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DIE VERLOBUNG IM KLOSTER
(Sergej Prokofjew)
Besuch am
13. April 2019
(Premiere)
Im Rahmen der Festtage 2019 der Staatsoper Unter den Linden feiert die selten gespielte, lyrisch-komische Oper Die Verlobung im Kloster von Sergej Prokofjew als Neuproduktion Premiere. Die musikalische Leitung übernimmt Hausherr Daniel Barenboim, und die Inszenierung ist von Dmitri Tcherniakov – dem Berliner Publikum noch in bester Erinnerung ob seiner Inszenierung der Zarenbraut von Rimsky-Korsakov vor einigen Jahren.
Aber wie gestaltet man eine Oper, die auf einer turbulenten Verwechslungs- und Verwandlungskomödie aus dem 18. Jahrhundert basiert, damals geschrieben von dem irischen Stückeschreiber Richard Brinsely Sheridan, angesiedelt im exotischen Sevilla, mit einem Libretto auf Russisch, von dem Komponisten und Mira Mendelson verfasst, 1946 uraufgeführt, aber dann auch prompt „aus formalistischen Gründen“ verboten worden ist? Es ist ein besonders wortreiches, aber nicht unbedingt geistreiches Libretto. Jede Rolle ist ein Stereotyp und agiert ebenso. Da tritt die alternde Diva auf, die junge Unschuldige, der geschäftige Vater, der bornierte, aber verarmte Edelmann, der idealistische junge Liebhaber, der sich in alles einmischende Impresario, der verständnisvolle Bruder und die junge, hübsche Erbin. Ein Lob an das Besetzungsteam: Es sind alle Sänger hervorragend typgerecht ausgesucht und musikalisch stark.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Im Grunde geht es um die ewige Geschichte – der verarmte, noble Don Jeronimo will seine Tochter Luisa gut unter die Haube bekommen. Da kommt der ältere, aber reiche Fischhändler Mendoza gerade recht. Luisa jedoch liebt einen feschen, jungen, armen Burschen, Don Antonio. Dann gibt es noch ihren Bruder Don Ferdinand, der wiederum in ihre beste Freundin Clara, die reiche Erbin, verliebt ist. Und natürlich die alternde Amme, die sich in alles einmischt und letztendlich dann den Fischhändler bekommt. Es folgen Verwechselungen, Kapriolen, Verkleidungen, heimliche Treffen, die üblichen Theatertricks, die als Wahrheit gelten sollen. Ach ja, das Finale wird in einem schutzbietenden Kloster ausgetragen.
Dmitri Tcherniakov, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, versetzt die Geschichte ins Heute als Treffen der Anonymen Opern-Junkies: In einem kargen Probenraum, mit ausgedienten Theatersitzen, trifft sich eine zusammengewürfelte Gruppe, die alle der Droge Oper verfallen sind und Hilfe suchen. Einer nach dem anderen kommen sie in den von Elena Zaytseva entworfenen Kostümen in den Raum, die zum seelischen Zustand der Teilnehmer des Workshops passen – mal flippig, mal ultrakonservativ, immer stimmig.
Thema dieser Therapie-Sitzung: „Wir basteln eine Oper“. Jeder Teilnehmer wird per Übertitel vorgestellt – zum Beispiel die einstige Operndiva, die jetzt mit ihrem Alter zurechtkommen muss. Der Moderator der Gruppe gibt das Thema an und schreibt die Hauptrollen auf eine weiße Tafel. Nun nimmt sich jeder seine Rolle, und es fängt die Opern-Impro oder das Opern-Reality-Game an. Dieses Konzept ist zwar anfänglich stimmig, aber es trägt nicht die gesamte, fast dreistündige Oper. Zumal die selbst auferlegten Regeln der Gruppe besagen, dass alle Teilnehmer ständig auf der Bühne anwesend sein müssen. Keiner darf den Raum während der Therapie verlassen.
Prokofjew komponiert eine rasante Parlando-Oper, mit wunderbaren Gefühlsausbrüchen und verzweifelten Seelenerforschungen, alle mit einem gehörigen Schuss Ironie und Sarkasmus abgerundet. Barenboim versteht sehr wohl, dass Timing bei der Komik unabdingbar ist und erzielt die Balance der zwischen Ironie und Kalauer, Drama und großen Gefühlen changierenden Musik gemeinsam mit der bestens aufgelegten Staatskapelle.

Langsam identifizieren sich die Teilnehmer mit ihren Rollen. Das Ende der Sitzung wirft also die Frage auf: Wie geht es weiter mit diesen Paarungen? Vielleicht haben sich doch die gespielten Paare gefunden? Nach einem angekündigten Ende, inszeniert Tcherniakov einen bunten Traum von Don Jeronimo, in dem alle nur erdenklichen Operntypen auftauchen: Falstaff, Königin der Nacht, Aida, Pavarotti als Rigoletto, Othello, Papageno, Gruberova aus Roberto Devereux – der Chor darf nochmals an einem ausgelassenem Finale teilnehmen.
Die Besetzung ist für die verschiedenen Typen dieser Ensemble-Oper bestens ausgearbeitet: Aida Garifullina als Luisa, die junge Tochter aus gutem Hause mit ihren unschuldigen, weißen Söckchen in High Heels, lässt ahnen, dass es mit der Unschuld doch nicht so ernst gemeint ist. Ihr melodischer und klarer Sopran sitzt perfekt. Mezzo Anna Goryachova lässt als Clara aufhorchen – eine große musikalische Urgewalt, die sich sicherlich im dramatischen Fach etablieren wird. Violeta Urmana mit eindrucksvollem Mezzo als alternde Diva alias Amme, die noch etwas dem Leben abgewinnen will.
Stephan Rügamer als überlisteter Vater Don Jeronimo, völlig von seinen beiden heiratsfähigen Kindern Luisa und Ferdinand überfordert, gibt eine beeindruckende tenorale Charakterstudie. Tenor Bogdan Volkov gibt dem jungen Antonio einen schlanken und anrührenden Ton. Andrey Zhilikhovsky verkörpert den schüchternen Ferdinand mit samtigem Bariton. Bass Goran Juric mimt den Kaufmann Mendoza mit großer stimmlicher und dramatischer Überzeugung – er will sich ein gemütliches Leben und gute Geschäfte machen. Bariton Lauri Vasar verkörpert einen armen Freund von Mendoza mit hohen Idealen, der sich gut als Vertrauter aller Parteien macht. Tenor Maxim Paster ist der gewichtige Moderator der Therapie-Sitzung, der sich auch einiges von seinen Patienten gefallen lassen muss.
Einhelliger Applaus für die Solisten und die Musiker. Die Produktion dagegen muss einige Buhrufe einstecken. Man bemerkt, besonders bei den Festtagen, dass das Publikum noch internationaler als üblich ist. Der florierende Kulturtourismus lässt grüßen.
Zenaida des Aubris