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2004 treten zehn Staaten Mittel- und Osteuropas auf einen Schlag der Europäischen Union bei. Fünfzehn Jahre später könnte einmal die Untersuchung reizvoll sein, ob die EU-Osterweiterung auch in den kulturellen Beziehungen der beteiligten Länder zu einer neuen Annäherung geführt hat. Lassen sich beispielsweise mehr und systematischer Stücke slawischer Komponisten in den Spielplänen der Musiktheater Kerneuropas auffinden? Eben nicht nur Standards wie Rusalka oder Die verkaufte Braut. Sondern auch Dalibor oder – pars pro toto für Werke polnischer Komponisten – Halka! Die Aufführung von Die Sache Makropulos von Leoš Janáček jetzt im Bonn Opernhaus in Kooperation mit der English National Opera London lässt gewiss keine generalisierenden Rückschlüsse zu. Immerhin beweist sie das enorme Potenzial der Oper aus dem Osten für die Erweiterung des Kernrepertoires im Westen, auch wenn sie bei Entscheidung für die Originalsprache die Akteure überproportional fordert. Und letztlich das Publikum. Oper ist dann nicht, wie es in der öffentlichen Debatte um die Zukunft des Musiktheaters in der Bundesstadt bisweilen polemisch heißt, ein „Spielzeug“ von Eliten, sondern eine alle Sinne fordernde Anstrengung.
In der Literatur des letzten Jahrhunderts steht die Kulturlandschaft Böhmen und Mähren für eine besonders originelle Spielart der tief im Eigenen verwurzelten, volksnahen Erzählweise. Genannt seien hier exemplarisch Jaroslav Hašek und Bohumil Hrabal. Auch Janáčeks achte und vorletzte Oper beruht vordergründig auf einer keineswegs ernsten Vorlage, der „philosophisch-utopische Komödie“ Die Sache Makropulos des tschechischen Autors Karel Čapek. Der Komponist erkennt 1923 in einem Prager Theater ihren Reiz und verfasst selbst das Libretto für eine Oper in drei Akten, die 1926 am Nationaltheater Brünn uraufgeführt wird.
Janáčeks Werk thematisiert, eingepasst in die Rahmenhandlung eines hundertjährigen Erbschaftsstreits, den uralten Menschheitstraum der Unsterblichkeit durch eine alle 300 Jahre fällige Verlängerung des Lebens. Das Vexierspiel um ewige Jugend und die Ambivalenz des Älterwerdens aus den Jahren des Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg, das Züge von Dantes Göttliche Komödie und Hofmannsthals Jedermann aufweist, mutet als gleichermaßen befremdliche wie verführerische Skurrilität an. Die Protagonistin der auf unterschiedlichen Zeitebenen spielenden Handlung ist die Operndiva Emilia Marty, Profiteurin und Opfer einer Absprache ihres Vaters und Kaiser Rudolfs II. Hieronymus Makropulos, Leibarzt und Alchemist am Hofe, destilliert ein immerwährendes Leben ermöglichendes Serum und setzt es experimentell bei seiner jugendlichen Tochter ein.
337 Jahre zählt die Marty, als sie zu Beginn der Oper in Wahrnehmung existentieller Interessen bei dem Prager Anwalt Kolenatý auftaucht. Mit dem Ausgang der Causa Prus gegen Gregor ist ein Dokument verknüpft, das die Rezeptur für das Serum und somit die Verlängerung ihres Daseins enthält. Am Ende allerlei wunderlicher Verwicklungen um Liebschaften und Intrigen wendet sich die in zahlreichen Affären desillusionierte Emilia vom Leben ab. In mir ist das Leben stehen geblieben, erkennt sie resignierend, um danach das Motiv für ihren Rückzug zu bekennen: Diese furchtbare Einsamkeit.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der in den USA beheimatete, für seine Affinität zum Zeitgenössischen bekannte Opernregisseur Christopher Alden, Zwillingsbruder des ebenfalls als Opernregisseur agierenden David Alden, hat die Produktion im Tandem mit dem Bühnenbildner Charles Edwards 2006 an der English National Opera herausgebracht. Später ist sie an mehreren europäischen Bühnen im Spielplan. Was jetzt in Bonn zu sehen ist, kann freilich nicht als bloße Reprise der Ur-Inszenierung betrachtet werden. Vielmehr ließe sich von einer Neuaneignung ihrer Ursprungsarbeit sprechen, die sich vor allem auf ein Feintuning der Figur der Marty konzentriert. Für die analytische Wanderung durch die Seelenwüsten der Exzentrikerin hat Edwards eine passable Bühnenlösung geschaffen. Anfänglich imaginiert der mit enormer Höhe und einer seitlichen Glasfront bestechende Raum die Kanzlei Kolenatýs, später ein Boudoir, dann ein mit Blumen überströmtes Hotelfoyer im Prag der 1920-er Jahre. Das Ganze ohne große Ausstattung und sehr flexibel.

Sue Willmingtons für die Herren entworfenen Kostüme sind zeitlos, spielen mit Vorstellungen von formierten Männern, die dann auch in angedeuteten militärischen Parodien ihre Individualität verlieren. Die Marty ist mit allen Accessoires einer femme fatale ausgestattet und eignet sich so, wie es in einem Text für das Programmheft heißt, hervorragend als „Projektionsfläche der Vorstellungen und Erwartungen ihrer männlichen Gegenspieler“.
Yannick-Muriel Noah, Bonns Aida und Tosca, ist als Emilia Marty die Schlüsselfigur der (Neu-) Inszenierung, die um die Suche nach Identität und Wahrheit der Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft kreist. Verbindet sich üblicherweise mit der Diva in Janáčeks Thriller die Assoziation an Opern-Heroinen wie Lulu oder Katerina Ismailowa in Lady Macbeth von Mzensk, so kreiert Alden mit der kanadischen Sopranistin eine, wie er selbst sagt, „zeitgemäße Verkörperung“ der Titelfigur. In Zeiten von Diversity und weltweiter interkultureller Heterogenität, ließe sich ergänzen, auch wegen ihres ganz persönlichen Erscheinungsbildes. Aldens Emiliy ist keine Getriebene. Sie treibt an, die Dinge wie die Männer, gewährt Jaroslav Prus, ihrem Gegenspieler vor Gericht und im aktuellen Leben, die sexuelle Vereinigung, die allerdings – kein Zufall – für ihn ziemlich fade ausfällt. Getragen wird Noahs großes Spiel von der Glut und Ausdruckskraft ihres Soprans, der die krassen wie die milden Kantilenen dieser fordernden Partie formidabel meistert. Ein Höhepunkt des Abends: Ihr frei bestimmter Abschied von der Welt mit einer großen Arie in dieser Komposition ohne Arien, in der sie sich entschließt, Mensch zu sein mit allen Konsequenzen, auch der des Todes. Eine beeindruckende Koinzidenz von Rolle und Genre.
Die Sache Makropulos kennzeichnet den rigorosen Bruch, den der Opernerneuerer Janáček mit den vorausgehenden Epochen und Stilen vollzieht, seien es Romantik, Wagners Tonsprache oder der Verismo. Sein Kompositionsstil der Melodie der Sprache, die äußerst genaue Anpassung des Tschechischen an die musikalische Grammatik, fungiert nicht als Begleiter oder Verstärker des Musikalischen, sondern als Überwindung des Traditionellen, was bereits den Weg in die Moderne weist. Wie das Beethoven-Orchester Bonn unter der Leitung des jungen Ersten Kapellmeisters Hermes Helfricht diese Herausforderung meistert, gehört zu den wahrhaft Staunen machenden Begleitumständen der Aufführung. Gelingt schon das furiose Vorspiel großartig, wächst sich das Finale mit seinen expressiven Steigerungen zu einem Bravourstück sinfonisch-orchestraler Klasse aus. À la bonne heure!
Nicht minder lässt die Art und Weise staunen, wie Noah und das übrige Sängerensemble ihren Part in einer der schwierigsten Sprachen Europas zur Artikulation bringen. Vor allem diejenigen, die keine persönliche Affinität zum Slawischen aufweisen. Hochwahrscheinlich auch ein Verdienst der Korrepetitoren Igor Horvat und Miho Mach sowie des Sprachcoaches Šárka Grondžel, der berechtigterweise auf der Liste der Mitwirkenden im Programmheft erscheint. Insbesondere Ivan Krutikov als Prus und Martin Tzonev als Kolenatý bringen neben ihrer stimmlichen Qualität eine enorme Spielfreude mit in ihre Partien. Die Tenorriege mit David Lee als Janek, Thomas Piffka als Albert Gregor und Christian Georg in der Rolle des Vítek sowie Johannes Mertes als Emilias verflossener Liebhaber Hauk-Sendorf überzeugt durchgängig, wobei Mertes die Skurrilität seiner Rolle mit besonderem Herzblut zur Geltung bringt. Den Part der Krista gestaltet die Mezzosopranistin Kathrin Leidig mit der gebotenen Noblesse. Der Chor des Theaters Bonn agiert in der Einstudierung von Marco Medved einmal mehr vorzüglich, besonders in den choreografischen Passagen, die Alden sich für ihn hat einfallen lassen.
Auch wenn Die Sache Makropulos, das Stück wie die Causa bei Gericht, in gerade einmal zwei Stunden ausgestanden ist, verlangt sie ungeachtet der vorzüglichen Übertitel von Julia Kluxen-Ayissi dem Publikum ein hohes Maß an Konzentration ab. Das lässt sich vielleicht indirekt auch aus den deutlichen Lücken im Parkett ableiten, was für eine Premiere im Bonner Haus schon ungewöhnlich ist. Am Ende verschwindet dieser Eindruck angesichts des Jubels, der deutlich mehr ist als der Comme-il-faut-Applaus, wie Peter Gülke einmal die Höflichkeitsreaktion des Publikums genannt hat. Höflichkeit? Fürwahr, in der Publikumsreaktion vollzieht sich vieles mehr, vielleicht sogar Stolz auf eine wirkliche Ensembleleistung.
Ralf Siepmann