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Als 2010 Medea, Aribert Reimanns achte Oper, in der Wiener Staatsoper aus der Taufe gehoben wurde, begann eine zeitweise schon hysterisch be- und umjubelte Erfolgsgeschichte, die man einer zeitgenössischen Oper kaum zutrauen mochte. Auch wenn der damals 74-jährige Komponist Aribert Reimann heißt und neben Hans Werner Henze die Liste der Aufführungszahlen moderner Opern bis heute tapfer anführt. Der ebenfalls euphorische, kaum enden wollende Jubel nach der Premiere am Essener Aalto-Theater, der ersten echten Neuinszenierung des Werks seit der Wiener Uraufführung, scheint die Zugkraft des Werks zu bestätigen. Und das, obwohl Reimann keine leichte Kost bietet. Aber dafür ein Werk, das in seiner Konzeption und musikalischen Sprache trotz aller Widerhaken traditionelle, sprich vertraute Wurzeln erkennen lässt.
Das beginnt bei dem von Reimann selbst gestrickten Libretto auf der Grundlage eines Dramas von Franz Grillparzer, der die rachsüchtige Medea nicht mehr als abstoßende Megäre versteht, sondern als eine zutiefst verletzte und ausgegrenzte Frau, womit er den Beginn einer differenzierteren Betrachtung der antiken Figur einläutete. In der Tat erleben wir Medea in der Oper als eine Frau, die nichts anderes sucht als Liebe. Liebe zu ihrem Mann und ihren Kindern. Beides wird ihr verweigert. Und selbst der an sich abscheuliche Mord an ihren heißgeliebten Söhnen erscheint in einem milderen Licht, wenn es bei Grillparzer heißt: „Nicht dir, den Göttern send ich sie.“ Einem logischen Kalkül folgend, den Kindern das Schicksal ersparen zu wollen, in den Fängen ihres unzuverlässigen Gatten Jason aufwachsen zu müssen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Im Gewand einer konservativen Literaturoper, die sich strikt traditionellen dramaturgischen Gesetzen unterwirft und keinen Ansatz zu neuen Darstellungsmöglichkeiten des Musiktheaters erkennen lässt, stellt sich die Medea wie ein weibliches Gegenstück zu Reimanns ähnlich gebauter und bisher erfolgreichster Oper, dem Lear, dar. Mit seinem Bühneninstinkt gelingt Reimann eine suggestive Tonsprache, die in ihrer dumpf brütenden Herbheit und mit ihren scharfen Clustern im Orchester eine archaische Unerbittlichkeit zum Ausdruck bringt, die dem erheblich biegsameren und den psychischen Fieberkuren der Titelpartie schmiegsamer nachgehenden Gesang ein schroff klingendes Korrektiv gegenüberstellt. Bei aller Empathie für die gedemütigte Titelfigur: Reimann gelingt es geschickt, falsches Mitleid zu vermeiden.
Regisseur Kay Link verzichtet folgerichtig auf klischeehafte Verzweiflungs- oder gar Wahnsinnsgesten der Figur, die ihre Taten kontrolliert plant und ausführt. Dadurch agiert Medea in Essen völlig untheatralisch und merkwürdig „alltäglich“. Wir erleben eine Frau, die an ihrer unerfüllten beziehungsweise von Jason verratenen Liebe leidet und an der Trennung von ihren Kindern zu zerbrechen droht. Auch die Männer erhalten kein übermenschliches Format. Selbst „Superheld“ Jason nicht, der, der Liebe zu Medea überdrüssig und bereits mit Kreons Tochter Kreusa in einem neuen Hafen der Liebe ankernd, wie ein gewöhnlicher treuloser Ehemann zwischen Unbehagen und schlechtem Gewissen schwankt und den letzten Rest an heldenhaftem Glanz einbüßt. Und auch das königliche Format Kreons bleibt bescheiden, der kein eigenes Rückgrat erkennen lässt. Interessant, dass neben der Titelfigur die Amme und Jasons neue Geliebte, Kreusa, die stärksten Persönlichkeitsstrukturen aufweisen.

Es sind keine spektakulären Gesten, die Links Personenführung bestimmen. Und auch Ausstatter Frank Albert huldigt der Kunst der Reduktion. Die dunkel ausgeleuchtete Bühne bleibt oft leer. Ansonsten reicht eine recht einfache Treppenkonstruktion mit einer überdachten Balustrade, um die Spielorte völlig angemessen anzudeuten. Schade, dass auf der großen Bühne des Aalto-Theaters meist weit im Hintergrund gespielt wird, so dass die Figuren schon in der zehnten Reihe extrem klein wirken, obwohl vieles besser in einem Kammertheater als einem großen Opernhaus aufgehoben wäre.
Musikalisch ist der Essener Oper ein großer Wurf gelungen. Dem versierten Dirigenten Robert Jindra hat der Komponist bereits während der Probenarbeiten höchstes Lob gezollt. Und die Essener Philharmoniker bewältigen ihre nicht alltäglichen Aufgaben unter seiner Leitung geradezu bravourös. Eine Glanzleistung, die nur noch durch Claudia Barainsky als Medea getoppt wird. Reimann verlangt den Gesangsstimmen zwar niemals Unmögliches oder gar Schädigendes ab, hat die Partie der Medea allerdings mit derart sperrigen Koloraturen, Tonverknüpfungen und ‑sprüngen ausgestattet, dass sie selbst die Schwierigkeiten der Lulu übersteigt. Barainsky hat in der Rolle bereits in Frankfurt und Wien Triumphe gefeiert und bewältigt die stimmlichen Anforderungen mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass sie mit souveräner Gelassenheit alle Fassetten ihrer Rolle ausspielen kann.
Liliana de Sousa als Kreusa präsentiert ihre Rolle mit soubrettenhafter Leichtigkeit, ohne die Gespielin Jasons auf die Dimensionen eines allzu leichtgewichtigen Püppchens zu reduzieren. Marie-Helen Joël präsentiert die warnenden Worte der Amme Gora mit sattelfester Stimme und großer Autorität. Die Männerrollen präsentieren sich, dem Libretto entsprechend, blasser, was die Leistungen von Sebastian Noack als Jason und Rainer Maria Röhr als wankelmütigem König Kreon nicht mindert. Unschöne Härten weist die Stimme des Countertenors Hagen Matzeit als Herold auf.
Begeisterter, langanhaltender Beifall im Stehen für eine zeitgenössische, wenn auch traditionell gestrickte Oper. Das gibt es nicht oft.
Pedro Obiera