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Tödliche Liebesverstrickungen

LESSONS IN LOVE AND VIOLENCE
(George Benjamin)

Besuch am
7. April 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Staatsoper Hamburg

Die neue Oper Lessons in Love and Violence von George Benjamin haben in einer beispiel­losen Zusam­men­arbeit sieben große Opern­häuser weltweit kommis­sio­niert. Dazu gehören die Theater in London, Amsterdam, Lyon, Chicago, Barcelona, Madrid und Hamburg. Nach der Weltur­auf­führung am Royal Opera House in London im Mai vergan­genen Jahres reist die Produktion nun um die Welt. Hamburg bringt jetzt die deutsche Erstauf­führung heraus.

Benjamins Textdichter Martin Crimp war schon an Benjamins Welterfolg Written on Skin beteiligt, eine Oper, die beide Künstler 2012 zur Urauf­führung gebracht haben und die an vielen Orten außer­or­dentlich häufig nachge­spielt wird. Sie gilt als eines der erfolg­reichsten Werke der zeitge­nös­si­schen Oper. Entspre­chend hoch waren die Erwar­tungen an das Auftragswerk des Komponisten.

In den Lessons in Love and Violence bezieht sich Crimp auf Shake­speares Zeitge­nossen Marlow und sein Stück Edvard II. In einer Sprache der Zügelung und Wut erlebt der Zuschauer das Drama des Königs, seine tief empfundene homose­xuelle Liebe zu Gaveston, die Verwahr­losung des Landes und Not der Bevöl­kerung, seine Isolierung, den Verlust seiner Frau, der Königin Isabel, mit der er zwei Kinder hat und die er gleichwohl liebt, schließlich seinen Tod. Er sieht auch die Verei­nigung Isabels mit dem effizi­enten Macht­bü­ro­kraten Mortimer und wiederum dessen Ermordung durch den Sohn Isabels und Edvards, den jungen König. Der Kreis schließt sich, die alte Ordnung ist wiederhergestellt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die kaum 90-minütige, pausenlos gespielte Oper strafft Text und Handlung minima­lis­tisch. Die Sprache ist zeitge­nös­sisch, verzichtet auf alle Schnörkel, ist psycho­lo­gisch hart und kalt an der Oberfläche, funkelt aber mit psycho­lo­gi­schen, ironi­schen oder zynischen Bezügen. Sie provo­ziert emotio­nales Entsetzen beim Zuschauer angesichts der ignoranten Überheb­lichkeit der Herrschenden. Eine Situation, die Crimp angesichts heutiger politi­scher Umstände ausdrücklich als tages­po­li­tisch aktuell bezeichnet.

Die Insze­nierung von Katie Mitchell mit Bühnenbild und Kostümen von Vicki Mortimer lässt die Handlung im Einheits­büh­nenbild des königs­blauen Schlaf­zimmers spielen. Das präsen­tiert sich aller­dings in den sieben Szenen des Werkes in jeweils anderer perspek­ti­vi­scher Anordnung und sensibel ausge­leuch­teten Licht­krea­tionen von James Farncombe. Die Kinder des Königs sind während der Handlung, insbe­sondere auch den Mordszenen, fortwährend präsent. Die Bewegung der Akteure wird immer wieder durch eine Art Zeitlu­pen­spiel eingefroren.

Die Überschreibung dieses alten Sujets überrascht durch die Frische der Sprache und eine kühle insze­na­to­rische Umsetzung. Sie ist geprägt von einer kalei­do­sko­pi­schen, unheim­lichen Präzision, die die Unaus­weich­lichkeit des ewigen Kreis­laufs von Liebe, Macht und Tod wirkmächtig manifestiert.

Foto © Karl und Monika Forster

Die Besetzung der Gesangs­partien ist sehr weitgehend von einem Team überwiegend briti­scher Sänger getragen, das auch schon bei der Urauf­führung dabei war. Das gilt jedoch nicht für die Haupt­partien von König und Isabel. In London wurde die Königin noch von Barbara Hannigan, der gefei­erten Hamburger Lulu der letzten Spielzeit, verkörpert. George Benjamin äußert sich explizit dazu, dass er die Stimm­partien auf die Sänger der Urauf­führung zugeschnitten hat. Der König wird in Hamburg von Evan Hughes, die Isabel von Georgia Jarman gegeben, beides junge, hochbe­gabte, erfolg­reiche Sänger aus den USA. Sie standen also in Hamburg vor einer beson­deren Heraus­for­derung, die sie wohl zu meistern wussten.

Es wird aber auch deutlich, dass Gyula Orendt – als Rumäne eine Ausnahme in diesem ansonsten geschlos­senen briti­schen Sänger- und Regieteam – gesanglich und spiel­tech­nisch in der ihm eigenen Dämonie in der Rolle des Gaveston, dem Liebhaber des Königs, im Ensemble deutlich hervor­sticht. Das gilt auch für den Sänger des effizi­enten Macht­po­li­tikers Mortimer, Peter Hoare. Den beiden Protago­nisten gelingt ein durch die Inten­sität ihrer Ausstrahlung besonders überzeu­gender Brücken­schlag zum Publikum.

Benjamin arbeitet mit einem großen Orches­ter­ap­parat, der neben einer tiefge­staf­felten Strei­cher­be­setzung auch einen vielfäl­tigen Schlag­zeug­ap­parat mit teilweise ungewöhn­lichen Instru­menten wie Bongo, Tamburin, Peitsche, Maschi­nen­kas­ta­gnetten, weiterhin Cimbalom und Celesta umfasst. Entspre­chend entfaltet sich ein in der Regel beim ersten Hören eingän­giger, weit gefasster Klang­kosmos, mit teilweise parallel oder mitunter auch diametral entge­gen­ge­setzt zur Handlung kompo­nierter Struktur.

Die musika­lische Leitung des Abends hat der Chefdi­rigent des Hauses, Kent Nagano, seit Jahrzehnten Fachmann der Moderne. Das ist wohl als besondere Referenz gegenüber George Benjamin zu verstehen, der zur Zeit als Residenz­künstler der Elbphil­har­monie häufig in Hamburg weilt und dessen Werke in dieser Spielzeit in der Hanse­stadt oft aufge­führt werden. Die nunmehr mehrjährige Zusam­men­arbeit Naganos mit dem Philhar­mo­ni­schen Staats­or­chester Hamburg zahlt sich bei der Erarbeitung dieses zeitge­nös­si­schen Werkes ganz deutlich aus: die spezi­fi­schen Klang­farben und ‑ballungen sowie die  diffe­ren­zierten rhyth­mi­schen Heraus­for­de­rungen der Partitur werden eindrucksvoll gemeistert.

Insgesamt wirkt die Aufführung trotz ihrer zweifels­freien Quali­täten gleichwohl phasen­weise seltsam entrückt, wie hinter einer Glasscheibe. Liegt es an der überaus kalku­lierten Perfektion von Sprache und Musik wie vom Reißbrett oder an der szeni­schen Einstu­dierung durch Dan Ayling, wahrscheinlich ohne die Regis­seurin Katie Mitchell, mit der er seit 2009 eng zusam­men­ar­beitet? Mögli­cher­weise sind die jungen Sänger der Haupt­partien in ihrer zweifelsohne eindrucks­vollen Leistung noch nicht stark genug in ihrer Ausstrahlung für die wahrlich vielschich­tigen Rollenporträts.

Das Publikum dankt allen Betei­ligten mit herzlichem Beifall. Auch der Komponist ist anwesend und wird gefeiert.

Achim Dombrowski

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