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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
19. Mai 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Erlebte die Tonhalle Düsseldorf bisher nur den sinfonischen Adam Fischer, kennt sie nach dem konzertanten Don Giovanni nun auch den Operndirigenten Fischer. Als Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker längst in die Herzen des Konzertpublikums in der Tonhalle gespielt, bereitet er Düsseldorf als Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper mit Don Giovanni ein musikalisches Geschenk der Extraklasse.
Jetzt weiß man endgültig, was man mit Fischer in jedem Konzert in der Tonhalle mehr und mehr erleben kann: Einen charismatischen, gleichwohl letztlich bescheidenen, stets hinter die Orchestermusiker zurücktretenden Vollblutdirigenten, der die Musik lebt.
Nach dem musikalisch und emotional überwältigenden sinfonischen Mahler-Haydn-Projekt zeigt er sich mit Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Don Giovanni als staunenswert universaler Musiker. Er dirigiert nicht nur aus dem Kopf ohne eine Partiturnotiz, er singt zudem fast durchgängig alle Partien mit. Mit Fischer am Pult kann sich jede Aufführung auch die Souffleuse sparen.
Halbseitig den Solisten hinter seinem Rücken zugewandt, mit einer Hand das Orchester dirigierend, kann man dem Zauberer Fischer bei seiner unnachahmlichen Arbeit zuschauen. Niemals in der Gefahr eines orchestralen Kontrollverlustes, wendet er sich insbesondere bei den dramatisch energetischen wie bei den lyrisch poetisch gestimmten Pianissimo-Betonungen mit ingeniöser Überzeugungskraft dem Orchester direkt zu, um im nächsten Moment seine dramaturgisch halbseitig gewendete Position wieder einzunehmen.
Mit dem Orchester der Wiener Staatsoper hat Fischer einen vertrauten und zuverlässigen, klangfarbig differenziert intonierenden Partner an seiner Seite. Seidiger Atem der Streicher zusammen mit sonorem Blech und Holz, durchpulst von einer animierenden Pauke sowie einem insbesondere in den Rezitativen geschmackvollen Cembalo gelingt eine Klangfarbigkeit, die Leid, Leidenschaft, Schmerz, Sinnlichkeit und Tod umkreist.
Neben dem viel zitierten Enthusiasmus, Don Giovanni sei die Oper aller Opern von E.T.A. Hoffmann, sind die Wiener insbesondere musikästhetische Garanten im Sinne von Sören Kierkegaard: Die Inkarnation der Genialität des Sinnlichen.
Fischer bei dieser konzertanten Demonstration seines Dirigierverständnisses zuzuschauen, gibt ein überzeugendes Beispiel dafür, wie sich Mozarts unvergleichliches Meisterwerk mit seinen musikalischen Kostbarkeiten einem unmittelbareren Hören anders als in einer üblichen Opernaufführung öffnet. Er lebt, bebt, singt und tanzt mit jeder Faser seines Körpers den glühenden Pathos und die erotischen Triebkräfte des Don Giovanni.

Der eigentliche Star des Abends ist Fischer. Das heißt im Umkehrschluss keineswegs, er ist es per se, weil die Solisten blass und uninspiriert blieben. Es ist eine Offenbarung der Persönlichkeit Fischers, dass er als Primus am Pult die Zügel fest in der Hand hält, aber trotzdem das Prinzip primus inter pares lebt. Das Phänomen Fischer (über)strahlt, obwohl brillante Solisten an seiner Seite sind.
Häufig ist aufgrund der Rollenstruktur relativ eindeutig, wem unter den Solisten der Lorbeerkranz am Ende geflochten wird. Nicht so bei diesem Don Giovanni. Dass fast ausnahmslos alle Solisten Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper sind, wäre für sich genommen nicht mehr als eine sachliche Feststellung. Ihre solistische Klasse ist es keineswegs. Sie bringen Wiener Mozart-Glanz in die Tonhalle. Adam Plachetka ist als in Prag Geborener prädestiniert als Nachfahre des Don Giovanni der Uraufführung 1787 in seiner Heimatstadt.
Mit diesem authentischen, kulturellen Background, körperlich und gestisch ein perfekter Sängerschauspieler in dieser Rolle, versilbert sein Bariton nicht nur die bekannte Champagner-Arie. Zusammen mit der jungen, zerbrechlich wirkenden, doch mit lebhaft akzentuierter, mezzosopranistischer Ausdruckskraft intonierenden Svetlina Stoyanova als Zerlina interpretiert Plachetka das Duett Là ci darem la mano – bekannt im deutschen Volksliedcharakter Reich‘ mir die Hand, mein Leben – mit einschmeichelnder Eloquenz.
Als Leporello neben diesem dämonischen Liebesberserker überzeugt Jongmin Park mit seinem wortdeutlich artikulierenden Bass. Dunkel raunend wie in hellschimmernden Intermezzi eine extraordinäre Stimme. Durchgehend setzt er gesangliche wie gleichermaßen spielerische Akzente mit schlitzohriger Präsenz. Die Registerarie Madamia, il catalogo é quest ist nur eines, wenn auch das bekannteste seiner Kabinettstücke, mit dem er brilliert.
Eine spielintelligente wie ebenso sängerische Überraschung ist der Bassist Peter Kellner als Masetto. Quicklebendig träumend, wie tölpelhaft hasenfüßig Don Giovanni aufgesessen, zeigt er zusammen mit Stoyanovas Zerlina eine jugendfrische Melange eines hoffnungsvollen Liebhabers.
Tara Erraught ist als verschmähte Donna Elvira eine Primadonna des Opernbetriebs, wie man sie mit dieser Präsenz heute eher selten findet. Robust und verletzlich zugleich, zeichnet ihr Sopran mit kraftvoller Verve die Charakterstudie einer Frau, die nicht nur für sich, sondern auch für Donna Annas und Zerlinas Ehre kämpft. Ihre Arie Ah, fuggi il traditor, eine Warnung an Zerlina, dem verräterischen Don Giovanni zu entfliehen, ist eine temperamentvolle Enttarnungsgeste.
Der Mord an Donna Annas Vater, il Commendatore – von Dan Paul Dumitrescu solide interpretiert, ohne dem schmalen Libretto Glanzvolles abzugewinnen – ist Ausgangs- und Endpunkt des bösen Bubenstücks Don Giovanni. Irina Lungu entwickelt die widersprüchliche Figur der Donna Anna mit dramaturgischem Fingerspitzengefühl. Eher verhalten defensiv zu Beginn, zeichnet sie, beginnend mit der Arie Or sai chi l’onore, das Bild einer selbstbewussten Frau. Ihr kontrastierend kolorierter Sopran steigert sich im Verlaufe der Aufführung trennscharf bis in eindrucksvollste Höhen.
Neben diesen exzellenten Solisten gewinnt Jörg Schneiders Don Ottavio erst spät an Kontur. In der zweiten Szene des zweiten Aktes wird mit Il mio tesoro intanto deutlich, über welches Timbre sein lyrischer Tenor verfügt.
Im finalen Tutti des ersten Aktes Tutto, tutto già si sa! wissen alle scheinbar schon alles. Allein es ist der grandiose Anlauf zu einer furiosen Steigerung unter Maestro Fischer. Bravi und standing ovations rahmen einen denkwürdigen Abend, eine Sternstunde, die nicht zuletzt durch das Engagement der Freunde und Förderer der Tonhalle ermöglicht worden ist.
Peter E. Rytz