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IPHIGÉNIE EN TAURIDE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
10. Mai 2019
(Premiere am 28. April 2019)
Acht überwiegend hochbetagte Frauen sind in der Stuttgarter Iphigénie en Tauride die Hauptdarstellerinnen des Abends. Im Alter zwischen 76 und 96 Jahren haben sie noch die Wirrnisse des Zweiten Weltkriegs unmittelbar erlebt und sind in den folgenden Jahrzehnten durch die traumatische Verarbeitung der Geschehnisse gegangen. Als Bewohnerinnen eines Altenheims bewegt sich ihr Lebenskreis jetzt im Miteinander unter Gleichaltrigen, im Erinnern und unbestimmten Warten, sowie in sich wiederholenden Routinen der Verrichtungen des Alltags. Mit der Präsenz dieser Frauen verknüpft der Regisseur Krzysztof Warlikowski die Geschehnisse der Oper Iphigénie en Tauride aus dem 18. Jahrhundert mit den bis heute unausgesetzten, zerstörerischen Wirkungen von Krieg und Vertreibung.
In der Atriden-Sage rettet die Göttin Diana Iphigénie vor dem Opfertod durch ihren eigenen Vater Agamemnon und entführt sie nach Taurus, wo sie unter Anweisung des Herrschers Thoas als Priesterin Menschenopfer vollziehen muss. Ihr Bruder Oreste und sein Freund Pylade werden als Schiffbrüchige an Land gespült und unmittelbar von Thoas zur Opferung bestimmt. Oreste wird von den Erinnerungen an dem Muttermord, den er an Klytämnestra, der Mörderin seines Vaters begangen hat, verfolgt. Eine tiefe Zuneigung veranlasst Iphigénie, ihren noch unerkannten Bruder verschonen zu wollen. Auf dessen Bitten erlöst sie jedoch Orestes Freund Pylade statt seiner selbst. Erst bei der Ausführung des Opferrituals erkennt sie ihren Bruder wieder und verweigert den Mord. Thoas will beide verfolgen und töten lassen. Die Göttin Diana greift erneut ein und schenkt den Geschwistern Orest und Iphigénie das Leben. Auf der psychologischen Ebene und neben der äußeren Handlung reflektieren die Personen ihre eigene Verstrickung oder die ihrer Familie in den ungebrochenen Kreislauf von Gewalt, Mord, Rache, Schuld und ihr Verlangen nach Sühne.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Als eine der Gezeichneten und Bewohnerin eines Altenheims betritt auch Iphigénie die Szene der Stuttgarter Aufführung. Auch sie vermittelt zunächst die Aura eines versehrten und geschwächten Menschen in der letzten Lebensphase. Doch dann aufersteht die junge, fühlende Frau, die sie im Innersten geblieben ist. In ihr erblühen ihre warmen Gefühle menschlicher Zuwendung und Liebe, zu denen sie sich angesichts der Begegnung mit Oreste und Pylade wieder bekennt.
Die Schatten der psychologischen Lasten weichen nicht von ihr. Sie bleiben in der Person einer ihr zugestellten, stummen Schauspielerin als Doppelgängerin präsent, die ihr Eigenleben zu führen scheint. Der Spaltung ihrer Persönlichkeit wird sie nicht mehr entrinnen können.

Grandios die Darstellung der psychischen Versehrtheit Orestes. Im Traum sieht er sich im zweiten Akt als junger, verletzlicher, nach Liebe begehrender Mann. Bei jeder Umarmung einer Frau wird er jedoch von den Zwischenwesen und Rachegeistern der Erinnyen verfolgt. In jeder Frau kann er nur eine Anklägerin seiner Schuld erkennen, jede wandelt sich in seinen Armen in eine Rächerin seiner von ihm getöteten Mutter. Jede muss er nach kurzer, gewaltsamer Umarmung von sich stoßen, zerstören. Statt Liebesumarmung und Zweisamkeit kann er immer wieder nur Gewalt und Verletzung leben und erleiden. Er bleibt in Einsamkeit zurück. Eine gelungene, bildhafte psychoanalytische Studie gewaltbedingten Handelns.
Diese Wirkung wird nicht zuletzt durch Bühnenbild und Kostüme von Małgorzata Szczęśniak erreicht. Der Bühnenraum ist zunächst ein sachlich konzipierter Funktionsraum im täglichen Leben eines Altersheims. Immer wieder trennt eine verglaste Wand im vorderen Teil der Bühne den Raum und lässt je nach Beleuchtungsregie den hinteren Teil mehr oder weniger deutlich sichtbar verbleiben. Die durchsichtige Trennwand dient so unmerklich wie eine Projektionsfläche von Träumen oder Zonen des Unbewussten, die mal deutlicher erscheinen oder tendenziell zu verblassen scheinen, aber tatsächlich für immer bleiben. Die Lichtregie von Felice Ross, Videokunst von Denis Guegin und die Choreografie von Claude Bardouil tragen zur Kreation dieser Zwischenwelt mit beklemmender Wirkung bei. Die handelnden Personen wandeln so zwischen Realität und Traum, Bewusstsein und Unbewusstsein.
Am Ende zu den Jubelchören nach Dianas Erlösung gibt es einen verstörenden Auftritt: Die alten Damen erscheinen nunmehr in festlich-schwarzen Kleidern mit Orden- und Ehrenzeichen, auf die sie stolz hinweisen. Die Geste steht für ihren Stolz auf ein bei allem Schmerz so gelebtes Leben, das ihnen trotz der erlebten und erlittenen Gewalt keiner nehmen kann. Was mag dieses Bild für nachfolgende Generationen bedeuten? Gibt es eine Veränderung, ein Entkommen aus dem Zyklus von Gewalt und Zerstörung?

Amanda Majeski ist Iphigénie. Perfekte Linienführung, starke Ausdruckskraft und eine außerordentliche Modulationsfähigkeit zeichnen ihre warme Sopranstimme aus. Darstellerisch wandelt sie sich beklemmend von einer dem Leben versagenden Priesterin zurück in eine fühlende, zur Liebe fähige Frau. Emar Gilbertsson gibt gesanglich und darstellerisch einen bewegenden Pylade. Die perfekte Technik und Stimmführung übertreffen noch die Schönheit des lyrischen Brios seiner Tenorstimme. Jarrett Ott ist ein ergreifender Oreste, der die Rolle des versehrten Muttermörders mit leidenschaftlicher Geste und zugleich diszipliniertem Stimmeinsatz berührend gestaltet. Gezim Myshketa gelingt eine mehr als überzeugende Darstellung des polternden Herrschers Thoas, der mit keinem Schuldbewusstsein geschlagen ist. Als Darstellerin in der stummen Doppelrolle der Iphigénie mit changierender Wirkung agiert Renate Jett, die auf eine lange Zusammenarbeit mit Warlikowski zurückblicken kann.
Der Staatsopernchor Stuttgart unter der Leitung von Bernhard Moncado singt bei Positionierung im Orchestergraben in exzellenter klanglicher Differenzierung und leistet die gesamte Palette klanglichen Ausdrucks in wunderbarer Balance mit dem Orchester.
Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Stafano Montanari spielt brillant. Die traditionelleren Kompositionsanteile der Partitur werden mit großem Tempo genommen, die lyrischen, gefühlbetonteren Phrasen mit nachhaltiger, klangschöner Emphase bei engagiertem und feinsinnigem Zusammenspiel betont.
Das Publikum folgt gebannt der Aufführung und feiert alle Protagonisten mit langanhaltendem Beifall, außerdem vielen Bravorufen für Amanda Majewski, Emar Gilbertsson und Jarrett Ott. Jubel für die Statisterie der Damen des Altenheims.
Dass die Inszenierung ursprünglich bereits 2006 an der Opéra National de Paris herauskam, ist der Neuproduktion nicht anzumerken. Sie hat ihren herausragenden Ruf als wegweisende Gluck-Deutung dieser Tage erneut unter Beweis gestellt und betätigt allemal die Entscheidung für eine Aufführung hier und jetzt: In Stuttgart beginnt die Psychoanalyse mit Gluck.
Achim Dombrowski