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Sterbende Illusionen

SCHLIESS DEINE AUGEN – RIEN NE VA PLUS!
(Maurice Maeter­linck, James Matthew Barrie, Dennis Cooper)

Besuch am
27. März 2019
(Urauf­führung)

 

Theater Essen, Casa

Fragt man junge Kreative, wie sich ihre Arbeit entwi­ckeln soll, fällt überdurch­schnittlich oft das Wort genre-übergreifend: Kunst als allum­fas­sender Begriff. In der Tat liegt hier vermutlich noch viel Potenzial brach. Im täglichen Theater­be­trieb folgt die Ernüch­terung. Strenge Hierar­chien, scharf abgegrenzte Aufga­ben­zu­wei­sungen und Zeitpläne, die kaum die Beschäf­tigung mit anderen Sparten zulassen, entsprechen eher der Wirklichkeit als große Brain­storming-Runden für Regis­seure, Choreo­grafen und musika­lische Leiter, aus denen sparten­über­grei­fende Projekte erwachsen. Da horcht man auf, wenn der Presse­sprecher von Theater und Philhar­monie Essen das Stück Schließ deine Augen – rien ne va plus! vollmundig als „Oper, Ballett und Schau­spiel mit gemein­samer Urauf­führung“ ankündigt.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In der Spiel­stätte Casa, gewis­ser­maßen die kleine Schwester des Grillo-Theaters, gleich nebenan, findet die Urauf­führung statt. Ein Blick in den margi­nalen Abend­zettel zeigt, dass hier eigentlich zwei Stücke zur Aufführung kommen, die auf den ersten Blick herzlich wenig mitein­ander zu tun haben. Da gibt es Tinta­giles Tod nach der Geschichte von Maurice Maeter­linck, aus der Marijke Malitius eine eigene Fassung entwi­ckelt hat, die sie auch selbst insze­niert, und Ohne Ausnahme! Hinter diesem Titel verbirgt sich die Geschichte von Peter Pan. Beiden gemein ist, dass sie sich in isolierten Räumen, nämlich Inseln, bewegen. Während Tintagile um sein kindliches Leben kämpfen muss und Unter­stützung in seiner Schwester findet, was leider unglücklich ausgeht, versucht Peter Pan dikta­to­risch, die ewige Jugend als Idealbild festzu­legen und scheitert an klugen Kindern.

Beide Stücke finden ihre Klammer im Bühnenbild, das Gesa Gröning ausge­sprochen charmant und atmosphä­risch dicht gestaltet. Vor einem Prospekt, der eine Insel­land­schaft andeutet, ist eine ziemlich herun­ter­ge­kommene, gläserne, pflan­zen­über­wu­cherte Hausfassade aufgebaut, hinter der sich eine Wendel­treppe und zwei Wagen befinden, die sich als Schlaf­ge­le­genheit eignen. An dem einen ist ein „Galgen“ angebracht, den man heute politisch korrekt Patien­ten­auf­richter bezeichnet. Rechts vom Haus ist ein Klavier aufgebaut, das rückseitig mit einem Tarnnetz überworfen ist und im zweiten Teil als Attrappe aufgebaut wird. Ein paar zusätz­liche Requi­siten wie eine Tonne vervoll­stän­digen den Aufbau. Vertrocknete Bäumchen unter­streichen den allge­meinen Verfall. Im zweiten Teil ist die Fassade deutlich herun­ter­ge­kom­mener, Müll ist hinzu­ge­kommen, der Verfall ist eindeutig. Warum, erschließt sich nicht. Beleuchtet wird das Ganze überaus gekonnt von Christian Sierau, der auch vor passenden Effekten nicht zurück­schreckt. Erstaunlich, welche techni­schen Möglich­keiten die Bühne hergibt, die sich von einer Studio­bühne nur unwesentlich unterscheidet.

Larissa Machado – Foto © Diana Küster

In diesem Umfeld könnte man nun herrlich spielen, tanzen, singen. Von all dem geschieht zunächst herzlich wenig. Es scheint ein Manko moderner Stücke zu sein, dass man, anstatt die Handlung zu zeigen, sie lieber und am liebsten in Form von Monologen erzählen lässt. Und so wirkt auch Tinta­giles Tod eher wie eine szenische Lesung mit einge­scho­benen Liedern und dem Versuch, durch Tänzer etwas Bewegung auf die Bühne zu bringen. Die eher spröden Kostüme, ebenfalls von Gröning entwi­ckelt, sollen an die Entste­hungszeit der Erzählung erinnern. Und so vollführen Larissa Machado und Sena Shirae ihre Bewegungen, für die eigens Choreograf Igor Volkovskyy bemüht wurde, in kindlichen Matro­sen­an­zügen, Sänger Benjamin Hoffmann bringt im histo­risch anmutenden Anzug als Agiovale seine vier Lieder aus Modest Mussorgskis Lieder­zyklus Kinder­stube vorzüglich zu Gehör, während Anne Stein als Ygraine im Mägdelein-Kostüm erzählt und erzählt und erzählt … Derweil sitzt Chris­topher Bruckman am Klavier, um den Tenor zu begleiten. Nach einer Dreivier­tel­stunde ist alles auser­zählt, und man fragt sich, ohne die vorzüg­lichen Leistungen der Darsteller schmälern zu wollen, was hier eigentlich statt­ge­funden hat, das nicht ein funktio­nie­rendes Schau­spiel allein hätte auf die Bühne bringen können.

In Sascha Krohns Insze­nierung von Ohne Ausnahme! werden die Kostüme deutlich fantasie- und im Detail liebe­voller, aber auch zeitge­nös­sisch gestaltet. Wieder hat Anne Stein, diesmal als Dennis, einen umfang­reichen Monolog – mit zahlreichen Redun­danzen – zu bewäl­tigen. Aber dann wird endlich gespielt. Dazu gibt es echte Tanzein­lagen und kurz vor Ende Michael Tippetts Kantate Boyhood’s End, wiederum in Klavier­be­gleitung. Pianist Bruckman bekommt zusätzlich die Rolle des gemobbten Jo. Sena Shirae und Larissa Machado bleiben ihren Tänze­rinnen-Rollen als Tint und Gilles treu, Benjamin Hoffmann schlüpft außerdem in die Statis­ten­rolle von Ric. Yannick Heckmann, der zuvor als Tintagile nur aus dem Off zu hören war, mimt jetzt einen Peter Pan, wie man ihn so noch nicht kannte. Aus dem kleinen Jungen, der nicht erwachsen werden will, wird hier ein jugend­licher Rebell, ein Verführer und Diktator, der nicht davor zurück­schreckt, unliebsame Anders­den­kende aus dem Weg zu räumen. Die Geschichte von Peter Pan wird hier vom Feenzauber, von Indianern und Kroko­dilen befreit. Aus einem Kinderbuch wird Jugend­theater. Das funktio­niert. Besser wird es dadurch nicht. Krohn liefert aller­dings eine überzeu­gende Regie-Arbeit ab, in der sich das wunderbare Ensemble neigungs­ge­recht entfalten kann.

Die sparten­über­grei­fende Produktion von Oper, Ballett und Schau­spiel ist mit der Lupe zu erkennen – hier gibt es noch sehr viel Luft nach oben. Aber sicher ist schon der Versuch lobenswert. Dem Publikum in der gut besuchten Casa gefällt der Abend, und so gibt es reichlich Applaus.

Michael S. Zerban

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