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PIQUE DAME
(Peter Tschaikowsky)
Besuch am
25. Mai 2019
(Premiere)
Nach Gounods Roméo et Juliette stemmt die Deutsche Oper am Rhein mit Peter Tschaikowskys Pique Dame nach einer Erzählung von Alexander Puschkin eine weitere, mit geradezu emotionaler Explosivkraft aufgeladene Literatur-Oper. Diese Eigenschaft kommt im Düsseldorfer Opernhaus vor allem durch die musikalische Darstellung zur Geltung. Kapellmeister Aziz Shokhakimov streichelt Tschaikowskys geniale Partitur nicht gerade mit Samtpfötchen und raut den Klang mächtig auf. Nicht immer mit der nötigen Rücksicht auf die Sänger, die zum Glück mit ihren großen Stimmen dem orchestralen Druck standhalten können. Lediglich in den Szenen mit der geheimnisvollen Gräfin kommt er der legendären Hanna Schwarz entgegen, die mit ihrer Bühnenpräsenz mehr Hintergründigkeit ausstrahlt als manches Mätzchen der Regie.
Dass man mit den von den Librettisten vorgegebenen Spielorten lässig umgeht, gehört heute zum Opernalltag. Wenn allerdings ein Werk in jedem Takt, in jedem Bild so viel spezifisch russisches Kolorit ausstrahlt wie Tschaikowskys vielleicht bestes Bühnenwerk, macht eine Verlagerung der Handlung aus St. Petersburg ins Hollywood der 1950-er Jahre wenig Sinn. Eine schlüssige Erklärung für diese Entscheidung bleibt Regisseurin Lydia Steier in ihrer Inszenierung schuldig. Lediglich Rückgriffe auf Kostüme des französischen Rokokos, der Welt, der die alte Gräfin in ihren Erinnerungen nachhängt, machen Sinn.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zum Glück wirkt Tschaikowskys Musik so kraftvoll, dass der dramatische Gehalt durch die szenische Verzerrung nichts von seiner überwältigenden Wirkung einbüßt. Und die Sänger tun mit ihrem totalen körperlichen und stimmlichen Einsatz das übrige, um Tschaikowskys aufgeheiztes Seelengemälde mitreißend umsetzen zu können.
Die fragwürdige Verpflanzung in die Glitzerwelt Hollywoods irritiert umso mehr, als die Regisseurin durchaus erkennen lässt, dass sie den psychologischen Gehalt des Stücks erfasst hat und auch in etlichen Details schlüssig zum Ausdruck bringen kann. Die Zerrissenheit des mittellosen Offiziers Hermann wird durchaus deutlich. Eines Mannes, der sich in die zunächst unerreichbare Lisa aus der Petersburger High Society verliebt und zunehmend von dem Drang erfüllt wird, der alten Gräfin das Geheimnis um drei angeblich unfehlbare Karten entreißen zu wollen, mit denen er die Spielbank sprengen könnte. Die ursprüngliche Intention, mit dem Geldsegen Lisa für sich gewinnen zu können, wird immer stärker von seiner wahnhaften, sich verselbstständigenden Gier nach den unfehlbaren Karten überlagert.

All das wird in der Inszenierung spürbar. Fragwürdig bleibt die Rolle der Gräfin, die bei der Begegnung mit Hermann vor Schreck stirbt und ihm aus dem Jenseits die ersehnten, aber falschen Karten nennt. Steier dichtet eine sexuelle Beziehung zwischen Hermann und der alten Gräfin hinzu, die vielleicht den jede moralische Grenze sprengenden Suchtdruck Hermanns unterstreicht, in der Darstellung geschmacklich jedoch grenzwertig wirkt.
Man tummelt sich lieber an bunten Pools in den Bühnenbildern von Bärbl Hohmann als in den hehren Palästen St. Petersburgs. Die Zarin erscheint als Karikatur, die urrussisch gefärbten Volkslieder wirken aus den Mündern von Partygirls und Badenixen deplatziert, können aber wenigstens musikalisch überzeugen.
Ohne Gäste kann selbst die Deutsche Oper am Rhein mit ihrem großen Ensemble ein vokal so anspruchsvolles Werk wie die Pique Dame nicht auf die Beine stellen. Zumindest nicht, wenn man die Hauptrollen sinnvollerweise doppelt besetzen will. In der Premiere kann sich Sergey Polyakov mit seinem konditionsstarken Tenor als Hermann fast mühelos gegen die orchestralen Attacken durchsetzen und verfügt über genügend Reserven, um die dramatischen Gefühlsschwankungen der Figur differenziert aussingen zu können. Ähnlich stark füllt auch Elisabeth Strid die kaum weniger anspruchsvolle Rolle der Lisa aus. Kabinettstückchen in Sachen makelloser Stimmkultur bieten Maria Kataeva als Polina und Alexander Krasnov als Graf Tomski. Vorzüglich erfüllt der Chor der Rheinoper seine großen Aufgaben.
Begeisterter Beifall ohne auch nur den leisesten Protest gegen das Regie-Team mit Sonderapplaus für die Opern-Legende Hanna Schwarz.
Pedro Obiera