O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Es war wohl das Musical des 17. Jahrhunderts in England, die fünfaktige Semi-Oper King Arthur von Henry Purcell, ein Dreiklang aus Musik, Schauspiel und Tanz, eine Mischung von Komödie und Tragödie nach der Dichtung von John Dryde. Darin sind die Hauptrollen für die Schauspieler gedacht, die Nebenrollen, allegorische Figuren wie Cupido oder der Genius der Kälte, werden gesungen. Märchenhaft magische Elemente durchziehen die revueartige Handlung mit ihren meist kurz wechselnden Szenen. Hier wird aber nicht die berühmte Artus-Sage thematisiert. Vielmehr geht es um die Geburt des britischen Empire nach dem Sieg des britischen Königs Arthur im Zweikampf mit dem Sachsenkönig Oswald. Friede zwischen den verfeindeten Parteien wird vor allem durch eine Frau, die Verlobte von Arthur, Emmeline von Cornwall, herbeigeführt. Ein zweites wichtiges Thema erschließt sich im dritten Akt in der bekannten Frost-Szene und der Botschaft, dass die Macht der Liebe selbst das kälteste Herz auftauen könne.
Im Mainfranken-Theater Würzburg wird nun sehr überzeugend von allen drei Sparten des Hauses das alte Werk überraschend frisch aus der Taufe gehoben und erhält in der Regie von Dominik von Gunten und Kevin O’Day moderne, unterhaltsame Züge. Alles beginnt mit einem Donnerschlag: Das magische Schwert Excalibur steckt plötzlich in der Erde, das Arthurs Königswürde legitimiert, und sein Adlatus, der Zauberer Merlin, ein künstlerischer Typ im hellen Anzug, teilt den zuschauenden Mitwirkenden ihre Rollen zu, und sie schlüpfen dazu in Kleider, die von der Decke herab gefallen sind. Das Spiel beginnt vor einem eigentlich neutral schwarzen Hintergrund, und Philipp Nicolai deutet erst ab dem dritten Akt mit einzelnen Segmenten und passendem Licht sowie Projektionen Schauplätze an wie Landschaft oder Wald. Am glücklichen Ende schließen sich die getrennten Teile zu einem spiegelnden Haus zusammen. Eine auch optisch eindrucksvolle Szene ist das Ritual der Sachsen in ihren sackähnlichen Gewändern, als drei Männer den heidnischen Göttern Wotan, Thor und Freya geopfert werden durch Priestergestalten mit Gestrüpp-Kronen auf dem Kopf, im Schattenriss eine geheimnisvolle Zeremonie.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Gesangsrollen werden hier von Mitgliedern des Chors bestritten, auffallend stimmschön von der Mezzosopranistin Hiroe Ito und dem Bass David Hieronimi. Die Kostüme von Sabine Böing verleiten immer wieder zum Hinschauen, etwa wenn die farbigen „britischen“ Uniformen kontrastieren mit der grauen, „primitiven“ Bekleidung der Sachsen. Einprägsam ist auch das Bild der Schlacht, mit wehenden Bannern, mit Rauch und verquerem Gestänge, mit Leichen, bedeckt mit Fahnentuch. Diese deprimierende Szene wird aufgehoben durch die süßen, weißen Schäfchen, sechs kleine Mädchen mit Fellhosen, die ständig „Mäh!“ rufen. Wolken und Sümpfe sind weitere Hinweise auf Rettung oder Gefährdung. Immer wieder müssen die Chorleute ihr Äußeres wechseln, mal sind sie Geister, mal kommen sie in Blumenkleidern, mal in Schwarz, am Ende in golden glitzernden Oberteilen. Zu bewundern sind dabei die sinnvolle, schnell wechselnde Choreografie, die nahtlosen Übergänge zwischen Traumvisionen und Realität, zwischen Sprech‑, Musik- und Tanztheater, wobei sich aber die Bewegungen der wenigen Tänzer meist nur in ähnlichen weiten Drehungen und etwas schematischen Hebungen erschöpfen, so dass der zweite Teil auch ein paar Längen aufweist.

Dagegen wagen sich die Schauspieler in der Gestaltung ihrer Kämpfe oft bis an die Schmerzgrenze: Die verfeindeten Könige, der Christ Arthur, Cedric von Borries, und der Heide Oswald, der kraftvolle Alexander Darkow, geraten am Schluss geradezu halsbrecherisch im direkten Ringkampf aneinander. Sie werden begleitet von ihren Zauberern, einem milden Merlin, Georg Zeies, und einem düsteren Osmond im schwarzen Kapuzenpulli, Hannes Berg. Herausragend aber ist, wie Johanna Meinhard die blinde Emmeline spielt, wie sie nach Erlangen ihrer Sehkraft staunend sich selbst entdeckt und welche Natürlichkeit sie dabei vermittelt, wie unschuldig sie in der Liebesbeziehung zu Arthur wirkt. Begleitet wird sie von ihrer Freundin und Dienerin Matilda, Maya Tenzer. Ein Glücksgriff ist auch Daniel Fiolka in der Gestalt des intriganten Erdgeistes Grimbald, einer irgendwie schmuddeligen Erscheinung, und er überzeugt auch noch gesanglich mit seinem klaren Bariton. Als Genius der Kälte imponiert Igor Tsarkov mit starkem Bass, und Akiho Tsujii kann als Cupido nicht nur flink und locker überall hinaufklettern, sondern mit ihrem hellen, flexiblen Sopran das auch stimmlich ausdrücken. Ein genialer Einfall ist es, den Luftgeist Philidel durch drei ähnlich aussehende Damen verkörpern zu lassen, durch die Schauspielerin Julia Baukus, die Tänzerin Katherina Nakui und die Sängerin Akiho Tsujii; dieses quirlige, neckische Dreigestirn mit den weißen Tüllröckchen verhindert böses Ungemach. Zuverlässig erfüllt Mathew Habib sängerisch wie darstellerisch seine Aufgaben als Hirte, Priester und Waldwesen. Ein Garant für das glaubhafte Vermitteln wechselnder Stimmungen ist der homogen und differenziert singende und ständig sinnvoll bewegte Chor, einstudiert von Anton Tremmel.
Dass alles musikalisch in angenehm frisch, lebendig und durchsichtig klingendem Rahmen bleibt, dafür sorgt das Philharmonische Orchester Würzburg, in kleiner Besetzung halb hochgehoben postiert, in historisch informierter Spielweise, illustrierend, wenn das Zittern in der Kälte nachgezeichnet wird, oder süß-melancholisch schwelgend, sieghaft kämpferisch oder sogar witzig. Marie Jacquot leitet es engagiert und, da diese Semi-Oper nur ansatzweise notiert ist, hat sie auch Musikstücke aus anderen Werken Purcells herangezogen, etwa beim Preis der Einsamkeit, als Emmeline wieder sehen kann.
Nach dem Ende dieser den meisten Premierenbesuchern unbekannten Oper bricht im Großen Haus einhelliger, langer Jubel los, und die vielen Mitwirkenden werden immer wieder zum Beifall herausgebeten. Die Anstrengung der langen Probezeit hat sich gelohnt und alle Sparten des Theaters einander nähergebracht. Natürlich bleibt die dezente Anspielung auf den Brexit dem Publikum, das oft schmunzeln kann, nicht verborgen.
Renate Freyeisen