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b.39
(Hans van Manen, Martin Chaix, Martin Schläpfer)
Besuch am
12. April 2019
(Premiere)
Mit zwei Uraufführungen und einer deutschen Erstaufführung gibt es viel Neues in der jüngsten Produktion b.39 des Balletts am Rhein zu sehen. Und dennoch begegnet einem eine Menge Vertrautes. Das betrifft vorrangig das längste Stück des dreiteiligen Programms, 44 Duos in der Choreografie von Ballett-Chef Martin Schläpfer. In seiner vorletzten Saison am Rhein stellt Schläpfer noch einmal seine Vorliebe für das abstrakte, oder, wie er es nennt, „reine Ballett“ in den Mittelpunkt und stellt in 44 kurzen Szenen zur Musik von Béla Bartók ein umfassendes Kaleidoskop seiner Bewegungssprache zusammen. Wie in einer Rückschau auf seine zehnjährige Erfolgsgeschichte an der Rheinoper erlebt man eine detailliert ausgearbeitete Arbeit mit den von Schläpfer so geschätzten Kontrasten zwischen schwerelosem Spitzentanz und erdverbundenen Bewegungen in stabilem Schuhwerk. Neues gibt es nicht zu entdecken. Aber es werden etliche Erinnerungen wach, allerdings mit dem Nachteil, dass sich angesichts von 44 musikalisch ähnlich getakteten Duos für zwei Violinen, die Bartók nicht für zyklische Aufführungen vorgesehen hat, im Laufe der einstündigen Performance Längen und Wiederholungen einstellen. Daran können die dezent an slawische Muster angelehnten Kostüme von Hélène Vergnes ebenso wenig ändern wie das konzentrierte Spiel der Geiger Dragos Manza und Catherine Ribes von den Düsseldorfer Symphonikern. Die Hälfte hätte es auch getan.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Da präsentiert sich der Franzose Martin Chaix mit der Uraufführung seines neuen Balletts Atmosphères erheblich straffer und auch musikalisch spannender. Der Titel orientiert sich an dem gleichnamigen, einst bahnbrechenden Orchesterstück von György Ligeti als Leitlinie des Stücks. Kosmische, entmaterialisierte Klänge, zu denen die überwiegend schwarz gekleideten Tänzer strenge, an ein Requiem erinnernde Bewegungsformationen von starker Energie und Originalität ausführen. Der Tod seines Vaters hat Chaix dazu inspiriert, Ligetis Werk durch das Adagio aus Beethovens Pathétique zu unterbrechen. Als vergeblicher Versuch eines Paares, zu einem harmonischen Pas de deux zu finden. Auch am Schluss kommt es zu keinem einigenden Happy End. Die Gesellschaft driftet auseinander, so wie auch die Musik ihrem Ende entgegentröpfelt. Sehr eindrucksvoll.

Einen besonderen Akzent erhält Chaix‘ suggestive Totenfeier durch einen extrem ästhetischen, liegenden Frauenakt mit verschwommenen Konturen in eindringlichem Schwarz-Weiß. Von Chaix selbst fotografiert, fasziniert er in überdimensionaler Größe als beherrschendes Bühnenbild nicht weniger als die Choreografie.
Hans van Manen, die eng mit dem Ballett der Deutschen Oper am Rhein verbundene Tanzlegende, eröffnet den Abend mit seinem bisher vorletzten Stück, Dances with Piano. Auch wenn van Manens Stil hinreichend bekannt ist und man sensationelle Überraschungen nicht mehr von ihm erwartet, gibt sich der große Ballett-Prinzipal hier ungewohnt ernst. Zu den in der Klavierfassung dunkler als in der originalen Version für Harfe klingenden Musik von Frederic Mompou zelebrieren drei Paare drei Pas de deux‘ mit wechselnden Paaren in ungewohnter Strenge. Die gewohnte, duftige Lockerheit van Manens scheint ebenso verloren gegangen zu sein wie seine Vorliebe für ironische Brechungen. Die hebt sich van Manen für zwei Zwischenspiele zu Klängen aus Bachs Goldberg-Variationen auf, die drei Herren mit virtuosen Höchstleistungen zum Leben erwecken, was das Premieren-Publikum mit lebhaftem Zwischenapplaus goutiert.
Ein langer Abend mit Längen, aber auch angenehmen Überraschungen, über die ein gewisser Trauerflor des Abschieds weht. Das Publikum reagiert mit intensivem Beifall auf alle Beiträge.
Pedro Obiera