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Foto © O-Ton

Europa ist mehr als Politik


EUROPA VERTEIDIGEN
(Konstantin Küspert)

Besuch am
13. März 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Studio

Im Mai dieses Jahres steht ein histo­ri­scher Termin an. Die Europa-Wahl. Und eigentlich müsste das die Europäer mit Freude und Spannung erfüllen. Die öffentlich-recht­lichen Sender sollten zu diesem Zeitpunkt schon kaum mehr ein anderes Thema haben, als Europa und seine politi­schen Gremien zu erklären, die Bedeutung dieser Wahl zu verdeut­lichen und die Bürger an die Wahlurnen zu rufen. Nichts dergleichen passiert. Hin und wieder mal eine kurze Mitteilung in den Nachrichten, welcher bekannte Politiker in die Europa-Politik weggelobt wird. Was wir in diesen Jahren erleben, ist die eigent­liche Katastrophe. Politik und Medien versagen total. Klima­wandel und „Diesel­skandale“ beherr­schen die Schlag­zeilen, obwohl es eigentlich um Visionen für die Zukunft Europas gehen sollte.

Sind wir ehrlich, befindet sich Europa in der dunkelsten Stunde seiner Existenz. Unsere Grund­werte wie der der Menschen­würde haben wir längst verraten. Wir lassen Mitmen­schen, die unsere Hilfe brauchen, im Mittelmeer ersaufen, um den eigenen Überfluss zu sichern. Kann man tiefer sinken?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Konstantin Küspert setzt sich mit dem Thema künst­le­risch ausein­ander. In seinem Werk Europa vertei­digen gibt es einen wilden Streifzug durch den Mythos der griechi­schen Götter, die Geschichte vom Römischen Reich über Kolonia­li­sierung bis zu State­ments junger Leute zum gesell­schaft­lichen Befinden in der Gegenwart. Und er schreckt auch nicht vor Frontex zurück, jener „Agentur“, die für die Abwehr von Flücht­lingen im Mittelmeer zuständig ist. Seine Essenz: Europa hat viele Narben davon­ge­tragen, aber gerade auf dem Boden dieser Erfah­rungen kann es nur eine glänzende Zukunft geben.

Regisseur Christian Quitschke hat aus dem Stoff so etwas wie eine quietsch­bunte Revue gezaubert. Bühne und Kostüme dazu hat Stefanie Dellmann entwi­ckelt. Im Studio des Lever­ku­sener Forums ist ein vierstu­figer Podest aufgebaut. Im Hinter­grund bieten griechische Stelen das Gerüst für eine Projek­ti­ons­fläche, auf der prägnante Grafiken die zeitliche Einordnung der Handlung erleichtern. Davor gibt es mittig eine Einlassung, die unter anderem als Meer mit Plastik­kugeln – ein netter Seitenhieb – und einer Menge Requi­siten dient. Zwischen Podest und Zuschau­er­tribüne gibt es noch einen schmalen Gang, der recht häufig bespielt wird, so dass die Zuschauer in den oberen Reihen die Darsteller immer nur zur Hälfte sehen. Das ist ein wenig unglücklich gelöst, funktio­niert in Neuss auf der großen Bühne besser, dafür bekommt die Nähe im Studio dem Stück ungemein.

Katharina Dalichau – Foto © O‑Ton

Ansonsten merkt man Dellmann die Freude an der Requisite an. Spiel­zeug­schwerter, Speer­besen, angeklebte Papp-Bärte und zu jeder Gelegenheit das passende Mützchen oder für Elefanten und Stier auch schon mal ein Ganzkör­per­kostüm. Auf den Grund­farben weiß und silber nimmt sich das alles hübsch farbenfroh aus. Die Kostüme geben viel Haut frei, wirken leicht, luftig und deuten fanta­sievoll die jewei­ligen Rollen an. Genauer geht es auch nicht, übernehmen die Schau­spieler doch im Laufe von 90 Minuten verschie­denste Rollen.

Eine strin­gente Handlung ist nicht vorge­sehen, wenn sich auch verschiedene Handlungs­stränge weiter­ent­wi­ckeln. In einer bunten Mischung aus Musik­ein­lagen, Spiel­szenen und Monologen, die in der Länge gerade noch erträglich sind, entwi­ckelt sich ein sprit­ziger Abend, der geogra­phisch von Grönland bis ans Mittelmeer reicht. Kleinere Gags verleiten zum Schmunzeln, rutschen aber nie in Slapstick oder Schen­kel­klopfer ab. Die Perso­nen­führung ist eine logis­tische Glanz­leistung, die ohne Brüche auskommt, aber gehörige Anfor­de­rungen an die Schau­spieler stellt.

Das Ensemble zeigt sich gut vorbe­reitet und ausge­sprochen spiel­freudig. Wunderbar tragen Katharina Dalichau und Rainer Scharenberg ihre Monologe vor. Peter Waros ist insbe­sondere um seine Rolle als kämpfender, pinkfar­bener Elefant nicht zu beneiden, zumal Saskia Leder die Kampf­szenen durchaus anspruchsvoll choreo­gra­fiert hat. Anna Lisa Grebe, Hubertus Brandt und Juliane Pempelfort gefallen ganz besonders in den Fortex-Szenen. Die sind es auch schluss­endlich, die den Zuschauern das Lächeln auf den Lippen gefrieren lassen, wenn sie zeigen, was die Arbeit der Agentur Frontex in der Praxis bedeutet. Sicher einer der stärksten Momente des Stücks, das gerade erst vor zwei Wochen in Neuss zur Urauf­führung kam.

Das Publikum fühlt sich in histo­ri­schen Ausflügen, Betrof­fen­heits­mo­no­logen, Europa-Kritik und dem Glauben an ein Europa, das jeder von uns ist, gut unter­halten und spart nicht am Applaus. Einmal mehr zeigt das Rheinische Landes­theater Neuss, dass es mehr drauf hat, als Klassiker aus der Motten­kiste zu holen. Da wird ganz zeitge­nös­sisch mit herrlich alten Theater­mitteln die Botschaft verkündet, dass es eben nicht darum geht, Europa zu vertei­digen, sondern es gemeinsam zu verbessern und gestärkt aus diesen dunklen Zeiten hervor­gehen zu lassen.

Michael S. Zerban

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