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Der Sonntag als Termin für Opernpremieren am Theater Bonn ist seit Jahren gesetzt. Mit der Terminierung der Premiere von Giuseppe Verdis Les vépres Siciliennes auf den Samstag vor der Wahl zum Europaparlament könnte diese Gewohnheit kippen. Intendant Bernhard Helmich, verlautet zur Begründung, wolle mal einen alternativen Termin ausprobieren. Was oder wen dabei der Intendant speziell im Auge hat, ob nun den Auslastungsgrad des Hauses, die Musiker des Beethoven-Orchesters Bonn oder alle übrigen künstlerischen oder technischen Mitwirkenden, bleibt offen. Auch ist bislang nicht bekannt geworden, in welchem Maße sich Operninteressenten beschwert gefühlt haben mögen, die die Terminkollision mit dem Fußball-Pokalfinale am selben Abend als zumindest unglücklich, wenn nicht ärgerlich empfunden haben. Zwar haben Fußballspiele, wenn sie spektakuläre Verläufe, Helden und Verlierer produzieren, bekanntlich auch etwas von großer Oper. Doch ersetzt das Erlebnis des einen damit keineswegs den Ausfall des anderen.
Versöhnen dürfte dagegen die Terminansetzung im Vorfeld der Europawahl. Verdis zweite französische Oper für Paris auf dem Hintergrund des blutigen Aufstands der Sizilianer gegen ihre französischen Besatzer Ostern 1282 zu Palermo ist durchaus geeignet, einmal mehr die historische Friedensdimension des europäischen Einigungsprozesses bewusst zu machen. Indirekt ist diese Botschaft auch in der Inszenierung David Pountneys angelegt. Im Finale kündigen die Glocken die Hochzeit des Liebespaares Hélène und Henri an. Zugleich geben sie das Startsignal für das Massaker der Inselbewohner an den verhassten Okkupanten. In diesem Augenblick werden Sprengstoffgürtel sichtbar, die bis dahin unter den Kostümen von zwei Großpuppen verborgen gewesen sind. Aggression, Unterdrückung und Herabsetzung – so die Mahnung – sind immer virulent, wenn nicht die Gegenkräfte gestärkt werden, der Wille zum friedlichen Ausgleich, die Wahrung der Menschenrechte gegenüber jedermann.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Verdis neunzehnte Oper, komponiert auf ein Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier, ist der spektakuläre Ausdruck der Ambition des italienischen Meisters, sich an den Ansprüchen der damaligen Welthauptstadt der Oper zu beweisen. Der Uraufführung 1855 am Théatre Impérial de l’Opéra geht ein förmlicher Kompositionsauftrag unmittelbar von der Pariser Grand Opéra mit dem Ziel voraus, die Feierlichkeiten anlässlich der Weltausstellung in der französischen Metropole um ein glanzvolles Ereignis zu erweitern. Verdis Ruf ist – auch nach Jérusalem, seiner ersten französischen Arbeit 1843 für Paris – schon so mächtig, dass ihm die Wahl von Stoff und Librettist überlassen wird. Nicht ganz ohne Risiko. Breitet sich doch nach dem Massaker der Aufstand gegen die Franzosen über ganz Sizilien aus, der später in das Ende der generellen Besatzung einmündet. Unter Genreaspekten dokumentiert Les vêpres Siciliennes im Übrigen anschaulich die Bereitschaft von Rossini über Donizetti bis Wagner und eben Verdi, sich für den Stil der Grand opéra im Sinne Meyerbeers und Halévys zu öffnen.
Das Geschehen greift ein blutiges Kapitel in der Frühgeschichte Europas auf, nimmt es aber mit den historischen Verhältnissen nicht allzu genau. Kern der Handlung ist ein Vater-Sohn-Konflikt und der Freiheitskampf gegen die Fremdherrschaft. Das klassische Opernliebespaar bilden der Widerstandskämpfer Henri und die Herzogin Hélène, deren Bruder von den Franzosen hingerichtet worden ist. Als Henri erfährt, dass der Gouverneur der Besatzer, Guy de Montfort, sein Vater ist, vereitelt er einen Attentatsversuch Hélènes auf diesen. Henri, der nun als Verräter gilt, entgeht der Hinrichtung im letzten Augenblick, indem er dem flehentlichen Bitten Montforts nachgibt, ihn öffentlich als seinen Vater anzuerkennen. Montfort setzt als Symbol des Friedens die Eheschließung der Liebenden zum Zeitpunkt der Vesper an. Mit den Glockenschlägen beginnt das Gemetzel an den Franzosen.

Pountneys Inszenierung ist in Koproduktion mit der Welsh National Opera entstanden, deren Intendant der langjährige Chef der Bregenzer Festspiele nunmehr ist. In Wales wird die Produktion im Zeitraum Februar bis Mai 2020 an sieben Spielorten auf dem Spielplan stehen. Pountney nimmt das Drama von der Verstrickung einzelner Menschen wie verfeindeter Völker zwar äußerst ernst, zieht aber daraus in seinem Regiekonzept ganz eigene Schlüsse, so unter weitgehendem Verzicht auf die für die Grand Opéra obligatorische Ausstattungsopulenz. Einzig Aufsehen erregen übergroße Puppen, die Bregenz-Besucher aus diversen Produktionen von der Seebühne kennen. Mal sind es zwei Henker, die ihre Äxte schwingen, mal ist es ein Herrscherpaar, das die Instanz der scheinbar unangreifbaren Autoritäten symbolisiert.
Für die Linie der Zurückhaltung ausgezeichnet geeignet sind die Bühnenbilder Raimund Bauers und die Kostüme Marie-Jeanne Leccas. Bauer lässt die Handlung in unterschiedlich großen, schlichten Raumteilern spielen, die sich miteinander und gegeneinander bewegen lassen und im Verein mit der intelligenten Lichtregie von Thomas Roscher die Schauplätze des Schauerstücks hervorbringen. Lecca hat in ihren Kostümen die Unterschiede zwischen Herrschenden und Beherrschten klar strukturiert. Die Eroberer in Uniformen in Gold und den Farben der Trikolore, die Unterdrückten in schlichtem Schwarz. Nicht verständlich mutet auf Anhieb das Outfit der Protagonisten an. Während Montfort und Hélène in dunkle Roben agieren, meistern Henri und Procida, Arzt und Freiheitskämpfer, ihren Part in Büroanzügen von heute. Eine Andeutung?
Keine Andeutung, sondern in eine Bildersprache des Schreckens sind die Szenen gebracht, in denen die Opfer der Gewaltherrschaft Gesicht bekommen. Das gefesselte Mädchen mit blutig geschlagenem Rücken, die ausgelöschten Körper auf einem zur Tafel gestalteten Karren.
Verdis Werk geht im Musikgeschmack der opéra à grand spectacle geradezu genussvoll auf. Die Partitur protzt nur so von explosiven, dramatischen Auftritten, prachtvollen Arien, ausgiebigen Duetten und anderen Ensemblenummern. Das Ganze gespickt mit einer Aktstrategie, die jeweils zum Schluss Fremde und Einheimische zusammenbringt und so musikalisch zündende Effekte erlaubt. Dazu gesellen sich ausgreifende Szenen von Massenchören und nicht zuletzt das obligate Ballett. In Interviews hat Pountney plausible Argumente für seine Ansicht gefunden, die Tanzeinlage mit dem Titel Die Jahreszeiten von fast 30 Minuten Länge im dritten Akt nicht zu streichen. Zu der Abfolge von damals modischen Tanzstücken wie Mazurka, Polka und Galopp zeichnen sechs grandiose Tänzerinnen und Tänzer die Lebensgeschichte einer Frau nach, die sich unschwer als die der Mutter Henris verstehen lässt. Die Choreografie hat Caroline Finn entwickelt.
Unter der musikalischen Leitung des Verdi-Kenners Will Humburg liefert das Beethoven-Orchester einen neuerlichen Beweis für seine Kompetenz im Fach der Oper des 19. Jahrhunderts. Unheil vorausahnend, giftet die Flöte gekonnt in der Eleganz verströmenden Ouvertüre, die auf den drei Kardinalthemen des Werks beruht und auch als Solostück in Konzertsälen beliebt ist. Ein pittoreskes Klangbild gelingt im Finale des zweiten Akts, in dem Volkstänze Siziliens wie Tarantella, finstere Schwüre von Rache und Untergang sowie der A‑capella-Bolero der Franzosen zusammenfließen. Chor und Extrachor in der Einstudierung Marco Medveds präsentieren sich einmal mehr von ihrer besten Seite.
Die Qualität der Sängerdarsteller schließt mühelos an den Bonner Verdi-Zyklus der letzten Jahre mit vier frühen Opern an, der nun mit drei zentralen Werken aus der mittleren Schaffensperiode Verdis fortgesetzt werden soll. Die schon in Jérusalem, Teil dieses Zyklus, gefeierte Sopranistin Anna Princeva ist als Hélène eine sängerisch glühende Verkörperung der Patriotin, die sich zur Furie wandelt. Bereits in der Cabaletta des ersten Akts, ein feines Zusammenspiel mit dem Chor, erweist sich die Tessitura ihres dramatischen Soprans dem viel verlangenden Part mehr als gewachsen. Als Henri präsentiert sich der Tenor Leonardo Caimi mit Licht und Schatten, prätentiös und ausdrucksstark in der Höhe, angestrengt und zu sehr forcierend in der Mittellage. Davide Damiani gibt den Montfort mit sonorer Noblesse. Im Schicksalsduett mit Caimi steigert er sich zu anrührender Eindringlichkeit. Verdi-Melodik vom Feinsten verbreitet Pavel Kudinov als rebellischer Procida besonders mit seiner Kantilene O mein Palermo, Glanzstück vieler Bassisten durch die Operngeschichte. Es ist der weit ausgreifende Kampf einer Seele mit sich, eines Mannes mit seiner Bestimmung. In weiteren Rollen komplettieren Martin Tzonev als Comte de Vaudemont, Giorgos Kanaris als Robert, Leonard Bernad als Sire de Bethune, David Fischer in den Rollen von Danieli und Mainfredo sowie Jeongmyeong Lee als Thibaut den positiven Gesamteindruck. In der kleinen Rolle der Ninetta debütiert die junge Ava Gesell mit Esprit.
Das ganze Werk, schreibt Hector Berlioz unter dem Eindruck der Uraufführung 1855, trage den Stempel der Größe und der souveränen Beherrschung in weit stärkerem Maße als alle früheren Kompositionen Verdis. Das Bonner Publikum feiert mit Jubel und wiederholten bravi-Rufen alle Mitwirkenden in einer Intensität, als wolle es sich auch der noch der Auffassung des Musikkritikers Berlioz anschließen. Verdi ist in Bonn inzwischen mehr als ein Spielplanfaktor: ein Bekenntnis.
Ralf Siepmann