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Foto © Thilo Beu

Größe und Grauen

LES VÊPRES SICILIENNES
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
25. Mai 2019
(Premiere)

 

Oper Bonn

Der Sonntag als Termin für Opern­pre­mieren am Theater Bonn ist seit Jahren gesetzt. Mit der Termi­nierung der Premiere von Giuseppe Verdis Les vépres Sicili­ennes auf den Samstag vor der Wahl zum Europa­par­lament könnte diese Gewohnheit kippen. Intendant Bernhard Helmich, verlautet zur Begründung, wolle mal einen alter­na­tiven Termin auspro­bieren. Was oder wen dabei der Intendant speziell im Auge hat, ob nun den Auslas­tungsgrad des Hauses, die Musiker des Beethoven-Orchesters Bonn oder alle übrigen künst­le­ri­schen oder techni­schen Mitwir­kenden, bleibt offen. Auch ist bislang nicht bekannt geworden, in welchem Maße sich Opern­in­ter­es­senten beschwert gefühlt haben mögen, die die Termin­kol­lision mit dem Fußball-Pokal­finale am selben Abend als zumindest unglücklich, wenn nicht ärgerlich empfunden haben. Zwar haben Fußball­spiele, wenn sie spekta­kuläre Verläufe, Helden und Verlierer produ­zieren, bekanntlich auch etwas von großer Oper. Doch ersetzt das Erlebnis des einen damit keineswegs den Ausfall des anderen.

Versöhnen dürfte dagegen die Termin­an­setzung im Vorfeld der Europawahl. Verdis zweite franzö­sische Oper für Paris auf dem Hinter­grund des blutigen Aufstands der Sizilianer gegen ihre franzö­si­schen Besatzer Ostern 1282 zu Palermo ist durchaus geeignet, einmal mehr die histo­rische Friedens­di­mension des europäi­schen Einigungs­pro­zesses bewusst zu machen. Indirekt ist diese Botschaft auch in der Insze­nierung David Pountneys angelegt. Im Finale  kündigen die Glocken die Hochzeit des Liebes­paares Hélène und Henri an. Zugleich geben sie das Start­signal für das Massaker der Insel­be­wohner an den verhassten Okkupanten. In diesem Augen­blick werden Spreng­stoff­gürtel sichtbar, die bis dahin unter den Kostümen von zwei Großpuppen verborgen gewesen sind. Aggression, Unter­drü­ckung und Herab­setzung – so die Mahnung – sind immer virulent, wenn nicht die Gegen­kräfte gestärkt werden, der Wille zum fried­lichen Ausgleich, die Wahrung der Menschen­rechte gegenüber jedermann.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Verdis neunzehnte Oper, kompo­niert auf ein Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier, ist der spekta­kuläre Ausdruck der Ambition des italie­ni­schen Meisters, sich an den Ansprüchen der damaligen Welthaupt­stadt der Oper zu beweisen. Der Urauf­führung 1855 am Théatre Impérial de l’Opéra geht ein förmlicher Kompo­si­ti­ons­auftrag unmit­telbar von der Pariser Grand Opéra mit dem Ziel voraus, die Feier­lich­keiten anlässlich der Weltaus­stellung in der franzö­si­schen Metropole um ein glanz­volles Ereignis zu erweitern. Verdis Ruf ist – auch nach Jérusalem, seiner ersten franzö­si­schen Arbeit 1843 für Paris – schon so mächtig, dass ihm die Wahl von Stoff und Librettist überlassen wird. Nicht ganz ohne Risiko. Breitet sich doch nach dem Massaker der Aufstand gegen die Franzosen über ganz Sizilien aus, der später in das Ende der generellen Besatzung einmündet. Unter Genre­aspekten dokumen­tiert Les vêpres Sicili­ennes im Übrigen anschaulich die Bereit­schaft von Rossini über Donizetti bis Wagner und eben Verdi, sich für den Stil der Grand opéra im Sinne Meyer­beers und Halévys zu öffnen.

Das Geschehen greift ein blutiges Kapitel in der Frühge­schichte Europas auf, nimmt es aber mit den histo­ri­schen Verhält­nissen nicht allzu genau. Kern der Handlung ist ein Vater-Sohn-Konflikt und der Freiheits­kampf gegen die Fremd­herr­schaft. Das klassische Opern­lie­bespaar bilden der Wider­stands­kämpfer Henri und die Herzogin Hélène, deren Bruder von den Franzosen hinge­richtet worden ist. Als Henri erfährt, dass der Gouverneur der Besatzer, Guy de Montfort, sein Vater ist, vereitelt er einen Atten­tats­versuch Hélènes auf diesen. Henri, der nun als Verräter gilt, entgeht der Hinrichtung im letzten Augen­blick, indem er dem flehent­lichen Bitten Montforts nachgibt, ihn öffentlich als seinen Vater anzuer­kennen. Montfort setzt als Symbol des Friedens die Eheschließung der Liebenden zum Zeitpunkt der Vesper an. Mit den Glocken­schlägen beginnt das Gemetzel an den Franzosen.

Foto © Thilo Beu

Pountneys Insze­nierung ist in Kopro­duktion mit der Welsh National Opera entstanden, deren Intendant der langjährige Chef der Bregenzer Festspiele nunmehr ist. In Wales wird die Produktion im Zeitraum Februar bis Mai 2020 an sieben Spiel­orten auf dem Spielplan stehen. Pountney nimmt das Drama von der Verstri­ckung einzelner Menschen wie verfein­deter Völker zwar äußerst ernst, zieht aber daraus in seinem Regie­konzept ganz eigene Schlüsse, so unter weitge­hendem Verzicht auf die für die Grand Opéra obliga­to­rische Ausstat­tungs­opulenz. Einzig Aufsehen erregen übergroße Puppen, die Bregenz-Besucher aus diversen Produk­tionen von der Seebühne kennen. Mal sind es zwei Henker, die ihre Äxte schwingen, mal ist es ein Herrscherpaar, das die Instanz der scheinbar unangreif­baren Autori­täten symbolisiert.

Für die Linie der Zurück­haltung ausge­zeichnet geeignet sind die Bühnen­bilder Raimund Bauers und die Kostüme Marie-Jeanne Leccas. Bauer lässt die Handlung in unter­schiedlich großen, schlichten Raumteilern spielen, die sich mitein­ander und gegen­ein­ander bewegen lassen und im Verein mit der intel­li­genten Licht­regie von Thomas Roscher die Schau­plätze des Schau­er­stücks hervor­bringen. Lecca hat in ihren Kostümen die Unter­schiede zwischen Herrschenden und Beherrschten klar struk­tu­riert. Die Eroberer in Uniformen in Gold und den Farben der Trikolore, die Unter­drückten in schlichtem Schwarz. Nicht verständlich mutet auf Anhieb das Outfit der Protago­nisten an. Während Montfort und Hélène in dunkle Roben agieren, meistern Henri und Procida, Arzt und Freiheits­kämpfer, ihren Part in Büroan­zügen von heute. Eine Andeutung?

Keine Andeutung, sondern in eine Bilder­sprache des Schre­ckens sind die Szenen gebracht, in denen die Opfer der Gewalt­herr­schaft Gesicht bekommen. Das gefes­selte Mädchen mit blutig geschla­genem Rücken, die ausge­löschten Körper auf einem zur Tafel gestal­teten Karren.

Verdis Werk geht im Musik­ge­schmack der opéra à grand spectacle geradezu genussvoll auf. Die Partitur protzt nur so von explo­siven, drama­ti­schen Auftritten, pracht­vollen Arien, ausgie­bigen Duetten und anderen Ensem­ble­nummern. Das Ganze gespickt mit einer Aktstra­tegie, die jeweils zum Schluss Fremde und Einhei­mische zusam­men­bringt und so musika­lisch zündende Effekte erlaubt. Dazu gesellen sich ausgrei­fende Szenen von Massen­chören und nicht zuletzt das obligate Ballett. In Inter­views hat Pountney plausible Argumente für seine Ansicht gefunden, die Tanzeinlage mit dem Titel Die Jahres­zeiten von fast 30 Minuten Länge im dritten Akt nicht zu streichen. Zu der Abfolge von damals modischen Tanzstücken wie Mazurka, Polka und Galopp zeichnen sechs grandiose Tänze­rinnen und Tänzer die Lebens­ge­schichte einer Frau nach, die sich unschwer als die der Mutter Henris verstehen lässt. Die Choreo­grafie hat Caroline Finn entwickelt.

Unter der musika­li­schen Leitung des Verdi-Kenners Will Humburg liefert das Beethoven-Orchester einen neuer­lichen Beweis für seine Kompetenz im Fach der Oper des 19. Jahrhun­derts. Unheil voraus­ahnend, giftet die Flöte gekonnt in der Eleganz verströ­menden Ouvertüre, die auf den drei Kardi­nal­themen des Werks beruht und auch als Solostück in Konzert­sälen beliebt ist. Ein pitto­reskes Klangbild gelingt im Finale des zweiten Akts, in dem Volks­tänze Siziliens wie Taran­tella, finstere Schwüre von Rache und Untergang sowie der A‑capella-Bolero der Franzosen zusam­men­fließen. Chor und Extrachor in der Einstu­dierung Marco Medveds präsen­tieren sich einmal mehr von ihrer besten Seite.

Die Qualität der Sänger­dar­steller schließt mühelos an den Bonner Verdi-Zyklus der letzten Jahre mit vier frühen Opern an, der nun mit drei zentralen Werken aus der mittleren Schaf­fens­pe­riode Verdis fortge­setzt werden soll. Die schon in Jérusalem, Teil dieses Zyklus, gefeierte Sopra­nistin Anna Princeva ist als Hélène eine sänge­risch glühende Verkör­perung der Patriotin, die sich zur Furie wandelt. Bereits in der Cabaletta des ersten Akts, ein feines Zusam­men­spiel mit dem Chor, erweist sich die Tessitura ihres drama­ti­schen Soprans dem viel verlan­genden Part mehr als gewachsen. Als Henri präsen­tiert sich der Tenor Leonardo Caimi mit Licht und Schatten, prätentiös und ausdrucks­stark in der Höhe, angestrengt und zu sehr forcierend in der Mittellage. Davide Damiani gibt den Montfort mit sonorer Noblesse. Im Schick­sals­duett mit Caimi steigert er sich zu anrüh­render Eindring­lichkeit. Verdi-Melodik vom Feinsten verbreitet Pavel Kudinov als rebel­li­scher Procida besonders mit seiner Kantilene O mein Palermo, Glanz­stück vieler Bassisten durch die Opern­ge­schichte. Es ist der weit ausgrei­fende Kampf einer Seele mit sich, eines Mannes mit seiner Bestimmung. In weiteren Rollen komplet­tieren Martin Tzonev als Comte de Vaudemont, Giorgos Kanaris als Robert, Leonard Bernad als Sire de Bethune, David Fischer in den Rollen von Danieli und Mainfredo sowie Jeong­myeong Lee als Thibaut den positiven Gesamt­ein­druck. In der kleinen Rolle der Ninetta debütiert die junge Ava Gesell mit Esprit.

Das ganze Werk, schreibt Hector Berlioz unter dem Eindruck der Urauf­führung 1855, trage den Stempel der Größe und der souve­ränen Beherr­schung in weit stärkerem Maße als alle früheren Kompo­si­tionen Verdis. Das Bonner Publikum feiert mit Jubel und wieder­holten bravi-Rufen alle Mitwir­kenden in einer Inten­sität, als wolle es sich auch der noch der Auffassung des Musik­kri­tikers Berlioz anschließen. Verdi ist in Bonn inzwi­schen mehr als ein Spiel­plan­faktor: ein Bekenntnis.

Ralf Siepmann

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