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Foto © Bernd

Tristesse und Gräuel klangschön und ästhetisch ausgepackt

LADY MACBETH VON MZENSK
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
16. April 2019
(Premiere am 6. April 2019)

 

Opéra Bastille, Paris

Die ersten Töne elektri­sieren. Im verdun­kelten Raum der Opéra Bastille ist die Bühne mit einem grauen Vorhang verdeckt, und eine Video­pro­jektion von zwei im Wasser treibenden Frauen­körpern begleitet die musika­lische Einleitung. Musik und Bild zeichnen markig die Dramatik und die finale Tragödie des Werkes voraus. Ingo Metzmacher am Pult des Orchesters der Opéra national de Paris gilt als Spezialist für expressive, zeitge­nös­sische Moderne und beweist auch hier wiederum seine Klasse.

Dmitri Schost­a­ko­witschs Werk zeigt sich beein­flusst von verschie­denen Stilent­wick­lungen am Ende der Romantik. Mit seinen ausge­reizten Harmonien, seiner schwer lastenden orches­tralen Instru­men­tierung, wie ein Beil fallende Fermate bilden expres­sio­nis­tische Stilmotive, daneben bringen leichte schwe­bende Stimmungs­bilder die Einflüsse des franzö­si­schen Impres­sio­nismus, und folklo­ris­tische tänze­rische Elemente bilden spätro­man­tische natio­na­lis­tische Anbin­dungen. Ingo Metzmacher arbeitet an jeder Note, jedem Instru­men­ten­einsatz, überlässt nichts dem Spiel, achtet auf die Dosie­rungen der Lautstärke und variiert bis ins letzte Detail. Das groß besetzte Blech wird dazu noch ergänzt auf den seitlichen Logen postiert und so bringt er erst recht den riesigen Raum der Opéra Bastille zum Schwingen. Dem musik­thea­tra­li­schen Überguss kann sich dann keiner mehr entziehen. Die Spannung und Aufdring­lichkeit von Musik und Geschichte war sicherlich auch die Absicht des Kompo­nisten, der sich zeitlebens sehr schwer mit seinem eigenen Anspruch an seine Aufgabe tat. Mit seiner Darstellung des Klassen­kampfes setzt er gesell­schafts­po­li­tische Aussagen, in der Darstellung des inneren Seelen­lebens seiner Charaktere zeichnet er psycho­lo­gische Diagramme und Kämpfe bis zum Zerreißen. Beides sind unerschöpf­liche Quellen für eine reali­täts­be­zogene und emotional aufge­heizte musika­lische Aufarbeitung.

Die Oper Lady Macbeth traf den Nerv der Zeit und war deshalb auch bei ihrer Urauf­führung und danach sehr erfolg­reich, bis Diktator Stalin sich das Werk höchst persönlich anhörte und anschaute. Der Rest ist bekannt. Das Werk wurde von den politi­schen Stellen verur­teilt und verpönt, der Komponist zog sich schwer getroffen und verun­si­chert in die innere Isolation zurück.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auch Regisseur Krzysztof Warli­kowski trägt den Ruf eines Spezia­listen für die Darstellung expres­siver Frauen­rollen und gesell­schafts­kri­tische Werke. Insbe­sondere aber auch als Erneuerer des Theaters in Sinne Shake­speares. Eine kräftige Bildsprache und ausge­feilte Perso­nen­führung gehen mit diesem Ruf einher. Die Bühnen- und Kostüm­bild­nerin Malgozata Szczesniak arbeitet und unter­stützt ihn mit ihren subtilen, kreativen Schöp­fungen, die vorder­gründig ästhe­tisch schwer lastende Anklagen verpacken. So lassen die beiden die Handlung in einem Schlachthof spielen. Hell ausge­leuchtet, steril weiß gefliest sind die Bühnen­wände, ein beweg­licher trans­pa­renter Container in der Mitte zeigt die persön­lichen Räume von Katerina Ismailova in vollkommen ungeschützter Privat­sphäre. Ein Abbild der gesell­schaft­lichen Rolle der Frau, dem Willen und der Begierden des Mannes schutzlos ausge­liefert. Zu Beginn werden ein paar frisch geschlachtete Schwei­ne­hälften aufge­hängt zur weiteren Verar­beitung herein­ge­fahren. Der Chor in weißen Mänteln und Hauben macht sich adrett an die Arbeit. Alles wirkt sauber und wohlge­ordnet, aber der Zerfall fängt leise an zu bröckeln, und das Chaos entwi­ckelt sich unauf­haltsam ebenso wohlge­ordnet. Dabei spielen die Licht­regie von Felice Ross wir auch die Videos von Debis Guégin eine wichtige Rolle. Im blutroten Kleid und Anzug wird gehei­ratet, die Bluttat bleibt aufdringlich präsent, auch wenn noch ausschweifend gefeiert wird, lastet sie über Serguei und Katerina. Weniger überzeugend wirkt die Umsetzung im letzten Bild. Statisch aufge­reiht, dunkel einge­hüllt die Atmosphäre des Zuges der Sträf­linge. Die Sinnhaf­tigkeit des omniprä­senten Containers in der Bildmitte wird hierbei nicht klar erkennbar. Die finale Verzweif­lungstat entzieht sich dem Betrachter, erst die Wieder­holung der einlei­tenden Videos und die auflö­sende Musik führen zur Handlung zurück und berühren.

Foto © Bernd Uhlig

Diese kräftige Bild- und Musik­sprache wird greif- und sichtbar lebendig durch das unglaublich intensive und hemmungslose Spiel der Sänger. Wiederum ein starkes Zeugnis, welche Anfor­de­rungen die heutigen Künstler an ihre Rollen­dar­stellung erfüllen müssen. Neben dem perfekten Gesang werden schau­spie­le­rische Gewandtheit und gestische Ausdrucks­kraft in allen möglichen Stellungen gefordert. Ausriné Stundyte lässt sich unein­ge­schränkt auf des vom Regisseur gewünschte Bild der Katerina Ismailova ein und schlüpft in das selbst­ge­wählte Schicksal hinein. Die Verzweiflung, das Aufbe­gehren, die Enttäu­schung, die Hoffnung und die Liebe, alles spielt sich in den drei Stunden ab, und alles bekommt die feine persön­liche Nuance von ihr. Über allem steht ihr kräftiger Sopran, eine satte Färbung unter­streicht die drama­tische Würze und scharfe Expres­si­vität ohne Bruch in den Registern. Serguei bleibt vom Regisseur mit Cowboyhut und Stiefeln als einfacher Charakter gezeichnet und im Bild des benutzten Weiber­helden mit viel Hose runter und rauf mit wenig Selbst­re­flektion verhaftet. Pavel Cernoch gelingt es trotzdem, besonders durch seine stimm­liche Präsenz Sympa­thien zu erobern.  Dmitry Ulyanov punktet als lüsterner Schwie­ger­vater und gewalt­tä­tiger Patriarch mit seiner mächtigen Bassstimme, die auch lyrisch fein geschliffene Melodien singen kann. John Daszak kann spiele­risch in der Rolle des hilflosen verklemmten Sohnes nur wenig Akzente setzen. Die zahlreichen Neben­rollen sind allesamt ausge­zeichnet besetzt und überzeugen in ihrer darstel­le­ri­schen Arbeit. So wird der Abend zu einem wahrlich unter die Haut gehenden Famili­en­drama und seeli­schen Leidens­krimi. In der unper­sön­lichen Ästhetik wird die Tristesse gelungen pointiert gezeichnet. Das Publikum zeigt sich begeistert und beeindruckt.

Helmut Pitsch

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