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Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Von Micky Maus zur Italianità

FRÜHJAHRSKONZERT
(Paul Dukas, Francis Poulenc, Giacomo Puccini)

Besuch am
4. Mai 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Konzertchor & Sinfo­nietta Ratingen, Stadthalle

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte … Frühling, ja, Du bist’s, Dich hab ich vernommen! Ach, wenn das Wetter doch schon hergäbe, was Eduard Mörike in seinem Er ist’s 1828 in ein Gedicht goss. Statt­dessen bestimmen Regen­schauer und Kälte diesen Tag, an dem der Konzertchor und die Sinfo­nietta Ratingen in ihrer Stadt­halle ihr Frühjahrs­konzert geben. Wie muss ein Programm aussehen, dass solch einen Begriff recht­fertigt? Thomas Gabrisch, bereits im sechsten Jahr Künst­le­ri­scher Leiter des Chors, hat sich dafür etwas Beson­deres einfallen lassen. Inzwi­schen sollten die Ratinger Bürger Vertrauen in die Programm­ideen des Dirigenten gefasst haben. Aber bei zwei franzö­si­schen und einem italie­ni­schen Kompo­nisten siegt die Skepsis, und viele Plätze im Konzertsaal bleiben leer. Dabei hätten die Daheim­ge­blie­benen mal besser genauer auf die Plakate geschaut.

Es stimmt schon. Paul Dukas kennt man im deutschen Konzert­be­trieb eher nicht. Schließlich sind seine beiden bedeu­tendsten Werke die Oper Ariane et Barbe-Bleue, die auf dem Märchen vom Herzog Blaubart beruht, und das Ballett La Péri, die beide kaum im Konzertsaal auftauchen. Aller­dings hätte der Titel Der Zauber­lehrling die Aufmerk­samkeit auch nicht so flexibler Konzert­be­sucher wecken können. Die Vertonung von Goethes Ballade ist nämlich spätestens seit 1940 weltbe­rühmt. Damals produ­zierte Walt Disney einen Zeichen­trickfilm, in dem Micky Maus einen grandiosen Zauber­lehrling mimt – eben zur Musik von Paul Dukas. In der Ratinger Stadt­halle braucht es keine Leinwand, auf der wirbelnde Besen mit Wasser­eimern Micky Maus in den Wahnsinn treiben.

Sabine Schneider – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Die Sinfo­nietta Ratingen ist ein Orchester, das nach den Bedürf­nissen des Konzert­chors zusam­men­ge­stellt wird. Sabine Schneider sorgt mit immensem Fleiß dafür, dass Musiker aus den Sinfonie-Orchestern des Umlands, Lehrende und besonders talen­tierte Studenten der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf sich zu einem Klang­körper zusam­men­finden, der an diesem Abend mal eben die Bilder eines Films in den Köpfen der Hörer entstehen lässt, ohne einen einzigen Zeichner dafür zu bemühen. Für den Dirigenten eine echte Heraus­for­derung, denn hier gibt es kein routi­niertes, einge­spieltes Orchester, das in Gedanken bei der nächsten Vorstandswahl oder neu auszu­han­delnden Tarif­ver­trägen ist, sondern Musiker, die bei geringer Probenzeit maximale Ergeb­nisse erarbeiten müssen. Und wie Gabrisch mit der Sinfo­nietta die Bilder der „Arbeit“ eines Zauber­lehr­lings entstehen lässt, hätte in jedem Konzertsaal dieser Welt Bestand – na gut, vielleicht mit Ausnahme der Elbphil­har­monie, aber das ist ein anderes Thema. Grandios, wie die Musiker hier den Zauber­spruch formu­lieren, Besen zur Verviel­fäl­tigung bringen und Wasser sprudeln lassen. Bis hin zur Erlösung durch den Meister zeigt das Orchester die ganze Genia­lität der Vertonung, die wohl von jedem Musiker das Äußerste verlangt. Spätestens am Ende dieses Ausflugs in die Zauberwelt weiß jeder Besucher, dass er hier etwas Besonders erlebt hat.

Auch beim zweiten franzö­si­schen Kompo­nisten des Abends ist jedes Misstrauen unbegründet. Gloria ist ein Meisterwerk von Francis Poulenc für Solo-Sopran, Chor und Orchester, das Anfang 1961 in Boston urauf­ge­führt wurde. Hier wachsen alle Betei­ligten über sich selbst hinaus. Baut das Orchester im ersten Satz gleich Spannung auf, gelingt es dem Chor im zweiten Satz, den Eindruck von Kinder­gesang entstehen zu lassen. Im dritten Satz tritt Sabine Schneider in einen Dialog mit dem Chor ein, der an einen überir­di­schen Klang erinnert. Silber­heller Sopran antwortet auf einen diffe­ren­zierten Chor, der auch im Hinter­grund textver­ständlich bleibt. Geht es im vierten Satz eher boden­ständig, ja, geradezu flott zu, darf sich Schneider im fünften Satz atonal verwirk­lichen, die Piani sind zum Nieder­knien, während im sechsten Satz der Chor anspruchs­volle Passagen mühelos bewältigt. Ein sanft verklin­gendes Amen beendet den nächsten Höhepunkt des Abends, von dem man sich allen­falls wünscht, ihn noch einmal in einer Kirche zu hören. Denn hier gerät die trockene Akustik der Stadt­halle tatsächlich an ihre Grenzen.

Thomas Gabrisch, Bryan Lopez Gonzalez und Rolf A. Scheider – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Giacomo Puccini hat sich nach der Urauf­führung seiner Messa di Gloria, die er im Alter von 21 Jahren kompo­nierte, schnell davon distan­ziert, schließlich wollte er Opern­kom­ponist werden und kein Kirchen­mu­siker. Glück­li­cher­weise hat die Kompo­sition aus dem Jahr 1880 die Jahrhun­derte überlebt und wird heute gern mit Poulencs Gloria kombi­niert. So auch in Ratingen. Wer das Werk inter­pre­tieren will, sieht sich mit einem beson­deren Ausdruck konfron­tiert: der Italianità. Es ist vermutlich das schönste Wort, das die italie­nische Sprache geschaffen hat. Denn es beschreibt Unbeschreib­liches. Gerne falsch geschrieben, bezeichnet es das italie­nische Lebens­gefühl abseits aller touris­ti­schen Gefühls­aus­brüche. Es ist die Mischung aus der Angst vor dem Finanzamt, den alltäg­lichen Hemmnissen, dem katho­li­schen Glauben und einer Lebens­freude, die auch der nächsten Dürre­pe­riode wider­steht. Die Freude an der Familie, an einem guten Essen spielt ebenso hinein wie die Ärger­nisse über ewige Baustellen, störrische Bürokratie und die Freude an der Natur. Wem es gelingt, Italianità zu empfinden, der hat ein glück­liches Leben mit allen Fassetten erreicht. Und wer noch nicht so weit ist, möge sich Puccinis Messe des Ruhms anhören, um dahin zu kommen.

Gabrisch verausgabt sich an diesem Abend, treibt aber Chor, Sinfo­nietta und Solisten noch einmal ordentlich an, um das einzig­artige Gefühl der italie­ni­schen Lebensart entstehen zu lassen. Das Gloria gerät dem Chor zu einem Fest. Ja, hier hört man nicht nur in den Klängen des Orchesters die Italianità, sondern auch im Chor die Ehre Gottes. Das gibt Gänsehaut. Bryan Lopez Gonzalez, der eben noch als Master­student von Konrad Jarnot in der Opern­auf­führung des Sommer­nachts­traums Lorbeeren einsam­melte, ist kurzfristig als Tenor einge­sprungen. Sein Stimm­ma­terial ist eindrucksvoll. Mit großem Volumen gelingt es ihm, auch in Höhen und barito­nalen Tiefen noch feine Nuancen zu treffen. Hier ist noch viel zu erwarten. Rolf A. Scheider begeistert in der Bariton-Rolle vor allem in der Leich­tigkeit, mit der er in Bass-Tiefen versinkt. Angesta­chelt vom selbst­be­wussten Auftritt seines Kollegen, gelingt ihm ein viriles Cruci­fixus, wie man es sich kaum schöner und lebhafter vorstellen kann. Meisterhaft.

Einmal mehr hat der Konzertchor Ratingen im Konzertsaal ein Fest veran­staltet. Das Publikum jubelt. Und mit einem solchen Programm dürfte man ruhig auch mal die blauen Bänder des Frühlings durch den Saal flattern lassen …

Michael S. Zerban

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