O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bilder ähnlich der Veranstaltung - Foto © Kirsten Nijhof

In mir singt ein Lied

IN MIR SINGT EIN LIED
(Maartje de Lint)

Besuch am
30. März 2019
(Premiere am 26. Mai 2018)

 

Oper Leipzig, Maartje de Lint

Es ist ein ungewöhn­liches Mitsingkonzert, zu dem sich über 50 Menschen am frühen Samstag­morgen im Konzert­foyer der Oper Leipzig treffen. Denn etwa 15 dieser Menschen leiden an einer Demenz­er­krankung unter­schied­lichen Ausprä­gungs­grades, teilweise sitzen sie im Rollstuhl und sind auf intensive Betreuung und Pflege angewiesen. Neben den Betreuern oder nahen Angehö­rigen sind auch Mitglieder des Opern­chors dabei, die quasi ehren­amtlich das Konzert mitun­ter­stützen. Initiiert wurden diese Mitsingkon­zerte durch die Mezzo­so­pra­nistin und diplo­mierte Trainerin Maartje de Lint, die in ihrer hollän­di­schen Heimat schon lange mit Menschen mit Demenz arbeitet und dabei auch wissen­schaft­liche Aspekte in ihre Tätigkeit einbindet. Im Mai vergan­genen Jahres startete diese einzig­artige Serie von Mitsingkon­zerten an der Oper Leipzig, und seitdem sind alle Konzerte ausver­kauft, es gibt mittler­weile eine Warte­liste. Und wenn man ein derar­tiges Konzert selbst miterlebt, dann weiß man auch, warum. Im Lauf ihrer langen Karriere als Sängerin erlebte de Lint während ihrer Konzerte immer wieder, wie besonders Menschen mit Demenz beim Zuhören immer aufmerk­samer und wacher wurden. Aus dieser Beobachtung heraus hat sie die spezielle BASE-Methode – kurz für: Brain Awakening Singing Education – entwi­ckelt, mit der sie auf struk­tu­reller Basis in der Pflege für Demenz arbeitet. Unter­stützt wurde sie dabei von Wilco Achterberg, Professor für Geriatrie an der Univer­sität Leiden.

Die Methode wurde konti­nu­ierlich weiter­ent­wi­ckelt, bereits in zahlreichen Pflege­heimen in den Nieder­landen prakti­ziert und kommt nun erstmalig in Leipzig zur Anwendung. Durch die von ihr entwi­ckelten Mitsingkon­zerte In mir singt ein Lied in der Pflege bei Demenz werden die erkrankten Gehirn­re­gionen durch gemein­sames Singen angeregt und dadurch äußerst positive Effekte erzielt. Erinne­rungen an Musik werden durch Demenz kaum beein­trächtigt. „Gemein­sames Singen aktiviert das Klang­ge­dächtnis und stimu­liert in der Folge auch die umlie­genden Hirnre­gionen. Die Teilnehmer erwachen buchstäblich aus ihrer Demenz, und die Energie strömt wieder. Das Erlebnis des gemein­samen Singens ist die Basis, um wieder Kontakt mitein­ander herzu­stellen“, fasst Maartje de Lint ihren Ansatz zusammen.

Es ist eine gemüt­liche, fast schon familiäre Atmosphäre, die die Besucher bei diesem Konzert umgibt. Es gibt Kaffee und etwas Gebäck, dadurch entsteht schnell eine vertrau­ens­volle Umgebung, und viele der Menschen mit einer Demenz­er­krankung sind regel­mäßig bei diesen Konzerten. Für de Lint steht die Kommu­ni­kation und Inter­aktion mit diesen Menschen im Vorder­grund. Augen­kontakt, ein Lächeln, eine zärtliche Berührung, und schon nach den ersten Liedern scheint es, als ob viele aus ihrer Welt der Demenz erwachen. Die Augen strahlen, wenn Maartje während des Singens zu jedem einzelnen geht, die Hände zärtlich berührt. Die Verwandlung, die diese Menschen in diesem kurzen Zeitraum durch­leben, ist verblüffend und berührend zugleich. War die alte Dame im Rollstuhl zunächst völlig teilnahmslos, ja, fast apathisch, kommt plötzlich Leben in das Gesicht, sie singt leise die Lieder mit, die sie als junger Mensch geliebt und gesungen hat, und die im Gedächtnis verblieben sind. Und mit ihrer offenen und herzlichen Ausstrahlung schafft es de Lint, diesen Menschen, aber auch deren Angehö­rigen und Pflegern, für knapp zwei Stunden nicht nur ein Gefühl der Freude zu vermitteln, sondern auch einen musik­the­ra­peu­ti­schen Effekt zu erzielen.

Maartje de Lint – Foto © Kirsten Nijhof

Mit dem Erbarme Dich aus Bachs Matthäus-Passion stimmt de Lint die Konzert­gäste ein und hat mit ihrer warmen Stimme auch sofort die Aufmerk­samkeit der Teilnehmer, die in einem Kreis sitzen, während die Thera­peutin während des Singens zu jedem einzelnen geht, ihn berührt und damit auch das letzte Eis zum Schmelzen bringt. Schon das erste Lied Wenn ich ein Vöglein wär animiert alle Gäste zum Mitsingen, und Maartje de Lint mitten im Kreis singt, dirigiert, tanzt und berührt, in jeder Hinsicht. Es sind in erster Linie klassische Volks­lieder, zum Frühling passend, die de Lint mitge­bracht hat.

Jeder Konzer­teil­nehmer hat eine liebevoll gestaltete Mappe bekommen, wo die Liedtexte alters­ge­recht groß gedruckt sind, und zu jedem Lied hat de Lint auch ein schönes passendes Bild hinzu­gefügt. Spätestens bei Tulpen aus Amsterdam, für die Hollän­derin natürlich ein Muss, kann sich keiner mehr diesem Zauber entziehen. Und dass die Sängerin auch noch für jeden Gast eine Tulpe mitge­bracht hat, lässt bei so manchem dann doch die Augen feucht werden.

Ein Höhepunkt des gemein­samen Singens ist In mir singt ein Lied, angelehnt an Frédéric Chopins Klavier-Etüde Nr. 3. Da scheinen bei vielen die Erinne­rungen zu strömen, so innig singen sie alle mit. Zur großen Kunst wird dann das Dona Nobis Pacem, das gleich in drei Gruppen gesungen wird. Unter­stützt wird de Lint dabei durch Ihren Mann, Thomas Eitler-de Lint, Chordi­rektor der Oper Leipzig und Jordi Molina, Mitglied des Opern­chores, die jeweils eine Gruppe dirigieren und so die Stimmen zu einem harmo­ni­schen Kanon vereinen. Dass Chorleiter Eitler-de Lint und Damen und Herren des Opern­chores an diesem Samstag­morgen das Mitsingkonzert unter­stützen, ist auch deshalb so beachtlich, weil bereits am Abend die Premiere von Richard Wagners Der Fliegende Holländer auf dem Programm steht, bei der dem Chor gesanglich und schau­spie­le­risch so einiges abver­langt wird. Aber an diesem Morgen sind sie ausschließlich für die Teilnehmer des Mitsingkon­zerts da. Und natürlich nicht zu vergessen Maria König am Flügel, die sich ganz flexibel auf Maartje de Lint einlässt und dabei auch großes Impro­vi­sa­ti­ons­können in der Begleitung beweist. Bei Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein wagen sogar einige ein kleines Tänzchen. Besonders berührend ist eine Dame, die sich sanft mit ihrem demenz­kranken Ehemann im Rollstuhl im Takt wiegt. Dann heißt es schon Auf Wieder­sehen und Danke­schön, und ein berüh­rendes und inspi­rie­rendes Konzert geht zu Ende.

Zurück­bleiben gelöste und strah­lende Gesichter und das gute Gefühl, durch die Musik und den Gesang den Menschen mit einer Demenz­er­krankung und deren Angehö­rigen einen beson­deren Moment der Verbun­denheit und Freude bereitet zu haben. Der Oper Leipzig gebührt hier sicher der Dank, für ein derar­tiges Projekt den Rahmen zu gestalten und ein Mitsingkonzert überhaupt zu ermög­lichen. In Koope­ration mit dem Verein Selbst­be­stimmt Leben Leipzig und Umgebung und einem Sponsor konnte das Projekt reali­siert werden.

Der Verein Selbst­be­stimmt Leben Leipzig und Umgebung unter­stützt Menschen mit Demenz und ihre Angehö­rigen durch Beratung, Begleitung und Betreuung in der Häuslichkeit. Demenz ist eine der häufigsten Krank­heiten im Alter: Der Verlust der geistigen Leistungs­fä­higkeit und das quälende Verlö­schen der Persön­lichkeit betrifft weltweit rund 45 Millionen Menschen – und jedes Jahr kommen weltweit über 300.000 Betroffene dazu. Allein in Deutschland sind 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Noch immer gibt es kein Heilmittel, und nicht alle Ursachen sind bekannt. Dennoch weiß man bereits, wie sich beispiels­weise das Erkran­kungs­risiko senken lässt. Und es gibt immer wieder neue Therapien und Betreu­ungs­mög­lich­keiten für Menschen mit Demenz. Die Musik­the­rapie ist dabei ein wichtiger Ansatz, auch um die Erkrankten am gesell­schaft­lichen Leben noch teilhaben zu lassen.

Die Oper Leipzig veran­staltet noch zwei Mitsingkon­zerte in diesem Frühling, die aber schon lange ausver­kauft sind. Die gute Nachricht: In der kommenden Spielzeit werden die Mitsingkon­zerte mit Maartje de Lint fortge­setzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Idee der Mitsingkon­zerte für Menschen mit einer Demenz­er­krankung verbreitet wird und auch andere Häuser ein derar­tiges Projekt veranstalten.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: