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An diesem Sonntag wird am Mainfrankentheater in Würzburg, so darf man wohl ohne Übertreibung sagen, Geschichte geschrieben. Dass Stadttheater – und seit dem Ring von Minden wissen wir, dass es keine Größenbeschränkung nach unten gibt, so lange sich nur ausreichend Geldgeber finden – die Werke Richard Wagners aufführen, ist inzwischen der Normalfall. Da werden fröhlich die Orchesterbesetzungen reduziert, und die Sänger des Ensembles bekommen endlich Gelegenheit, sich mal zu profilieren. Je nach Budget gibt es zusätzlich Gäste. Und dann geht es los. Das gesamte Haus gerät in Wagner-Fieber. Die Ergebnisse sind oft nicht ganz so groß wie das Engagement der Theaterleute.
In Würzburg ist man das übermächtige Vorhaben Götterdämmerung etwas anders angegangen. Intendant Markus Trabusch beauftragte den renommierten Dirigenten und Komponisten Eberhard Kloke, eine Bearbeitung für Soli, Chor und mittelgroßes Orchester vorzunehmen. Klokes Ansatz klingt überzeugend. Denn ihm genügt es nicht, das von Wagner vorgesehene 115-Mann-Orchester auf 63 Instrumente zu reduzieren. Viel wichtiger ist ihm, die Farbvielfalt der Wagnerschen Musik zu erhalten. Und da dürfen auch mal Instrumente zum Einsatz kommen, die Wagner selbst noch gar nicht kannte. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es wird Wagner pur, passgenau auf den Raum zugeschnitten. Grandios.
Ansonsten gilt für Würzburg, was für die anderen Stadttheater auch gilt. In den letzten Wochen ist vom Pförtner bis zum Intendanten jeder im Haus eingebunden. In allen Etagen und Werkstätten vibriert es. Die Nerven sind zum Zerreißen angespannt. Hier soll Großes entstehen. Und dann, viel zu schnell, ist es so weit. Der Tag der Premiere. Vorher noch die Hiobsbotschaft: An diesem Sonntag ist der Stadtlauf angesagt, der dafür sorgt, dass großräumig in der Innenstadt Straßen gesperrt werden. Da muss man als Intendant schon psychisch sehr gefestigt sein, um das nicht persönlich zu nehmen. Ansonsten darf Trabusch sich zurücklehnen und genießen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Tomo Sugao überzeugt mit seinem Konzept voll und ganz. Er dekonstruiert das Museum, das die Wagner-Apologeten so mühsam aufgebaut haben und bis auf die Zähne verteidigen. Und wenn alles untergegangen ist, können wir mit dem Neuaufbau dieser Welt beginnen. Bühnenbildner Paul Zoller schafft dazu das geeignete Bild auf der Drehbühne. Auf der einen Hälfte gibt es die angegrauten, verstaubten Vitrinen, in denen die Weltesche, Drache Fafner, Wotan und andere Erinnerungen Platz gefunden haben, auf der anderen Hälfte ist das Gibichungen-Heim in Form eines abstrahierten Oval Office aufgebaut, wo der oberflächliche Glanz sich in den Niedergang feiert. Carola Volles hat dazu fantasievolle Kostüme geschaffen, die die Akteure in zwei Gruppen teilen. Da gibt es die aus der musealen Welt in mausgrau und farblichen Variationen, auf der anderen Seite gibt es die Uniformen, die als Trump-Karikaturen um das goldene Kalb tanzen. Mariella von Vequel-Westernach gießt den unablässigen Strom der Geschehnisse in faszinierendes Licht. Lichtwechsel kurz unterhalb der Wahrnehmungsschwelle sorgen im Hintergrund für Spannung, Blitze unterstreichen dramatische Situationen und wenn es ganz schlimm kommt, wird es – nein, nicht finster, sondern überraschend hell. Das ist mutig, anders, und es funktioniert. So entsteht ein spannendes, stimmiges Gesamtbild, in dem Sugao nicht nur mit einer ausgefeilten Personenführung und schlüssigen Ideen glänzen kann, sondern das auch das Publikum über fast sechs Stunden fesselt.

Dazu tragen auch Sängerdarsteller, Chor und Statisten bei. Herausragend zeigt sich an diesem Abend Guido Jentjens, der seinen warmen, klaren Bariton mühelos über das Orchester zu tragen weiß und den Bösewicht Hagen ausgesprochen glaubhaft darstellt. Paul McNamara gibt den Helden Siegfried eher zurückgenommen. Stimmlich entspricht er den Anforderungen. Als Brünnhilde hat Elena Batoukova-Kerl im Vorfeld für ihr Debüt viel Lob erhalten. Einlösen kann sie es nur bedingt. Ihre Darstellung ist passend museal. Stimmlich geht es auf demselben Level weiter. In den Höhen forciert, sackt die Stimme in den unteren Registern weg, bleibt im Übrigen im Gleichmaß verhaftet. Sandra Fechner zeigt ihr als Waltraute, wie es gehen könnte. Völlig abgeschlagen zeigt sich Claudia Sorekina als Gutrune. Darstellerisch geht das in Ordnung, vokal kommt sie nicht über das Orchester, erbringt nicht die notwendige Textverständlichkeit und zeigt sich eng in den Höhen. Igor Tsarkov und Kosma Ranuer gefallen in ihren Rollen als Alberich und Gunther. Akiho Tsujii, Silke Evers und Hiroe Ito bekommen als Rheintöchter neben dem Gesang viel Bewegungsarbeit auferlegt, was sie sehr schön lösen. Als Nornen gefallen Marzia Marzo, Barbara Schöller und wiederum Evers. Um das Stück als geschlossene Einheit zu präsentieren, hat Sugao zwei Rollen hinzugefügt: Die Kinder Friedrich Boenisch und Till Simon spielen sehr glaubhaft die Jungen Hagen und Siegfried, die sich die Geschichte der Götterdämmerung erzählen lassen müssen. Spielfreudig zeigen sich auch der von Anton Tremmel trefflich einstudierte Opern- und Extrachor des Hauses.
Das wunderbare Arrangement von Kloke wird vom Philharmonischen Orchester Würzburg mit viel Verve vorgetragen, hochengagiert angeleitet von Generalmusikdirektor Enrico Calesso, der auch die Sänger nicht einen Augenblick aus dem Griff lässt.
Gab es schon nach dem ersten Aufzug befreiend herzlichen Applaus, kennt das Publikum am Ende kein Halten mehr. Der Beifall will nicht enden. Und wenn ein paar Wagnerianer, die immer noch im Museum sitzen, das Leitungsteam mit ein, zwei Buh-Rufen bedenken, gibt es dafür nur Unverständnis. Das Mainfrankentheater hat alles aufgeboten, um eine wirklich intelligente, glänzend umgesetzte Regie in einem grandiosen musikalischen Umfeld zu verwirklichen. Ganz großes Kompliment für alle Beteiligten.
Michael S. Zerban