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OTELLO.TODAY
(Musiktheater im Labor)
Besuch am
9. Mai 2019
(Uraufführung)
Zu den vielen Aktivitäten des Jugendprogramms der Deutschen Oper am Rhein gehört das Musiktheater im Labor, in dem sich junge Leute nicht nur über die Abläufe und Möglichkeiten eines professionellen Opernbetriebs informieren, sondern auch eigene Produktionen entwickeln können. Derzeit präsentiert man im Düsseldorfer Theatermuseum unter dem Titel Otello.Today eine aktualisierte Adaption des berühmten Shakespeare-Stoffs, die Otellos Eigenschaft als Außenseiter in den Mittelpunkt stellt.
Dieser Aspekt spielt zwar auch bei Shakespeare und Verdi eine Rolle, wird aber von psychologischen Themen wie der Eifersucht deutlich überlagert. Dass Jago Otellos Eifersucht künstlich anstachelt, hat dabei mit der Tatsache zu tun, dass Otello als „Mohr“ aus einfachen Verhältnissen zum Feldherr avancieren und auch noch mit Desdemona eine der „besten Partien“ Venedigs erobern konnte. Das schürt Neid. Und hier setzt die Bearbeitung der Jugendbühne ein. Otello ist hier ein albanischer Flüchtling, dem nach einem missglückten Suizidversuch in der Klinik der Mord an Desdemona immer wieder bewusst wird. Die Rückblicke werden durchsetzt mit den vorurteilsbehafteten Reaktionen der Öffentlichkeit. Rassistische Kampagnen populistischer Partien und der Boulevard-Presse, Rufe nach Rache erinnern an reale Umgangsformen mit diesem Thema. Eine besonders komplexe Rolle spielt in Otello.Today Jago, der sich als verständnisvoller Freund Otellos einschmeichelt, gleichzeitig dessen Eifersucht auslöst und als demagogisches Sprachrohr einer populistischen Partei ausländerfeindliche Stimmungen aufkocht.
Man merkt der anderthalbstündigen Fassung an, wie ernsthaft sich die jungen Leute, neun Darsteller und vier Musiker, unter der Projektleitung von Katja Fischer, Dina Wälter und Dennis Palmen mit dem Thema beschäftigt haben. Das erarbeitete Libretto weist Bühnenreife auf. Und auch die darstellerischen Qualitäten lassen kaum etwas zu wünschen übrig. Auffallend als Produktion eines Musiktheaters ist jedoch der recht bescheidende musikalische Beitrag. Dass fast gar nicht gesungen wird, kann man verschmerzen. Aber auch sonst beschränkt man sich auf einzelne Einsprengsel. Zum Teil originell klingend im Duett für Flöte und Tuba, zum Teil überraschend mit Zitaten aus dem Tannhäuser, zum Teil auch von beklemmend unheimlicher Ausstrahlung.

Zu sehen ist also ein gut gebautes Schauspiel mit musikalischer Garnierung, das mit großer Intensität dargestellt wird. Dass mit einer Ausnahme alle Rollen von Mädchen gespielt werden, scheint an dem mangelnden Interesse der männlichen Jugend am praktischen Theaterspiel zu liegen, schmälert den nachhaltigen Eindruck der Produktion jedoch nicht. Mit ihrer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz beeindruckt Nina Daumen in der schillernden Rolle des Jago, die die Bigotterie der zwielichtigen Partie mit Haut und Haaren zum Ausdruck bringt. Lara Kebecks Desdemona überzeugt durch ihre einfühlsame Sensibilität, ebenso Alicia Kiljan als verständnisvolle Krankenschwester Mila und die anderen Mitstreiter, die meist mehrere Rollen darstellen. Dazu gehört auch der mit Tiermasken verhüllte Mob, angeführt von Iris Reis als „Demagogen-Coach“.
Das schlichte, gemeinsam gestaltete Bühnenbild beschränkt sich auf ein Bett, ein Rednerpult und einige verschiebbare Stellwände, die rasche Szenenwechsel erlauben. Umso effektvoller wirkt sich die Lichtregie von Tim Franke aus.
Insgesamt ein sehenswerter Versuch junger, begeisterter Theaterfreunde, den ungebrochen aktuellen Gehalt eines großen klassischen Stoffs behutsam zu aktualisieren, auch wenn der „musiktheatralische“ Akzent ein wenig zu kurz kommt.
Pedro Obiera