O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Tom Schulze

Dunkles Spiel von Sehnsucht und Erlösung

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
30. März 2019
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Ein Holländer insze­niert den Fliegenden Holländer, da erwartet man doch etwas Beson­deres. Und die Premiere der Leipziger Neuin­sze­nierung von Richard Wagners Frühwerk hält der hohen Erwar­tungs­haltung stand. Denn Regisseur und Bühnen­bildner Michiel Dijkema, dem Leipziger Publikum durch seine bildge­wal­tigen Insze­nie­rungen von Tosca, Faust und Rusalka sehr vertraut, macht auch mit dieser Insze­nierung seinem Ruf alle Ehre. Wie immer arbeitet Dijkema eng an der Wagner­schen Partitur, bezieht in seine Recherchen aber nicht nur die autobio­gra­fisch erzählte stürmische Seefahrt Richard Wagners 1839 von Riga nach London ein, die ihn nachdrücklich zu der Bearbeitung dieses Stoffes animiert hat, sondern auch Heinrich Heines Fabel vom Fliegenden Holländer aus den Memoiren des Herren von Schna­bele­wopski. So erscheint der Holländer einer­seits als roman­ti­sches Theater­stück, in dem mit einge­blen­detem Heine­schen Text der Zuschauer eher die Perspektive von Schna­bele­wopski einnimmt. Gleich­zeitig ist das Werk für Dijkema eine Oper mit drama­ti­schem Stoff im herkömm­lichen Sinn, dass die Jenseits-Sucht von Holländer und Senta erörtert. Und so steht ein Psycho­gramm zweier zerstörter Seelen im Vorder­grund der Insze­nierung. Einer­seits der Holländer, der sich nach dem Tod, dem Nichts, als Erlösung sehnt, und auf der anderen Seite Senta, die in ihrer Seelen­ver­wandt­schaft zum Holländer das Gleiche sucht und mit ihm eine Schick­sals­sym­biose eingeht. Sie unter­scheiden sich in ihren Gesten und Kostümen funda­mental von allen anderen Protago­nisten. Senta beschwört in ihren seeli­schen Abgründen den Holländer hervor, der sich nach dem Ende, der Annihi­lation, dem Nichts sehnt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Für Senta ist dieses Sehnen nach dem Unend­lichen heroisch und tragisch zugleich, und in letzter Konse­quenz erlöst sie den Holländer am Schluss, indem sie sich von einem Schiffsmast in den Abgrund stürzt, und der Holländer in diesem Moment zu Staub zerfällt, technisch grandios gelöst.

Dijkema erzählt das Werk wie gewohnt mit opulenten Bildern. Mit Hilfe der ausge­klü­gelten Bühnen­technik dreht sich der Chor wellen­förmig in seinem ersten Auftritt, dass man vom Zusehen schon seekrank werden kann. Passend zu den Worten des Holländers „…wirft mich das Meer ans Land“ wird der Holländer förmlich mit drei gestran­deten Pottwalen ans Ufer gespült. Allein die aufwändige Produktion dieser drei Wale, über acht Meter lang und 200 Kilogramm schwer, sehr natura­lis­tisch darge­stellt, ist gewaltig. Dass im Bauche eines Wales sich noch der Schatz des Holländers befindet, der, nachdem der Wal aufge­schnitten wird, förmlich heraus­kullert, ist szenisch beein­dru­ckend darge­stellt. Die Spinn­stube im zweiten Aufzug zeigt die Spinn­räder als großin­dus­trielle Geräte, überdi­men­sio­niert und doch mit Muskel­kraft zu bedienen. Große gesponnene Kokons, aus dem am Schluss ein blutroter Schmet­terling erwächst, stehen als Metapher für die Metamor­phose Sentas und die Analogie zu den blutroten Segeln des Geister­schiffes. Und dieses Schiff ist der absolute Clou des Abends. Vielleicht ist Dijkema ja ein großer Fan vom Fluch der Karibik, der „Auftritt“ des Hollän­der­schiffes im dritten Aufzug erinnert an Jack Sparrows Black Pearl, ein Dreimaster mit zerschos­senen, blutroten Segeln, Kanonen, Takelage und geisterhaft geschminkte Besatzung. Mit einer techni­schen und logis­ti­schen Meister­leistung wird das erst quer stehende Schiff gedreht, und fährt dann mit dem Bug über den Orches­ter­graben bis zur Hälfte des Parketts, der Vormast ragt bis in den Rang. Das ist 3D-Kino vom Feinsten, ohne 3D-Brille. Dass dieser Effekt an dieser Stelle großen Szenen­ap­plaus erhält, ist zwar bei einer Wagner-Oper eher ungewöhnlich, aber hochver­dient. Gäbe es in der Oper eine Oscar-Verleihung, der Technische Direktor Oliver Gerds und die Bühnen­tech­niker hätten ihn für diesen „Special Effect“ verdient.  Natürlich gab es im Vorfeld der Insze­nierung Diskus­sionen über die Produk­ti­ons­kosten für dieses Schiff, von 100.000 Euro ist da die Rede. Da die Kosten aber durch den Förder­verein der Oper Leipzig übernommen wurden, kann man sich wieder ganz entspannt zurück­lehnen und diesen optisch einzig­ar­tigen Moment in Kombi­nation mit Wagners drama­ti­scher Musik einfach genießen. Ansonsten ist die Ausstattung eher sparta­nisch, da reicht auch schon mal ein Bett und ein Türdurchgang, um das Innere von Dalands Haus zu zeigen.

Foto © Tom Schulze

Auch die Kostüme von Jula Reindell reihen sich in das teils düstere Bild ein. Einheitlich sind die Matrosen in abgewetzter Arbeits­kleidung. Auffällig ist, dass fast alle Matrosen irgendeine Verletzung auf See davon­ge­tragen haben, fast jeder trägt einen Verband, auch der Steuermann humpelt mit banda­giertem Bein. Die Frauen in der Spinn­stu­ben­szene sind einheitlich im norwe­gi­schen Stil der 1840-er Jahre, also der Entste­hungszeit des Werkes, gekleidet, mit strenger Frisur. Sie sind Arbei­te­rinnen, von Mary als Oberauf­se­herin angetrieben. Und auch Mary ist verletzt, muss eine Augen­klappe tragen. Hier scheint jeder, sichtbar oder unsichtbar, seine Wunden zu haben. Sentas Kleid im zweiten Aufzug ist da schon edler, und mit ihren roten Locken hebt sie sich schon optisch von den anderen Frauen ab. Ihr rotes Kleid im dritten Aufzug passt farblich zu den Segeln des Hollän­der­schiffs und den Flügeln des Schmet­ter­lings. Erik erscheint als biederer Jäger­bursche, der ähnlich wie Max im Freischütz allein nicht in der Lage ist, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, und hat daher bei seiner Senta keine Chance mehr, die Übermacht des faszi­nie­renden Holländers ist einfach zu gewaltig. Der Holländer wirkt in seinem Gewand und seinem gespens­ti­schen Habitus tatsächlich wie ein Geist aus einer anderen Zeit und Welt, dessen ewige Landgänge alle sieben Jahre ihn aller Hoffnung auf einen erlösenden Tod beraubt haben. Bei ihm und seinen Gespens­ter­ma­trosen haben Kostüm­bild­nerin und vor allem die Maske großartige Arbeit geleistet.

Foto © Tom Schulze

Während diese gewal­tigen Bilder die Insze­nierung bestimmen, ist Dijkemas Perso­nen­regie dafür eher spärlicher, da spielt sich doch vieles gesanglich ohne große Inter­aktion ab. Ausnahme ist das berüh­rende Duett zwischen Senta und dem Holländer im zweiten Aufzug, wo im Holländer die Hoffnung auf Erlösung wieder aufkeimt und er quasi vor Senta auf die Knie geht. Eriks Cavatine im dritten Aufzug spielt in Sentas Schlaf­zimmer, und während Erik seine Senta an ihr altes Treue­ver­sprechen erinnert, schält sich der Holländer aus Sentas Bett heraus. Eine zutiefst mensch­liche Szene, die klar macht, dass es für keinen der drei eine glück­liche Zukunft geben kann.

Es ist nicht nur ein Abend der imposanten Bilder, es ist auch musika­lisch und sänge­risch bis auf ganz wenige Einschrän­kungen eine Stern­stunde Wagner­scher Darstellung. Mit dem Ausdruck der zerstörten, nach Erlösung suchenden Seele legt Iain Paterson, Leipzigs umjubelter Wotan, die Gestaltung des Holländers an. Mimik und Gestik zeigen die innere Zerris­senheit dieser Figur.

Sein Auftritts­mo­nolog Die Frist ist um im ersten Aufzug besticht durch ein kräftiges Fundament in der Tiefe und starken Höhen in den drama­ti­schen Ausbrüchen. Sein Ausdruck und sein Gestus bei seiner ersten Begegnung mit Senta sind von einer derar­tigen Inten­sität, dass die Qualen, von denen er singt, förmlich sichtbar werden. Das große Duett mit Senta im zweiten Aufzug ist der sänge­rische Höhepunkt der Aufführung, die beiden Stimmen scheinen fast zu verschmelzen, denn in Chris­tiane Libor hat Iain Paterson die ideale Senta an seiner Seite. Ihr hochdra­ma­ti­scher Sopran, mittler­weile Brünn­hilden-gestählt, ist von einer unnach­ahm­lichen Leucht­kraft geprägt. Überzeugend ist ihre drama­tische Stimm­führung, in der Ballade im zweiten Aufzug wechselt sie vom zärtlichen Piano in furien­hafte Ausbrüche, und im großen Duett mit dem Holländer harmo­niert ihre Stimme mit Paterson so wunderbar, dass die Seelen­ver­wandt­schaft der beiden Figuren auch gesanglich zum Ausdruck kommt. Nur in den großen Ausbrüchen im Duett kann Paterson dem durch­drin­genden Stahl der Libor nicht ganz stand­halten.  Randall Jakobsh gibt den aalglatten Daland, der für Reichtum sogar seine Tochter verkauft, mit wohltö­nendem Bass und großer Textver­ständ­lichkeit. Ladislav Elgr in der Partie des Erik zeigt zwar, dass er die Kraft für einen jungen Helden­tenor hat, doch seine Stimm­führung wirkt knödelig und nicht sehr textver­ständlich. Seine Cavatine im dritten Aufzug intoniert er zwar mit großer Leiden­schaft, doch sind die sänge­ri­schen Defizite schon auffällig. Dan Karlström überzeugt als Steuermann mit kulti­viertem Charak­ter­tenor. Sein Auftrittslied im ersten Aufzug zeigt Durch­schlags­kraft und lyrische Qualität zugleich und versprüht dabei Spielwitz und Charme. Karin Lovelius ist eine Mary mit resolutem Mezzo­sopran und starker physi­scher Präsenz.

Chor und Extrachor der Oper Leipzig sind von Thomas Eitler-de Lint hervor­ragend einge­stimmt und begeistern durch saubere Intonation und Inten­sität. Insbe­sondere die Tenöre, die im Steuer­mannchor so dominant sein müssen, sind stark präsent. Auch der Damenchor präsen­tiert sich vorzüglich, und neben der großen Spiel­freude beein­drucken vor allem die Textver­ständ­lichkeit und der sänge­rische Ausdruck und geben dieser Chor-Oper die besondere Würze.

Das Gewand­haus­or­chester überzeugt an diesem Abend durch eine beein­dru­ckende Klang­ma­lerei, aus der die Bläser dominant sauber hervor­stechen.  Die Ouvertüre in der Konzert­fassung ist drama­tisch kraftvoll und dynamisch, das Holländer-Motiv ist stark akzen­tuiert, während das Senta-Motiv eher zart und verletzlich klingt.

Ulf Schirmer leitet das Gewand­haus­or­chester mit klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders im großen Duett zwischen Holländer und Senta, mit Finger­spit­zen­gefühl. Am Schluss gibt es frene­ti­schen Jubel und stehenden Applaus für alle Betei­ligten aus dem Publikum, und besonders Iain Paterson, Chris­tiane Libor, Chor und Orchester werden gefeiert. Das Regieteam muss neben großem Jubel für eine bildge­waltige Insze­nierung auch verein­zelte Buhrufe über sich ergehen lassen. Vielleicht war es dem einen zu viel Spektakel auf der Bühne, vielleicht hat aber auch die Fassung mit Aktschluss und einer kurzen techni­schen Umbau­pause nach dem ersten Aufzug und einer regulären Pause nach dem zweiten Aufzug seinen Anteil daran, dass dann kurzfristig die Spannung abfiel, was nicht jeder im ausver­kauftem Opernhaus goutiert. Dennoch überwiegen die Knall­ef­fekte nach den Pausen, und dieser Holländer hat definitiv das Zeug zum Erfolgsschlager.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: