erst allmählich löst sich die Faszination der Nähe und des Erlebten. Zinola hat wieder gezaubert. Wer das mit seinen Kindern erleben möchte, muss sich allerdings schon am 31. März ins belgische Turnhout begeben.
Michael S. Zerban