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PARISER LEBEN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
23. Mai 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Bei der Inszenierung alter Bühnenwerke gilt es im deutschen Regie-Theater als ausgemacht, aktuelle Bezüge herzustellen, um Erfolg zu haben. Wer es damit übertreibt, läuft allerdings auch schnell Gefahr, einem solchen Werk eher zu schaden, als dem Publikum zu nutzen. Regisseur Holger Potocki hat sich Anfang vergangenen Jahres Jacques Offenbachs Pariser Leben angenommen. Dabei beschränkte er sich nicht darauf, das Stück aus dem Jahr 1866 mit aktuellen Bezügen zu inszenieren, sondern schuf gleich eine eigene Textfassung auf Basis des Librettos von Henri Meilhac und Ludovic Halévy.
Dazu muss man wissen, dass das Werk für ein Privattheater, das Théâtre du Palais-Royal an der Rue de Montpensier in Paris, entstand. Es ging also nicht darum, anspruchsvolles Theater abzuliefern, das möglicherweise den politischen Diskurs beflügelte, sondern um eine möglichst schmissige Revue mit eingängigen Musiknummern. Durchaus derbe dürfte es in den Zwischentexten zugegangen sein. La vie parisienne, so der Originaltitel, war mit über hundert Aufführungen ungewöhnlich erfolgreich. Wie aber überträgt man das in die Neuzeit? Indem man die Derbheit vergangener Zeiten übernimmt, oder indem man sich auf einen intelligenten Witz verlässt, der einer zivilisierten Gegenwart entspricht? Potocki entscheidet sich für simple Dialoge, die nicht nur unter die Gürtellinie, sondern auch unter die Anforderungen eines Komödienstadels gehen. Peinlichkeiten reichen dabei bis in die Inszenierung hinein, wenn etwa Lustsklave Gonzo auf allen vieren über die Bühne kriechen muss.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mag das in der Premiere noch als „flotte Inszenierung“ durchgegangen sein, wirkt es im Gastspiel am Forum Leverkusen eher peinlich. Hinzu kommt, dass die Personenführung ins Leere läuft. Zahlreiche Szenen wirken eher so, als habe der Regisseur den Akteuren zugerufen: Jetzt seid mal lustig. Jetzt bewegt euch mal.
Dabei bleibt das Bühnenbild von Lena Brexendorff unterentwickelt. Im Hintergrund zeigen Projektionen den Ort der Handlung – ein banlieue, eine Bahnhofshalle und so weiter – an. Davor wird im ersten und in den späteren Akten ein Gebäude mit einem Obergang und einer großen Treppe gezeigt. In den Zwischenakten ist ein Penthouse zu sehen, in dem die große Party stattfindet. Brexendorff ist auch für die Kostüme zuständig und stürzt sich in einen wahren Rausch, der zwar die Überdrehtheit der Handlung unterstreicht, aber auch die Identifikation der Personen erschwert. Hans-Joachim Köster nutzt die lichttechnischen Möglichkeiten vor Ort, ohne sich Besonderheiten einfallen zu lassen. Aber das geht in Ordnung.
Personal gibt es ausreichend auf der Bühne. Das Gesangsensemble, Chor, Extrachor, Mitglieder des Balletts und Statisten bevölkern immer wieder den Raum zwischen rückwärtigem Gebäude und Rampe. Und hier liegt die Stärke des Abends. Das Ensemble des Theaters Hagen, das im Forum zu Gast ist, zeichnet sich durch immense Spielfreude aus. Die braucht man auch, um die lustigen „Regie-Einfälle“ bis hin zum pietätlosen Auftritt einer Witzfigur Karl Lagerfeld über die Bühne zu bringen. Aber so sehr sich die Sänger auch bemühen, textlich sind in dieser Akustik nur die Dialoge zu verstehen. Im Theater Hagen hat man deshalb vorsorglich das Stück mit Übertiteln versehen, auf die in Leverkusen verzichtet wird. So geht viel vom Vergnügen an der deutschsprachigen Fassung verloren.

Unter den vierzehn Rollen, die alle einzeln besetzt sind, seien hier die wichtigsten hervorgehoben, ohne den Einsatz der übrigen schmälern zu wollen. Veronika Haller spielt souverän die Baronin Christine von Gondremarck, von Kenneth Mattice wird in der Darstellung ihres Mannes voller Körpereinsatz verlangt, den er auch gerne liefert. Richard van Gemert gefällt als Raoul de Gardefeu ebenso wie Boris Leisenheimer in der kleineren Rolle des Brasilianers. Aus dem „leichten Mädchen“ Metella wird bei Potocki eine Studentin, die Sophia Leimbach mit viel Witz und absolut unerotisch darstellt. Mme Quimper-Karadec ist bei Offenbach eine etwa 80-jährige Dame, hier wird sie zur liebestollen, aufgedonnerten Mittfünfzigerin, die Marilyn Bennett wunschgemäß interpretiert. Der Einfall, sie von einem Lustsklaven begleiten zu lassen, wird von Sebastian Barton umgesetzt. Der verschlägt dann allerdings auch dem Leverkusener Publikum das Lachen.
Die Modernisierungsversuche, die unter anderem in mangelhafter Technik beim Mobilfunk-Einsatz scheitern, machen auch vor der Musik nicht halt. Da müssen dann zusätzlich zur Offenbach-Musik noch Schlager vom Band mitgeträllert werden. Aus Sicht des Orchesters überflüssig. Unter Leitung von Rodrigo Tomillo lassen die Philharmoniker liebevoll die Farben Offenbachs erblühen, die Potocki offenbar so gern hätte auf der Bühne schillern lassen.
Im ohnehin nur mäßig besuchten Forum sind die Zuschauer froh, als sie nach knapp zweieinhalb Stunden, die zum Schluss immer mehr zur Klamotte geraten sind, wieder ins Freie kommen.
Michael S. Zerban