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DER ROSENKAVALIER
(Richard Strauss)
Besuch am
26. April 2019
(Premiere am 18. April 1998)
Neben den schon traditionellen Wagner-Festtagen im Mai hält die Oper Leipzig speziell für Richard-Strauss-Freunde ein besonderes Wochenende parat. Mit dem Rosenkavalier, Salome und Elektra stehen an diesem letzten April-Wochenende drei der ganz großen Opern des Münchner Komponisten auf dem Spielplan. Den Beginn macht die nun mittlerweile über zwanzig Jahre alte Inszenierung des Rosenkavalier von Alfred Kirchner in der Neueinstudierung von Gundula Nowack.
Die Aussagekraft dieser Inszenierung hat trotz des fortgeschrittenen Alters wenig an Faszination und Emotionen verloren, auch wenn es vordergründig schon mal arg klamaukig und derb zur Sache geht. Im Vordergrund stehen zwei Beziehungsebenen, die durch das kongeniale Zusammenwirken von Richard Strauss mit dem Dichter Hugo von Hofmannsthal musikalisch und textlich verwoben werden. Da ist die reife, sich im besten Alter befindliche Feldmarschallin, Fürstin Werdenberg, und ihr gerade mal siebzehn Jahre alter Geliebter Octavian, der locker ihr Sohn sein könnte. Eine in der heutigen Zeit zwar auch eher ungewöhnliche Beziehung, aber im Wien zu Kaiser Maria Theresias Zeiten ein unerhörter Skandal, zumal es sich bei der Fürstin ja um die Gattin des Feldmarschalls handelt. Und so wird diese Liebschaft auch nur angedeutet. Ein leidenschaftlicher Kuss, ein paar zerwühlte Kissen. Es ist eine eher oberflächliche Beziehung, die der Fürstin schmerzhaft die Verletzlichkeit des Alters vor Augen hält und dem Wissen, dass ihr junger Geliebter sie bald wegen einer Jüngeren verlassen wird.
Das passiert dann schneller, als ihr lieb ist. Octavian soll als Rosenkavalier für den Baron Ochs auf Lerchenau um die Hand der jungen und liebreizenden Sophie anhalten, und der Moment der Rosenüberreichung wirbelt auch musikalisch die Gefühlswelt der beiden jungen Menschen durcheinander. Der grobschlächtige derbe Ochs hat mit seinem rüpelhaften Charakter natürlich keine Chance bei dem jungen Mädchen. Und so entspannt sich um diese beiden Beziehungen ein komödiantisches Verwirrspiel mit deftigem Klamauk, aber auch mit einigen wenigen großen und innigen Momenten wie dem Schluss, wo die Fürstin in schmerzhafter Erkenntnis der Realität auf den jungen Geliebten verzichtet, und das junge Liebespaar sein Glück kaum fassen kann, weil es ihnen wie im Traum vorkommt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Alfred Kirchner hat in seiner Regie genau diese Beziehungsebenen akzentuiert und in den Vordergrund gestellt. Besonders die Fürstin stellt Kirchner als großen und menschlichen Charakter da. Auch Octavian, sonst der stets sprunghafte und ungestüme, ja noch pubertierende Teenager, zeigt hier eine für sein Alter schon weit entwickelte Reife. Auch Sophie ist nicht mehr nur das kleine Hascherl, das unter die Haube kommen soll, sondern eine junge, selbstbewusste Frau, die schnell weiß, was sie will. Kirchner hat diese Charaktere liebevoll skizziert. Dafür darf der Ochs der rüpelhafte Grobian sein, und alle weiteren Charaktere werden überspitzt gezeichnet, mit viel Situationskomik und derbem Charme. Das Bühnenbild von Marcel Keller gibt diesem Klamauk den notwendigen Raum. Das erste Bild zeigt das Schlafgemach der Fürstin, an dem schon etwas der Zahn der Zeit genagt hat, in konventioneller Ausstattung. Auch das Palais des Herrn von Faninal im zweiten Akt ist mehr Schein als Sein, da fehlt der letzte Farbanstrich, da möchte jemand gerne etwas mehr sein. Das Wirtshaus im dritten Aufzug ist einfach eingerichtet, und aus den Luken und Fenstern wird Spuk und Schabernack getrieben, um das vermeintliche Rendezvous des Ochs mit dem Mariandl so richtig zu stören. Doch als aller Spuk vorbei ist, verschwinden alle Kulissen bis auf die Stühle und Notenpulte der Bühnenmusiker, und der große offene Raum bietet die emotionale Kulisse für das Schlussterzett mit dem großen Verzicht der Fürstin und dem finalen Liebesduett zwischen Octavian und Sophie. Joachim Herzog hat für diese Inszenierung die bunten, teils opulenten Kostüme im historischen Kontext geschneidert, die neben dem Treiben auf der Bühne auch ein echter Hingucker sind.
Es ist vor allem der Abend der Wallis Giunta, Leipzigs gefeierter Carmen, die mit der Partie des Octavian sängerisch und schauspielerisch neue Facetten ihres Könnens zeigen kann und dem jungen Galan dabei neben großer Leidenschaft auch eine interessante Ernsthaftigkeit verleiht. Dass die Giunta auch echt komisch kann, zeigt sie in der Verkleidung als Mariandl im dritten Aufzug. Mit ihrem warmen Mezzosopran, der nicht nur ein breit angelegtes Fundament besitzt, sondern auch wunderbare Spitzentöne erzeugen kann, weiß Giunta zu begeistern. Auch Olena Tokar in der Partie der Sophie zeigt, trotz Ausflugs in dramatischere Partien, dass sie immer noch über die strahlenden Höhen und den Liebreiz in der Stimme verfügt, die für die Gestaltung der Partie so wichtig ist. Im Zusammenspiel mit Giunta entwickelt sich zudem eine elegische Stimmenharmonie, was die Rosenüberreichung im zweiten Aufzug und das finale Duett im dritten Aufzug zu einem sängerischen Höhepunkt werden lässt.
Kathrin Göring hat nun nach ihren großartigen Darbietungen als Fricka und Venus mit der Partie der Feldmarschallin einen neuen Gipfel ihrer beeindruckenden Karriere erklommen. Vor einigen Jahren noch brillierte sie in dieser Inszenierung in der Doppelrolle als Octavian und Mariandl sängerisch und schauspielerisch, nun darf sie in der großen Partie der Marschallin reüssieren. Anfangs noch fast jugendlich ungestüm, entwickelt sie im Laufe der Partie eine bittersüße Melancholie in dieser Rolle. Ihr warmer, jugendlich dramatischer Mezzosopran verfügt einerseits über eine hohe Strahlkraft, andererseits legt sie die Partie mit hoher musikalischer Intelligenz und Differenziertheit an. Ihr Spiel ist von einer großen Grandezza, doch in den innigen, schmerzlichen Momenten zeigt sie auch musikalisch die große Verletzlichkeit dieses Charakters, besonders beim Verzicht auf Octavian. Ihre Erfahrung mit Werken von Strauss und Wagner und ihre musikalische Interpretation machen sie zu einer Idealbesetzung für diese Partie.
Karl-Heinz Lehner gibt mit seinem markanten Bass einen herrlich derben und rüpelhaften Ochs auf Lerchenau, ohne dass der unvermeidliche Wiener Schmäh in dieser Rolle zu kurz kommt. Dabei klingt seine Stimme manchmal balsamisch schön, und sein Spiel ist immer einem Augenzwinkern nah, dass man diesem Grobian eigentlich nicht böse sein kann und ihm sein manieriertes Verhalten einfach verzeihen muss.

Mathias Hausmann als eitler Herr von Faninal überzeugt mit Stimmgewalt und engagiertem Spiel. Daniela Köhler lässt mit dramatischem Sopran als Leitmetzerin aufhorchen. Patrick Vogel als Valzacchi und Karin Lovelius als Annina sind als intrigantes Paar eine Idealbesetzung. Kyungho Kim darf in seinem Kurzauftritt als italienischer Sänger mit tenoralen Schmelz und großem Ausdruck eine besondere Duftnote hinterlassen. Auch alle anderen Rollen sind sängerisch und spielerisch auf hohem Niveau besetzt.
Musikalisch lässt diese Aufführung fast nichts zu wünschen übrig. Ulf Schirmer führt das Gewandhausorchester mit dem richtigen Gespür für die Schönheit, aber auch die Tücken der Strausschen Musik durch die Partitur. Er schwelgt in Walzerseligkeit, lässt es poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert herauszuarbeiten. Hervorzuheben ist seine fast schon zärtliche Begleitung der Rosenüberreichung und des großen Finales im dritten Aufzug. Wie er das Orchester zum Ende des Terzetts zu einem schon elegischen Höhepunkt führt, das ist Gänsehaut pur. Schirmer ist sicher einer der profiliertesten Strauss-Dirigenten, der in der Lage ist, große symphonische Tondichtung, Walzerklänge und kammermusikalische Intimität gleichermaßen anzubieten, wobei die Sänger bei ihm immer im Vordergrund stehen. Thomas Eitler-de Lint und Sophie Bauer haben den Chor und Kinderchor der Oper Leipzig harmonisch aufeinander abgestimmt.
Der Schlussapplaus des Publikums im nicht ganz ausverkauften Leipziger Opernhaus ist groß, und insbesondere Wallis Giunta, Kathrin Göring und Karl-Heinz Lehner werden zu Recht umjubelt, aber auch Ulf Schirmer und das Gewandhausorchester dürfen den verdienten Lohn entgegennehmen. Wenn die bittersüße Melancholie dieses Rosenkavalier auch nach über zwanzig Jahren noch so verzaubern kann, darf diese Inszenierung mit einem derart hohen sängerischen Niveau gerne noch lange im Repertoire bleiben.
Andreas H. Hölscher