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Das Festival Tanz NRW bietet Choreografen die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Städten vorzustellen, in denen sie üblicherweise nicht auftreten. Da findet man plötzlich in Städten wie Viersen, Wuppertal, Münster, Mülheim oder Essen Namen auf Plakaten, für die Tanzbegeisterte sonst nach Köln, Bonn oder Düsseldorf fahren oder umgekehrt. Und so kommt die Compagnie Mira der Choreografin Julia Riera aus Köln an einen Ort in Bonn, der mindestens so gut zu der zu zeigenden Aufführung passt wie die heimische Wachsfabrik.
1903 begann August Osberghaus den Aufbau der Germania-Brotfabrik im Stadtteil Bonn-Beuel. Nach knapp 30 Jahren stand der Betrieb vor dem Ruin. 1932 übernahm Hans Troullier die Fabrik und führte sie zum Erfolg. Noch in den 1970-er Jahren hätte wohl niemand geglaubt, dass das Unternehmen, das zu den erfolgreichsten im Stadtteil gehörte, jemals untergehen könnte. 1985 aber kam das Aus. Ein Verlust? Möglicherweise für die Freunde industriell gefertigter Backwaren. Nicht aber für den Stadtteil. Seit 1988 ist die Brotfabrik Bonn ein soziokulturelles Zentrum, in dem neben dem Theater Marabu und zahlreichen anderen Einrichtungen auch eine Bühne für die so genannte Freie Szene existiert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Hier zeigt Julia Riera die neueste Produktion ihrer Compagnie Mira mit dem Namen Mira 7 – Thuley, die am 25. Mai vergangenen Jahres ihre Uraufführung in der Kölner Wachsfabrik feierte. Thuley könnte der Name einer fiktiven Insel sein, auf der fünf Menschen zusammenkommen, um sich mit ihren inneren und äußeren Umständen zu befassen. Nötig ist dazu nicht mehr als eine leere Bühne, an deren Brandmauern links und rechts jeweils sechs Scheinwerfer aufgebaut sind. Wolfgang Pütz und Markus Becker stellen damit je nach Bedarf Lichträume her. Fünf Kopfhörer hängen von der Decke herab. Fünf Tänzer bilden das Leben ab. Da gibt es die beiden Afghanen, die aus ihrer Heimat in jungen Jahren nach Deutschland geflohen sind, eine Asiatin, die studienhalber in ihrer Jugend nach Deutschland gekommen ist, um zu bleiben, und zwei Deutsche. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihre Erinnerungen und ihre Gegenwart, ohne von der der anderen etwas zu kennen.

Als erster betritt Omid Rezai die Bühne und verbindet sich mit dem Kopfhörer. Welche Inhalte da vermittelt werden, bleibt dem Publikum ebenso wie bei den nachfolgenden Tänzern vorbehalten. Aber offenbar löst es Tanzimpulse aus, die sehr statisch vollzogen werden. Fa-Hsuan Chen widerfährt Ähnliches, nur dass sie damit weiträumiger und in größerem Lichtschein umgeht. Auch Lin Verleger stülpt sich den Kopfhörer über, eher unauffällig im Dämmerlicht. Ihm folgt Odilie Foehl mit gleichem Habitus, auch wenn die Gesten jetzt schon roboterhafter werden. Und den Abschluss bildet Mahdi Mosiu, der bis dahin geduldig auf einem Stuhl in der ersten Reihe gewartet hat. Während Rezai eher für die Verletzlichkeit des jugendlichen Geflohenen zu stehen scheint, wirkt Mosiu wie der Bewahrer der Tradition, wenn er Tanzschritte aus der früheren Heimat mit auf die Bühne bringt. In der Folge verändern sich die Abläufe. Es kommt zu Annäherungen auf die unterschiedlichsten Herangehensweisen. Am eindrucksvollsten zeigt sich hier sicher Verleger als Breakdancer. Foehl steigt nach Gruppendynamik faszinierend in die Höhe. Und Chen begeistert mit Fallsucht, die wiederum von Verleger aufgefangen wird. Das zum Ende Familienfotos als tableaux vivants eingefangen werden, auch wenn sie zwischendurch in die schiefe Ebene geraten, macht Mut, so sehr sie auch gekünstelt wirken sollen.
In Verbindung mit der Musik, die Philip Mancarella für das Stück komponiert hat, darf man hier wohl getrost die nächste Generation der Choreografie ausrufen. Mancarella hat keine Angst davor, Naturgeräusche mit Elektro-Beats zu kombinieren, die ohne Korrekturen Platz in einem Club finden könnten. Die Choreografin scheut nicht davor zurück, populäre Musiksequenzen mit Breakdance, HipHop und zeitgenössischem Tanz, aber auch hier und da mal traditionellen Tanzformen zu mischen. So könnte es gehen. Ob wir wollen oder nicht.
Das Publikum jedenfalls findet das Gesehene und Gehörte großartig. „Wir sind alle in Bewegung gekommen und gezwungenermaßen auf Wanderschaft – durch Außen- und Innenräume. Fünf Fremde treffen aufeinander auf der Suche nach dem Eigenen. Auf Thuley“, so hat es Julia Riera formuliert. Ob es diese Gedanken sind, die sie bei dem Werk bewegt haben, oder die großartige tänzerische Leistung, mag dahingestellt bleiben. Das Publikum hat einen Abend erlebt, für den die Angelsachsen nur ein Wort kennen: Amazing.
Michael S. Zerban