O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Paul B. Goode

Schattendasein

LET’S DANCE
(Doug Varone, Paul Taylor)

Besuch am
12. März 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen, Stadt­halle Neuss

Die Spielzeit 201819 der Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss in der Stadt­halle schließt mit einem fulmi­nanten Abend und einem Wermuts­tropfen. „Hier isses ja finster wie im Kuharsch“ ist unter grobklot­zigen Chirurgen eine beliebte Redewendung, wenn sich die OP-Lampen um einige Milli­meter verschoben haben und nicht ganz das Licht in den Situs bringen, das der Arzt sich wünscht. Was ein solch liebens­wür­diger Zeitge­nosse zum heutigen Abend gesagt hätte, lassen wir lieber dahin­ge­stellt. Dass Choreo­grafen dazu neigen, ihre Tänzer unter­be­lichtet zu zeigen, ist kein Geheimnis. Aber wenn aus Reihe 16 – also einer durchaus zumut­baren Entfernung zur Bühne, stellt sie doch in etwa die Hälfte der Distanz des Gesamt­saals dar – selbst mit optischer Unter­stützung in Form eines Fernglases keine Gesichter mehr erkennbar sind, fällt einem dann doch wieder das Hinterteil des geliebten Weide­viehs ein.

Das ist angesichts des Auftritts einer Compagnie wie der Paul Taylor Dance Company aus New York besonders ärgerlich. Taylor gilt als Tanzle­gende. 1955 gründete er sein eigenes Ensemble. Als er im Sommer vergan­genen Jahres im Alter von 88 Jahren starb, übernahm Michael Novak die künst­le­rische Leitung, von dem Taylor sagte: „Michael hat unser Reper­toire gemeistert und sich in der Tanzge­schichte einen Namen gemacht. Er versteht die Notwen­digkeit, die Vergan­genheit, die Gegenwart und die Zukunft des modernen Tanzes gleich­zeitig zu pflegen.“ Jetzt präsen­tiert sich die Company mit drei Choreo­grafien in Neuss.

Half Life ist eine Choreo­grafie von Doug Varone aus dem vergan­genen Jahr, die beiden älteren Werke Scudorama und Piazzolla Caldera stammen von Paul Taylor aus den Jahren 1963, wurde 2008 gründlich überar­beitet, und 1997.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Bei Half Life scheinen sich tekto­nische Platten unter­ir­disch zu verlagern, was auf der Erdober­fläche für mächtige Verwer­fungen sorgt. Nein, Varone ist kein politi­scher Choreograf, aber auch ihn haben die massiven politi­schen Verän­de­rungen unter Trump gedanklich aus der Bahn geworfen. In der künst­le­ri­schen Ausein­an­der­setzung bedeutet das, dass die Tänzer, einfache Menschen in Jeans und T‑Shirt, nicht mehr mit der Ankün­digung der Katastrophe leben müssen, sondern sich aus der Katastrophe selbst zu retten haben. Das führt zu allen möglichen mensch­lichen Reaktionen. Zusam­men­rot­tungen gibt es da ebenso wie Solida­ri­täts­be­kun­dungen, Hilfe­stel­lungen und Rettungs­ver­suche. Es ist ein fulmi­nanter Auftakt des Abends. Fuel von Julia Wolfe ist ein Werk, das Streicher in Bedrängnis und Weltun­ter­gangs­stimmung bringen kann. Also ideal geeignet, die Choreo­grafie in ihrer Wirkung zu unter­streichen. Die passenden Aller­welts­kostüme hat Liz Prince entworfen. James F. Ingallis hat sich um das Licht gekümmert. Sieben Neonlampen hängen im oberen Hinter­grund der Bühne und machen den größten Teil der Beleuchtung aus. Daraus ergeben sich Hell- und Dunkel­un­ter­schiede auf niedrigstem Niveau. Damit rückt die politische Aussage in den Vorder­grund, denn von den Tänzern ist nicht viel zu erkennen.

Das ändert sich auch bei Scudorama nicht wesentlich. Thomas Skelton verzichtet auf eine Grund­hel­ligkeit und beschränkt sich auf indirekte Spots. Wenn die Spots ausrei­chend hell sind, mag das funktio­nieren. In Neuss fehlt die Licht­stärke. Und so ist vom „Tanz des Todes mit leichten Berüh­rungen“, wie Taylor seine Choreo­grafie beschrieben hat, nur wenig zu sehen. Alex Katz hat die Männer in Straßen­anzüge, die Frauen in Ganzkörper-Trikots gesteckt, was erst mal einen gewissen Reiz verspricht. Tatsächlich ergibt sich die Wirkung aus den verschie­denen Fortbe­we­gungs­arten, die Taylor für diese Arbeit entwi­ckelt hat. Es wird gekrabbelt, gekrebst oder akroba­tisch gerad­schlagt. Verschiedene Motive vereinen sich zu einem Todes­reigen. Da gibt es die drei Grazien in Schwarz, die sich zu der eigens für das Werk entwi­ckelten Kompo­sition von Clarence Jackson auch schon mal zum Dixie bewegen, aber auch die Solistin in Rot, die den Todes­kampf zu bewäl­tigen hat. Dass die Tänzer zwischen­zeitlich Tänze­rinnen wie Turbane um den Kopf gerollt hinein­tragen, mag jeder für sich selbst deuten, in der Dunkelheit verliert es an Effekt.

Foto © Paul B. Goode

Im dritten Teil des Abends geht die Wut an die Grenzen. Schließlich hat Santo Loquasto für Piazzolla Caldera ganz wunderbare Kostüme entworfen. Die Frauen treten in geblümten, trans­pa­renten Kleidern mit tiefem Ausschnitt auf, lassen die Lingerie theore­tisch glänzen, während die Männer sich in weiten Hosen mit Westen, Muscle-Shirts mit Hosen­trägern oder einfach in engan­lie­genden Polohemden präsen­tieren. Jennifer Tipton hat das Licht­design entwi­ckelt, das sich in Neuss als trübe Funzel zeigt. Und das bei einer der sicher großar­tigsten Arbeiten von Paul Taylor. Denn hier zeigt er zur Musik von Astor Piazzolla und Jerzy Peter­burshshky eine geniale Umsetzung des Tangos. Zwischen die tradi­tio­nellen Cruzadas, Ochos oder Giros mischen sich elegante Hebungen und akroba­tische Einlagen. Das hat man doch schon selbst so ähnlich – also zumindest in der Erinnerung … die Herzen passio­nierter Tango-Tänzer schmelzen dahin. Tanzschul­lehrer wären stolz darauf, was sich bei ihren Schülern in diesen Momenten im Kopf abspielt. Der Rest des Publikums ist begeistert von der Mischung aus Tradition und Moderne, aus Volkstanz und Kunst.

Aber irgendwann endet auch der schönste Tango in Sehnsucht und Verzweiflung, in den Gedanken vom verpassten Leben und den Chancen, die das Leben bietet. Der Rausch der Erotik findet sein Ende mit dem letzten Ton des Tangos, in dem der Tänzer vielleicht noch punkt­genau einen Ocho vollbringt. Und dann beginnt der Tango von neuem …

In Neuss gibt es statt einer Fortsetzung rasenden Applaus. Obwohl das Publikum vermutlich nicht einmal die Hälfte gesehen hat. Es stimmt schon. Da möchte man gar kein helleres Bühnenbild – bestünde doch Gefahr, dass das Publikum sonst vor lauter Begeis­terung die Bühne stürmte. Also alles gut in Neuss, und wir freuen uns auf die nächste Spielzeit, in der selbst schaum­ge­bremste Bühnen­bilder noch für Zwischen­ap­plause sorgen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: