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MUTTERSPRACHE
(Dominique Dumais)
Besuch am
13. April 2019
(Uraufführung)
Eigentlich ist es ja ein Widerspruch in sich, unter dem Titel Muttersprache ein Ballett aufführen zu wollen. Doch Dominique Dumais, die neue Chefin des zwölfköpfigen Tanzensembles am Mainfrankentheater Würzburg möchte durch die speziellen Kommunikationsmittel Körper-Ausdruck, Bewegung, Gestik, sprachliche und lautliche Äußerungen zu oft stark verfremdeten Klängen von Bach bis Pop, auch zu einem Hörstück, die individuellen Unterschiede der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer unterstreichen, gleichzeitig aber zeigen, wie sie sich trotz ihrer Differenzen in der Herkunft in diesem Ballettprojekt zu einer Gemeinschaft zusammen finden. Am Schluss ziehen sie im gleichen Marsch-Schritt weg in einen sanft glühenden Horizont.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Choreografin umreißt so in erweiterter Sichtweise den Begriff Heimat. Dazu hat sie nach mehrwöchigen Konzeptionsgesprächen die Mitwirkenden selbst zu eigenständigen Improvisationen angeregt und daraus einzelne, kleine Szenen erarbeitet. Dabei entspricht der Verschiedenartigkeit der Texte und Text-Brüche zur Musik und Geräuschen vom Band auch die Unterschiedlichkeit der einzelnen Tanz-Bewegungen, ‑Konstellationen, Hebe- und Paarfiguren. Das Ballett bildet einen Prozess der Findung zueinander ab, nach Konflikten, scheinbarer Übereinstimmung, Zweifeln aneinander, zeitweiliger Einsamkeit und Resignation, Relativierung der eigenen Position, momentaner Harmonie bis zur gemeinsamen Überwindung der Differenzen, die dennoch bestehen bleiben im Zusammenwirken im Tanz. So kann jeder seine individuelle Prägung behalten, unterwirft sich nur für den Augenblick der Disziplin der gemeinschaftlichen Bewegungschoreografie. Dumais benutzt auf dem Weg zu dieser „künstlerischen Heimat“ eine Collage aus verschiedensten Musik‑, Laut- und Sprechstücken, die Verstand, Gefühl und Unterbewusstes ansprechen. Und sie bevorzugt dabei eine Kombination von Tanz und gesprochenem Wort. „Ich finde, wenn Tänzer auf der Bühne ihre Stimme benutzen, fühlt man darin den geballten Ausdruck des gesamten menschlichen Wesens. Jeder Teil ihres Körpers kommuniziert und ist aktiv“, sagt sie. So darf die Italienerin Debora di Biagi zu Beginn des zweiten Teils ständig voller Begeisterung gängige Klischees über ihre Heimat und Zitate in ihrer Muttersprache voller Freude daher plappern, während sie tanzt und von Männern umschwirrt und getragen wird – eine erheiternde und gleichzeitig ironische Szene. Auch das „Thank you for coming“ der frontal aufgereihten Compagnie am Ende des ersten Teils ist eher augenzwinkernd humorvoll gemeint, während die anfängliche Aufforderung von Dominic Harrison „Look at me!“ eigentlich überflüssig scheint.

Zum beeindruckenden Erfolg dieses außergewöhnlichen Tanzabends trägt vor allem auch die Ausstattung von Tatyana van Walsum bei. Um dieses Sich-Zuhause-Fühlen anzudeuten, nimmt sie Decken, die in ihrer bunten Mischung an Nationalflaggen erinnern könnten, hängt sie vor schwarzem Hintergrund über Gestelle, die sich heben und senken. Im zweiten Teil liegen diese Decken dann auf dem Boden, bilden auch eine Art Straße, und die Tänzerinnen und Tänzer können sich wie zum Schutz in die bunten Tücher einhüllen. Alle tragen helle, leichte, fleischfarbene Kleidung, wenig geschlechtsspezifisch, aber im Schnitt etwas unterschiedlich.
Imponierend während dieses zweistündigen Balletts ist, wie vielfältig die Choreografie die Ensemblemitglieder beschäftigt, wie sie ihre Vorzüge, Eigenheiten und Ausstrahlung unterstreicht. Da gibt es zwar gemeinsame, flüchtige Formationen, sehr synchrone Bewegungen; immer wieder aber lösen sich einzelne aus den Gruppen, zeigen überraschend Innovatives in den Pas de deux oder Pas de trois, waghalsige Hebefiguren, Rollen oder Schleifen am Boden. Flatternde Finger, Hochstrecken der Hände, linkisches Verdrehen der Füße, außergewöhnliche Gestik, lautes Atmen, Klatschen und Ähnliches verstärken den intensiven Ausdruck von Gefühlen, von Abwehr oder Gefallen wollen. Vieles scheint von Gymnastik und akrobatischer Körperbeherrschung geprägt, alles geschieht in oft unglaublicher Geschwindigkeit, wie ständig von innerer Dynamik getrieben, unter heftiger Spannung stehend, dann aber löst es sich wieder, es beruhigt sich, einzelne präsentieren sich vorn auf einem Extra-Podest. Unter den ausgezeichneten Tänzern begeistern vor allem die unwahrscheinlich ausdrucksstarke und äußerst bewegliche Katherina Nakui und Ka Chun Hui, dem besonders die Vermittlung von eher deprimierenden Emotionen gelingt.
Nach dem harmonischen Ende dieser „Heimat“ im Tanz will der jubelnde Beifall im fast voll besetzten Haus bei der Premiere gar nicht aufhören, und alle werden mit standing ovations gefeiert.
Renate Freyeisen