O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
25. Mai 2019
(Premiere am 12. Mai 2019)
Eine Oper mit Musik aus den Tagen einer überreifen Spätromantik sowie zwei Arien-Hits von Wunschkonzertqualität und nicht wenigen Genreüberschreitungen zur Operette. Was macht daraus wohl Hausregisseur und Hausautor Armin Petras am Bremer Theater, der bisher nicht durch eine schwelgerisch-romantische Geste aufgefallen ist?
Paul trauert um seine aus unbekanntem Grund aus dem Leben geschiedene Frau Marie. Er trifft Marietta und hält sie für ein Abbild Maries. Marietta wehrt sich gegen Pauls Vereinnahmung, die in ihr nur das Wesen seiner verstorbenen Frau, nicht ihre eigene Persönlichkeit, zulässt. In der Oper träumt er, Marietta zu töten. In der Bremer Fassung vollzieht er den Mord tatsächlich.
Regisseur Petras und sein Team versuchen in ihrer Inszenierung möglichst viele, im Fin de Siècle geheimnisvoll verbleibende Sachverhalte handfest zu begründen, dabei vor allem Pauls starre, unerklärliche Haltung durch den Tod Maries. Sie finden sie in einem traumatisierenden Schuldkomplex nach einem tragischen Autounfall mit tödlichem Ausgang. Auf einer ausgelassenen Ausflugsfahrt, die Paul mit seiner Frau Marie, der Haushälterin Brigitta und seinem Freund Frank unternimmt, kommt der Wagen von der Fahrbahn ab, überschlägt sich und stürzt einen Hang hinab. Marie stirbt, Brigitta und Frank werden Zeugen. Alle Überlebenden sind körperlich und seelisch angesichts der Katastrophe versehrt. Die Ereignisse werden in aller Ausführlichkeit mittels Videoeinspielungen von Rebecca Riedel erzählt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Während Brigitta und Frank Wege in ein neues Leben zu finden suchen, erstarrt Paul zunächst gänzlich in seinem Trauma verhaftet, ohne sich physisch oder psychisch bewegen zu können. Er verbleibt den gesamten Abend fast unbeweglich in der Mitte der Bühne. So träumt er von seiner verstorbenen Frau, so trifft er auf Marietta, die Tänzerin.
Marietta ist von einer Tanzgruppe von sechs Frauen und Männern umgeben. In weiteren, unter anderem in Gewerbegebieten Bremens aufgenommenen Videoszenen und auf der Bühne weiß man nicht, ob sie gerade proben, tanzen oder sich nur in ausgelassener Weise des Lebens freuen, so übergangslos gestaltet sich ihr gemeinsamer, unbeschwerter Umgang.
Paul sieht sie ausschließlich als Marie, er kann ihr keine eigene Persönlichkeit zuerkennen. Als Marietta das immer stärker einfordert, wird mehr und mehr deutlich, dass Paul und Marietta sich aus gänzlich gegensätzlichen Welten zu erreichen versuchen und daran scheitern. Die Videoeinspielungen zeigen stilistische Elemente der 1970-er und 80-er Jahre und nehmen Bezug auf die Frauenbewegung der Zeit. Als Marietta mit ihrer Tanzgruppe immer ausschweifender, dionysischer tanzt, weiß sich Paul nicht anders zu erwehren als sie in einem Verzweiflungsakt zu töten. Die Szene erscheint wie eine Antwort auf das rauschhafte, entgrenzte Taumeln der orgiastischen Gruppe, das sich im Video wie auf der Bühne bis an die Grenze der Selbstaufgabe in eine kultische Handlung hineinzusteigern scheint. Erst nach der Tat beginnt Paul seine eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Eine implizite Düsternis der Szenerie wird durch die Bühne von Martin Wertmann gesteigert. Wie die zum Zuschauerraum aufgebrochene Apsis von Pauls Kirche des Gedenkens an Marie wurden den gesamten Bühnenraum in der Höhe ausfüllende Installationen kreiert, die in zehnfacher malerischer Überlagerung auf Bilder von Aleppo zurückgehen, der wohl zerstörtesten Stadt der Welt. Die Darstellungen sind hochabstrakt und erschließen sich nicht als bildhafte Wiedergabe des Ortes. Sie sind damit ein konträres künstlerisches Ausdrucksmittel in einer ansonsten tendenziell stark nach realistischer Umsetzung suchenden Inszenierung.
Die Szene wird weiterhin durch das im hinteren Bühnenraum platzierte Orchester geprägt. Was zunächst als reine Notwendigkeit, über 70 Musiker einschließlich Klavier, Celesta und Harmonium überhaupt platzieren zu können, geboten ist, bewirkt schließlich ein ganz besonderes künstlerisches Wirkungselement. Die durch den hochgefahrenen Orchestergraben unmittelbar vor dem Publikum agierenden Protagonisten sowie die Videosequenzen werden durch die Klangmagie der Korngold-Partitur gleichsam klangmalerisch und psychologisch durchleuchtet. Dabei passt der durch das offen spielende Orchester unmittelbarere Klang der Instrumente bestens in das Konzept dieser hinterfragten Spätromantik als der oft wohlig-vermischte Klang aus dem Graben.
Der Bremer Umsetzung gelingt damit eine neue Sichtweise auf Korngolds geniales Werk unter Vermeidung einer allzu verklärten, unbestimmten, so genannten romantischen Sicht. Vielmehr durchleiden die Personen reale Situationen, die ihre Traumatisierung erklären.

Wieder kann Nadine Lehner mit einem glänzenden Rollendebüt aufwarten. Ihre Marietta ist gesanglich und darstellerisch, insbesondere auch in der Choreografie zusammen mit den Tänzern, mitreißend und berührend gelungen. In ihrer zunächst mädchenhaften, ungezwungenen Art, später zunehmend eigenständig und fordernd, macht sie die Entwicklung des Charakters einer jungen Frau deutlich, die sich nicht von der Trauer und dem Trauma eines Mannes vereinnahmen lassen will.
Karl Schineis ist Paul. Sein kraftvoll-silbriger Tenor wird der Partie glänzend gerecht. Darstellerisch ist er rollenbedingt abstinent in der Mitte der Bühne positioniert. Birger Radde gibt den treuen Freund Frank, der vergebens versucht, Paul aus seiner Abgeschiedenheit zu befreien. Wunderbar seine große Arie und seine abgestimmte musikalische Gestaltung. Nathalie Mittelbach gelingt ein überzeugendes Porträt einer mitleidenden Gefährtin und Haushälterin.
Ein besonderes Lob gilt Mima Millo, die als Marie ganz kurzfristig für die vorgesehene, erkrankte Kollegin eingesprungen ist und dadurch die Vorstellung rettet.
Das Orchester mit seinem jungen Generalmusikdirektor Yoel Gamzou funkelt in den vielfarbigen Facetten von Korngolds genialer Partitur, nicht ohne die besonderen Aspekte der Instrumentation und ihrer Klangwirkung in ihrer Fantastik hörbar werden zu lassen.
Der Kinderchor des Theaters unter der Leitung von Alice Meregaglia überzeugt durch eine unwirkliche Darstellung der Prozession zu Maries Tod.
Das Publikum ist fasziniert und spendet lange Beifall mit vielen bravi für Nadine Lehner und das Orchester unter Yoel Gamzou. Wenn es nur zahlreicher erschiene – nicht wenige Plätze sind in der erst dritten Aufführung der Produktion leer.
Achim Dombrowski