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Von Traumbildern und Sehnsuchtsmaschinen

DER VETTER AUS DINGSDA
(Eduard Künneke)

Besuch am
5. Mai 2019
(Premiere)

 

Landes­theater Coburg

Die Operette lebt vom Zauber der Illusion, von Traum­bildern und von der Sehnsucht nach einer heilen Welt. Aber was passiert, wenn sich die Träumerei als trüge­risch erweist? Am Landes­theater Coburg lässt der Regisseur Jörg Behr in der Operette Der Vetter aus Dingsda von Eduard Künneke illusionäre Träume von der großen Liebe mit der Realität der Nachkriegszeit Anfang der 20-er Jahre des letzten Jahrhun­derts aufein­ander krachen.   Das geschieht mit hinter­grün­digem, entlar­vendem und teilweise skurrilem Witz und einem direkten Zeitbezug zum Jahr der Urauf­führung dieses Werkes. Eduard Künneke kompo­nierte den Vetter aus Dingsda für das Berliner Theater am Nollen­dorf­platz. Der für die Goldenen Zwanziger typische Vergnü­gungs­tempel hob das Erfolgs­stück 1921 aus der Taufe. Zu seinem Erfolg trug Künnekes Geschick bei, Gesangs­nummern mit den damals neu aufkom­menden Modetänzen Foxtrott, Paso doble, Tango oder Valse boston zu kombi­nieren. Arien wie Strah­lender Mond oder Ich bin nur ein armer Wander­gesell, von Rudolf Schock unerreichbar intoniert, begrün­deten Eduard Künnekes Ruhm als Großmeister der deutschen Operette, insbe­sondere der Berliner Operette. Die Melodien waren seinerzeit Gassen­hauer, und bis heute hat diese witzige Operette nichts von ihrem Charme verloren.

Wer kennt sie nicht, lästige Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht? Der jungen und schönen Julia de Weert geht es da nicht anders: Ausge­rechnet ihr Vormund, der gefräßige  Josef Kuhbrot, genannt Onkel Josse, und  seine Frau Wilhelmine, genannt Wimpel, sind zu Besuch, um ihr ihren Neffen August Kuhbrot als Ehemann schmackhaft zu machen – und um sicher­zu­gehen, dass ihr Vermögen damit in der Familie bleibt. Aber Julia liebt nur einen: ihren Vetter Roderich. Der ist aller­dings vor sieben Jahren nach „Dingsda“, einer Stadt im Indischen Ozean, aufge­brochen und hat seither nichts mehr von sich hören lassen. Just da tauchen gleich zwei Fremde auf, die behaupten, Roderich zu sein – wer ist nun der Richtige? Wer ist Traumbild, wer ist Realität? Und kann Liebe, auf eine Illusion aufgebaut, überdauern?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Regisseur Jörg Behr und der Bühnen- und Kostüm­bildner Marc Weeger haben dafür einen inter­es­santen Ansatz gewählt, der zeigt, dass auch eine fast 100 Jahre alte Operette immer noch aktuell sein kann. Es sind die alltäg­lichen Figuren der Handlung, die versuchen, in einer, sagt Behr, „zunehmend undurch­schau­baren und unlogi­schen Welt zu überleben und es sich so lange wie möglich gutgehen zu lassen – was durchaus sehr nah an unserer Gegenwart ist.“ Entspre­chend überzeichnet sind die Charaktere, verstärkt durch ein teilweise schrilles Outfit. Der gefräßige und nur auf seinen finan­zi­ellen Vorteil bedachte Josse fällt mit langer Mähne und Netzhemd unter seinem Sakko aus dem Rahmen der damaligen Zeit. Seine Frau Wimpel, in ein kanari­en­gelbes Kleid gehüllt, hat mehr Interesse für den Alkohol und die jungen Männer als am Zusam­menhalt der Familie. Die naiv senti­mentale Julia, in ein kurzes Gewand gehüllt, macht im Laufe der Handlung eine nachvoll­ziehbare Wandlung vom Hascherl zur selbst­be­wussten Frau. Das ist ihre Freundin Hannchen schon lange, mit ihrem eroti­schen Paillet­ten­kleid scheint sie grade von einem Auftritt aus einem Berliner Revue­palast gekommen zu sein. Der Möchtegern-Galan Egon von Wilden­hagen, der aussieht wie ein durch­zechter Burschen­schaftler, faltet lieber ordentlich das Papier für die Blumen zusammen, als einen roman­ti­schen Angriff auf die Damenwelt zu starten.  Ja, und der erste Fremde, der sich so gerne als Wander­gesell darstellt, ist ein ehema­liger Weltkriegs­soldat, der in derbem Tuch und durch­tre­tenen Knobel­be­chern die Bühne betritt, aus denen malträ­tierte und banda­gierte Füße lugen. Da ist zunächst wenig Platz für Romantik, die Realität der Nachkriegszeit ist omnipräsent. Und genau diesen Kontext stellt Regisseur Behr in den Mittel­punkt der Handlung. Julia, die seit sieben Jahren – und damit seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges – auf ihre Jugend­liebe Roderich wartet, hat sich in eine Traumwelt geflüchtet, in der Shake­speares Romeo und Julia und der Mond als Postillon d’Amour ihre Sehnsüchte bestimmen. Und das Schloss wird von Jörg Behr und Marc Weeger als eine Oase im fiktiven Holland darge­stellt, in der die Figuren als Lebens­künstler gestrandet sind und sich vor der Realität verkriechen. Die Gestaltung des Portals ist inspi­riert von einem Blumen­muster der 20-er Jahre und dominiert das Bühnenbild, das den vorderen Teil der Bühne einschließlich Orches­ter­graben einnimmt, mit wenigen Requi­siten wie Tisch, Sofa und verschieb­barem Kühlschrank. Im Hinter­grund ist eine Silhouette des zerstörten Berlins mit dem Branden­burger Tor zu erkennen.

Dafür sitzt das Orchester auf der Bühne, quasi im Rücken der Akteure. Behr bezeichnet das als sichtbare „Sehnsuchts- und Emoti­ons­ma­schine“. Das hat natürlich auch Auswir­kungen auf die Akustik und auf die Kommu­ni­kation zwischen Dirigent und dem Ensemble, die nur indirekt über Monitore erfolgen kann. Der Auftritt des zweiten Fremden, des echten Roderich de Weert, wird hier nicht wie üblich mit einem Automobil darge­stellt, sondern er kommt wie ein Astronaut von der Bühnen­decke abgeseilt, was für Begeis­terung im Publikum sorgt.

Der Einsatz eines Strobo­skop­lichts und die Video­pro­jektion von Kriegs­szenen in die Mondsil­houette zu Beginn des dritten Aktes lassen wieder den Bezug zur Realität der Nachkriegszeit sichtbar werden, aller­dings etwas zu dick aufge­tragen. Künneke und seine Libret­tisten hatten sicher nicht den trauma­ti­sierten Soldaten im Hinterkopf, als sie das Lied vom Wander­ge­sellen schrieben.

Insofern ist diese Assoziation zwar nachvoll­ziehbar aufgrund des zeitlichen Zusam­men­hangs, aber es fällt doch etwas zu sehr aus dem ansonsten heiter bis senti­men­talen Rahmen. Nun heißt es in der Operette so schön: … und im Märchen da wurden die beiden ein Paar, und Behr verweigert sich nicht dem obliga­to­ri­schen Happy End. Julia nimmt dann doch den August Kuhbrot, ihren Roderich, und der echte Roderich, sehr selbst­ge­fällig, nimmt sich das Hannchen, nur für Egon von Wilden­hagen bleibt nichts übrig als ein veritabler Korb, den die beiden Damen ihm gegeben haben. Und die Moral von der Geschichte, jage keinem Traumbild nach, sondern liebe den Menschen so, wie er ist.  Eine Weisheit, die im Zeitalter von Dating-Apps mehr denn je aktuell ist.

Foto © Sebastian Buff

Musika­lisch ist das eine formi­dable Leistung, die das Philhar­mo­nische Orchester des Landes­theater Coburg unter der Leitung von Roland Fister präsen­tiert, mit den akusti­schen Heraus­for­de­rungen der Besetzung auf der Bühne und der nur einge­schränkten Kommu­ni­kation mit den Sängern. Doch diesen Balan­ceakt haben Fister und seine Musiker voll im Griff, die Tänze sind vor allem in den Ensembles mitreißend, und in den Solo-Stücken begleitet Fister die Sänger wie der „dienende Geist“ und schafft es, dass die Musik und die Hits nach zweieinhalb Stunden Spielzeit wie Ohrwürmer im Kopf nachsummen. An diesem Effekt haben natürlich auch die Sänger einen großen Anteil, die nicht nur sänge­risch, sondern auch schau­spie­le­risch beein­drucken. Laura Incko gibt mit klarem, hellem Sopran und strah­lender Höhe die roman­tisch verklärte Julia, mit dem anrührend vorge­tra­genem Auftrittslied Strah­lender Mond, der am Himmelszelt thront … hat sie schnell das Publikum für sich einge­nommen. Das gilt auch für Peter Aisher, der den ersten Fremden mit viel Charme und Überzeu­gungs­kraft gibt. Sein Ich bin nur ein armer Wander­gesell singt er noch etwas zurück­haltend, aber mit tenoralem Schmelz, während er in den Ensembles und den Duetten dann zur Hochform aufläuft. Francesca Paratore als Hannchen ist mit ihrem liebrei­zenden Sopran und ihrem frechen, manchmal schon fast lasziven Spiel eine Ideal­be­setzung für diese Rolle. Einen Sturz in den Orches­ter­graben kurz vor dem Finale übersteht sie ohne sichtbare Einschrän­kungen. Michael Lion lässt es in der Rolle des Josef Kuhbrot so richtig krachen, sein markanter Bass und sein komödi­an­ti­sches Spiel werten die Rolle richtig auf. Anne Heßling gibt die Wilhelmine mit markantem Alt und komödi­an­ti­schem Spiel. Dirk Mestmacher überzeugt in der Rolle des verklemmten Egon von Wilden­hagen; Jan Korab in der Rolle des zweiten Fremden gefällt mit schlankem Tenor und lässigem Spiel.

Ein Sonderlob haben sich Konstan­tinos Bafas und Martin Trepl als Diener Hans und Karl verdient. Als seien sie einer Varieté-Revue aus den 20-er Jahren entsprungen, agieren sie urkomisch und messer­werfend und geben der Aufführung eine ganz besondere Note. Die mitrei­ßende Choreo­grafie studierte Daniel Cimpean ein, und für die immer atmosphä­risch richtige Beleuchtung sorgte Thilo Schneider. Erwar­tungs­gemäß gab es am Schluss großen Jubel für alle Betei­ligten einschließlich Regieteam. Mit dieser Neuin­sze­nierung eines Klassikers der deutschen Operette hat das Landes­theater Coburg einen großen Wurf gelandet, der sicher noch für lange Zeit für kurzwei­liges Vergnügen sorgen wird, trotz des immer präsenten Hinter­grundes der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges.

Andreas H. Hölscher

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