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Liebe ist ein Spiel für Verlierer

ROMÉO ET JULIETTE
(Charles Gounod)

Besuch am
30. März 2019
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Oper Düsseldorf

Im August entwi­ckeln sich die italie­ni­schen Haupt­städte zu Glutöfen. Also verlassen die Italiener, die es sich leisten können, in dieser Zeit die Metro­polen, um in den Bergen oder an der See Urlaub zu machen. Damit erliegt in Italien in dieser Zeit nahezu das gesamte adminis­trative und wirtschaft­liche Leben. Statt­dessen wird der 15. August gefeiert, den die Italiener Ferra­gosto nennen. Der Begriff leitet sich nicht etwa von einem eisernen August ab, weil es so unerträglich heiß ist, sondern von den feriae Augusti, den Feier­tagen des Kaisers Augustus, der 29 vor Christus drei Tage lang seine erfolg­reiche Eroberung Ägyptens feiern ließ. Der Einfachheit halber heißt heute gleich der gesamte Urlaub Ferragosto.

In diesen Zeitraum verlegt Regisseur Philipp Wester­barkei seine Geschichte von Roméo und Juliette, der er die Musik von Charles Gounod zugrunde legt. Und kommt damit gleich­zeitig in der Gegenwart an. Zwar gibt es die Familien Montaigu und Capulet noch, aber ihre Zwistig­keiten sind oberflächlich beigelegt, ja, man feiert sogar zusammen, wenn auch die Wunden noch nicht verheilt sind und eine Kleinigkeit ausreichen könnte, einen neuen Klein­krieg zu entfachen. Weil heute im italie­ni­schen Sommer Masken­bälle völlig obsolet sind, gibt es statt­dessen jede Menge Party mit Gruppentanz. Bei einer dieser Partys verlieben sich Juliette Capulet und Roméo Montaigu inein­ander. Juliette ist eine junge, attraktive Frau aus einer wohlsi­tu­ierten Familie. Ihre Rolle besteht darin, schick auszu­sehen und später den Grafen Pâris zu heiraten. Über Roméo ist wenig zu erfahren. Zwar hat er bereits seine erste große Liebe hinter sich, Rosaline leidet noch darunter, aber was er macht, außer gut auszu­sehen, auf Partys zu gehen und seiner Leiden­schaft zum Leben zu frönen, bleibt im Dunkel. So wird der Grund­stein für die größte, unglücklich ausge­hende Liebes­ro­manze auf die glaub­haftere Ebene zweier Jugend­licher verlegt. Die beiden 15-jährigen Kinder, die Shake­speare sich zur Erhöhung des drama­ti­schen Effekts ausge­dacht hat, tauchen in Wester­barkeis Insze­nierung nur noch als Reminiszenz auf.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Tatjana Ivschina, zu Recht vielge­rühmt für ihre fanta­sie­vollen Kostüme und Bühnen­bilder bei den Famili­en­opern, die Düsseldorf, Duisburg, Bonn und Dortmund so erfolg­reich imple­men­tiert haben, wählt „heutige“ Kostüme aus. Juliette tritt als Schicky-Micky-Lady im Silber­lamée-Wickel­kleid auf, das sie später – auf der Bühne – ablegen wird, um es gegen ein tradi­tio­nelles Braut­kleid zu tauschen oder gleich im Unter­kleid zu bleiben. Roméo erinnert an einen Bohémien aus Puccinis La Bohème. Um sie herum baut Ivschina die Bühne auf. Der berühmte Balkon fehlt. Statt­dessen gibt es im Hinter­grund einen Felsen, der einer­seits für die Urlaubsorte stehen kann, anderer­seits der schwer zugäng­liche Ort ist, an den man sich zurück­ziehen, auf den man fliehen und von dem aus man schnell verschwinden kann. Darüber ein Licht­rahmen, der im vierten Akt als Lichtermeer auf dem Boden dient. Volker Weinhart arbeitet mit schönen Licht­ef­fekten, die über das von ihm gewohnte Maß hinaus­gehen und die Insze­nierung deutlich heben. Im Vorder­grund wird mit Stühlen hantiert. Später wird der Felsen anlässlich der Hochzeit in den Vorder­grund geschoben, ehe er ganz hinter einer Wand verschwindet, die als Bestandteil der Gruft dient. Immer dabei ist das Madon­nen­standbild, das auf den 15. August als Mariä Himmel­fahrt verweist.

Die Perso­nen­führung Wester­barkeis sorgt für ausrei­chend und gutmo­ti­vierte Bewegung, schafft gelungene Übergänge und gibt vor allem Luiza Fatyol immer wieder ausrei­chend Gelegenheit, sich ins rechte Licht zu setzen. Die Sopra­nistin stammt aus der Kader­schmiede Cluj-Napoca, absol­vierte das Opern­studio der Deutschen Oper am Rhein und wurde ins Ensemble übernommen. Schon vom ersten Tag an überzeugte sie in Düsseldorf, jetzt hat sie mit Julietta eine wirklich anspruchs­volle Haupt­rolle übertragen bekommen. Und nachdem sie sich freige­sungen hat, ist sie absolut bewun­dernswert. Sie ist eine Juliette, die von Anfang an unter ihren Lebens­um­ständen leidet, was sie darstel­le­risch überzeugend zeigt. Mit fantas­ti­schem Volumen in den Höhen – da scheint noch Luft nach oben – bringt Fatyol eine unglaub­liche Dramatik ins Spiel, lässt sich aber gern auch auf die leisen Phrasen ein, die sie gefühlig über die Rampe bringt. Wer eine Opern­sän­gerin erleben will, die kurz davor ist, die inter­na­tio­nalen Bühnen zu erobern, kommt an Roméo et Juliette von Charles Gounod an der Deutschen Oper am Rhein nicht vorbei. Grandios, wie sie sänge­risch und darstel­le­risch eine erwachsene Juliette zeigt.

Foto © Hans Jörg Michel

Ovidiu Purcel glänzt als Darsteller von Roméo, zeigt jenen jungen Wilden, bei dem so manche Frau gerne schwach wird, obwohl sie genau weiß, dass sie sich an ihm die Finger verbrennen wird. Und wenn er sich in die Höhen empor­schwingen, seine Stimme frei entfalten kann, gelingen ihm wunderbare, drama­tische Momente. Die übrigen Rollen sind alle adäquat besetzt, und so wird der Abend zu einem großen Opernfest, an dem selbst der Gruppentanz, der sich – häufiger unpassend als gefällig – als Motiv durch­zieht, nichts ändern kann.

David Crescenzi hat der Partitur nicht nur ein pulsie­rendes Trommeln beigefügt, das die Spannung merklich steigert, sondern zeigt sich auch hochenga­giert in der Durch­führung des Abends. Er führt nicht nur mit großer Geste durch die Tutti, sondern hat auch ein feines Gespür für die Pianissimi. Dirigiert den Chor, der neben gewohnter Spiel­freude in der Einstu­dierung von Gerhard Michalski glänzt, ebenso deutlich wie die Sänger, ohne den Düssel­dorfer Sympho­nikern Raum zu nehmen. Er lässt Gounod atmen, ohne ihm die Dramatik zu nehmen.

Das Publikum, dass seinen Alters­durch­schnitt an diesem Abend deutlich gesenkt hat, bedankt sich mit eher zurück­hal­tendem Applaus, der wohl eher mit der dreistün­digen Aufführung als mit der tatsäch­lichen Leistung zu tun hat. Fatyols Gesicht ist anzusehen, dass sie „angekommen“ ist. Endlich darf sie die Leistung zeigen, für die sie viele Jahre hart gearbeitet hat. Heute steht sie in einer Haupt­rolle an der Rampe. Zu Recht. Für das Regie-Team gibt es ein paar Buh-Rufe, die so unglaub­würdig klingen, dass man sie nicht wahrnehmen möchte. Wester­barkei zeigt zwar eine dem Klischee nicht entspre­chende Geschichte, aber damit überzeugt er. Also unbedingt anschauen. Und Luiza Fatyol hören.

Michael S. Zerban

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