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À LA FRANÇAISE
(Jacques Offenbach, Maurice Ravel, George Gershwin)
Besuch am
5. Mai 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Zuletzt war das Landesjugendorchester NRW mit einer hervorragenden Leistung im Rahmen einer Don-Carlos-Inszenierung aufgefallen. Jetzt tritt es im Erholungshaus Leverkusen mit einem hochinteressanten, neuen Programm an. À la française umfasst drei Werke. Das in Deutschland nahezu gänzlich unbekannte Grand Concerto Pour Violoncello et Orchestre von Jacques Offenbach mit dem Untertitel Concerto Militaire, Op. 24, eröffnet den Abend. Nach La Valse von Maurice Ravel steht Ein Amerikaner in Paris von George Gershwin auf dem Zettel. Da freut man sich auf einen Blick ins Programmheft, um vielleicht im Vorfeld schon einmal Wesentliches vor allem über das Offenbach-Werk zu erfahren. Das erweist sich allerdings, um es gelinde zu sagen, als Flop. Ein nichtssagender Text über Jacques Offenbach, ein paar Zitate von am Landesjugendorchester Beteiligten, was aus ihrer Sicht Frankreich ist. Ein Text über den Ort Compiègne, warum auch immer. In diesem Sinn geht es weiter. Über die Stücke oder Komponisten des Abends – kein Wort. Da hat jemand den Sinn einer solchen Informationsschrift eindeutig nicht verstanden. Es bleibt der einzige Wermutstropfen des Abends.
1833 brachte Isaac Offenbach den vierzehnjährigen Jakob mit seinem Bruder Julius nach Paris, um ihnen ein Cello-Studium zu ermöglichen. Bekanntlich funktionierte das nicht so, wie es sich der Vater gedacht hatte, aber die beiden Brüder blieben in Paris, nannten sich fortan Jacques und Jules und wurden Cellisten. Ab 1837 nahm Jacques zusätzlich Kompositionsunterricht bei Jacques Fromental Halévy. Um seine Virtuosität als Cellist unter Beweis zu stellen, komponierte er zehn Jahre später sein einziges Cello-Konzert, das Concerto militaire, ein dreisätziges Werk für Orchester und Cello in G‑Dur. Gemeinhin gilt das 45-minütige Werk als unspielbar. Das Landesjugendorchester NRW hat Bruno Philippe als Solisten eingeladen, um zu zeigen, warum das so ist. Philippe, 1993 in Frankreich geboren, studierte am Conservatoire National de Région in Perpignan und später am Conservatoire de Paris. Er nimmt an Meisterkursen und Wettbewerben teil, bei denen er – abgesehen von einem Publikumspreis – in der zweiten Reihe bleibt, was nach diesem Abend vollkommen unverständlich bleibt. Der Ruf der Unspielbarkeit des Concerto militaire dürfte nicht nur darauf beruhen, dass es vom Solisten einen schon rein zeitlichen Kraftakt erfordert, sondern in erster Linie daran liegen, dass Offenbach seine Virtuosität mit diesem Stück beweisen will. Und was Philippe – selbstverständlich ohne Notenblätter – auf seinem Instrument zaubert, nötigt nicht nur Laien äußersten Respekt ab. Die blitzschnellen Griffwechsel mit einer immer wieder gewagten Bogenführung in Verbindung zu bringen, ist schon allein ein Kunststück. Dabei auch noch die verschiedenen Stimmungen zu erzeugen, die Offenbach später Berühmtheit erlangen lassen, scheint in der Tat schier unmöglich. Philippe vollbringt das Kunstwerk mit gelassener Kontemplation. Das Orchester, kaum weniger gefordert, spielt dem jungen Virtuosen formvollendet und hochkonzentriert zu. Aus voller Überzeugung und Bewunderung, wie den Bemerkungen der Nachwuchsmusiker in der Pause zu entnehmen ist. Spätestens, wenn der dritte Satz, das Allegretto, erreicht ist, in dem klar wird, dass es sich hier mehr um eine Persiflage auf das Militär als um ein Militär-Konzert handelt, ist auch der letzte Zweifler restlos begeistert. Langanhaltender Applaus für den Solisten sorgt dafür, dass Philippe zwei Zugaben drauflegt. Anstatt nun noch zwei kleine Stücke von Offenbach nachzuschieben, gibt es Johann Sebastian Bach. Die Sarabande aus der Suite Nummer zwei in d‑moll und das Vorspiel zur Suite Nummer drei in C‑Dur. Ein Bruch im Programm, der allenfalls durch das geniale Spiel des Cellisten aufgefangen wird.

Das Landesjugendorchester NRW hat sich hier einen weiteren Meilenstein erarbeitet. Dieser Abend wird länger in Erinnerung bleiben als irgendein weltbekanntes Orchester, das mit längst bekannter Kost daherkommt. Dass nach der Pause allzu Bekanntes auf dem Programm steht, um die Zuschauer zu halten, ist dramaturgisch legitim. Dass die Leistung auf gleichermaßen hohem Niveau verweilt, umso lobenswerter. Die ursprünglich als Ballettmusik komponierte Walzer-Variante von Maurice Ravel, dem der Stoff zu einer Warnung vor einem Weltkrieg „entglitt“, wird von den jungen Leuten auf der Bühne mit einer Intensität serviert, die ihresgleichen sucht. Hier sind gleichermaßen die Feinheiten zur Betrachtung des Balletts zu hören wie die Warnsignale, die La Valse zu einem außergewöhnlichen Werk machen. Nach solch schwerer Kost, die von vielen schlicht als Unterhaltungsstück genossen wird, darf das Publikum einen Amerikaner nach Paris begleiten.
Das Werk George Gershwins aufzuführen, macht Spaß. Es ist Gershwins eigener Spaziergang durch Paris, leicht, beschwingt. Und so wird es auch vom Landesjugendorchester dargeboten. Ein Genuss, der, sind wir ehrlich, mit dem Originalwerk nicht mehr viel zu tun hat. Aber das spielt keine Rolle. Das Orchester darf hier noch einmal seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zeigen und einen Gershwin präsentieren, wie er den heutigen Hörgewohnheiten entspricht. Leicht, spritzig und mit vielen Effekten versehen, gelangt der Abend zu einem außergewöhnlichen Ereignis, dem die tatsächliche, harte Arbeit der Jugendlichen nicht anzusehen ist.
Inwieweit Emanuel Dantschers Dirigat zum Erfolg des Abends beiträgt, ist nicht abzuschätzen. Weit ausufernde, rollende Bewegungen ohne sichtbaren Zusammenhang zur Musik, Entspannungsphasen, in denen sich der Dirigent gelassen zurücklehnt, lassen oft an der Qualität zweifeln. Dass die Jugendlichen ihren Dirigenten abschließend mit trampelnden Füßen feiern, spricht immerhin dafür, dass wenigstens sie ihn verstanden haben. Also alles in bester Ordnung. Und das findet auch das Publikum, das nicht nur die Solisten des Orchesters mit Bravo-Rufen feiert, sondern stehend auch der Gesamtleistung lange und intensiv applaudiert.
Die größte Leistung des Abends liegt aber vielleicht nicht im „wiederentdeckten Werk“ oder großartig aufgeführter Stücke, sondern darin, sich aus dem üblichen Konzert-Kanon gelöst zu haben. Und dafür braucht es die Jugend.
Michael S. Zerban