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Demontage des Wagner-Museums

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
26. Mai 2019
(Premiere)

 

Mainfran­ken­theater Würzburg

An diesem Sonntag wird am Mainfran­ken­theater in Würzburg, so darf man wohl ohne Übertreibung sagen, Geschichte geschrieben. Dass Stadt­theater – und seit dem Ring von Minden wissen wir, dass es keine Größen­be­schränkung nach unten gibt, so lange sich nur ausrei­chend Geldgeber finden – die Werke Richard Wagners aufführen, ist inzwi­schen der Normalfall. Da werden fröhlich die Orches­ter­be­set­zungen reduziert, und die Sänger des Ensembles bekommen endlich Gelegenheit, sich mal zu profi­lieren. Je nach Budget gibt es zusätzlich Gäste. Und dann geht es los. Das gesamte Haus gerät in Wagner-Fieber. Die Ergeb­nisse sind oft nicht ganz so groß wie das Engagement der Theaterleute.

In Würzburg ist man das übermächtige Vorhaben Götter­däm­merung etwas anders angegangen. Intendant Markus Trabusch beauf­tragte den renom­mierten Dirigenten und Kompo­nisten Eberhard Kloke, eine Bearbeitung für Soli, Chor und mittel­großes Orchester vorzu­nehmen. Klokes Ansatz klingt überzeugend. Denn ihm genügt es nicht, das von Wagner vorge­sehene 115-Mann-Orchester auf 63 Instru­mente zu reduzieren. Viel wichtiger ist ihm, die Farbvielfalt der Wagner­schen Musik zu erhalten. Und da dürfen auch mal Instru­mente zum Einsatz kommen, die Wagner selbst noch gar nicht kannte. Um das Ergebnis vorweg­zu­nehmen: Es wird Wagner pur, passgenau auf den Raum zugeschnitten. Grandios.

Ansonsten gilt für Würzburg, was für die anderen Stadt­theater auch gilt. In den letzten Wochen ist vom Pförtner bis zum Inten­danten jeder im Haus einge­bunden. In allen Etagen und Werkstätten vibriert es. Die Nerven sind zum Zerreißen angespannt. Hier soll Großes entstehen. Und dann, viel zu schnell, ist es so weit. Der Tag der Premiere. Vorher noch die Hiobs­bot­schaft: An diesem Sonntag ist der Stadtlauf angesagt, der dafür sorgt, dass großräumig in der Innen­stadt Straßen gesperrt werden. Da muss man als Intendant schon psychisch sehr gefestigt sein, um das nicht persönlich zu nehmen. Ansonsten darf Trabusch sich zurück­lehnen und genießen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur Tomo Sugao überzeugt mit seinem Konzept voll und ganz. Er dekon­struiert das Museum, das die Wagner-Apolo­geten so mühsam aufgebaut haben und bis auf die Zähne vertei­digen. Und wenn alles unter­ge­gangen ist, können wir mit dem Neuaufbau dieser Welt beginnen. Bühnen­bildner Paul Zoller schafft dazu das geeignete Bild auf der Drehbühne. Auf der einen Hälfte gibt es die angegrauten, verstaubten Vitrinen, in denen die Weltesche, Drache Fafner, Wotan und andere Erinne­rungen Platz gefunden haben, auf der anderen Hälfte ist das Gibichungen-Heim in Form eines abstra­hierten Oval Office aufgebaut, wo der oberfläch­liche Glanz sich in den Niedergang feiert. Carola Volles hat dazu fanta­sie­volle Kostüme geschaffen, die die Akteure in zwei Gruppen teilen. Da gibt es die aus der musealen Welt in mausgrau und farblichen Varia­tionen, auf der anderen Seite gibt es die Uniformen, die als Trump-Karika­turen um das goldene Kalb tanzen. Mariella von Vequel-Westernach gießt den unabläs­sigen Strom der Gescheh­nisse in faszi­nie­rendes Licht. Licht­wechsel kurz unterhalb der Wahrneh­mungs­schwelle sorgen im Hinter­grund für Spannung, Blitze unter­streichen drama­tische Situa­tionen und wenn es ganz schlimm kommt, wird es – nein, nicht finster, sondern überra­schend hell. Das ist mutig, anders, und es funktio­niert. So entsteht ein spannendes, stimmiges Gesamtbild, in dem Sugao nicht nur mit einer ausge­feilten Perso­nen­führung und schlüs­sigen Ideen glänzen kann, sondern das auch das Publikum über fast sechs Stunden fesselt.

Elena Batoukova-Kerl und Paul McNamara – Foto © Nik Schölzel

Dazu tragen auch Sänger­dar­steller, Chor und Statisten bei. Heraus­ragend zeigt sich an diesem Abend Guido Jentjens, der seinen warmen, klaren Bariton mühelos über das Orchester zu tragen weiß und den Bösewicht Hagen ausge­sprochen glaubhaft darstellt. Paul McNamara gibt den Helden Siegfried eher zurück­ge­nommen. Stimmlich entspricht er den Anfor­de­rungen. Als Brünn­hilde hat Elena Batoukova-Kerl im Vorfeld für ihr Debüt viel Lob erhalten. Einlösen kann sie es nur bedingt. Ihre Darstellung ist passend museal. Stimmlich geht es auf demselben Level weiter. In den Höhen forciert, sackt die Stimme in den unteren Registern weg, bleibt im Übrigen im Gleichmaß verhaftet. Sandra Fechner zeigt ihr als Waltraute, wie es gehen könnte. Völlig abgeschlagen zeigt sich Claudia Sorekina als Gutrune. Darstel­le­risch geht das in Ordnung, vokal kommt sie nicht über das Orchester, erbringt nicht die notwendige Textver­ständ­lichkeit und zeigt sich eng in den Höhen. Igor Tsarkov und Kosma Ranuer gefallen in ihren Rollen als Alberich und Gunther. Akiho Tsujii, Silke Evers und Hiroe Ito bekommen als Rhein­töchter neben dem Gesang viel Bewegungs­arbeit auferlegt, was sie sehr schön lösen. Als Nornen gefallen Marzia Marzo, Barbara Schöller und wiederum Evers. Um das Stück als geschlossene Einheit zu präsen­tieren, hat Sugao zwei Rollen hinzu­gefügt: Die Kinder Friedrich Boenisch und Till Simon spielen sehr glaubhaft die Jungen Hagen und Siegfried, die sich die Geschichte der Götter­däm­merung erzählen lassen müssen. Spiel­freudig zeigen sich auch der von Anton Tremmel trefflich einstu­dierte Opern- und Extrachor des Hauses.

Das wunderbare Arran­gement von Kloke wird vom Philhar­mo­ni­schen Orchester Würzburg mit viel Verve vorge­tragen, hochenga­giert angeleitet von General­mu­sik­di­rektor Enrico Calesso, der auch die Sänger nicht einen Augen­blick aus dem Griff lässt.

Gab es schon nach dem ersten Aufzug befreiend herzlichen Applaus, kennt das Publikum am Ende kein Halten mehr. Der Beifall will nicht enden. Und wenn ein paar Wagne­rianer, die immer noch im Museum sitzen, das Leitungsteam mit ein, zwei Buh-Rufen bedenken, gibt es dafür nur Unver­ständnis. Das Mainfran­ken­theater hat alles aufge­boten, um eine wirklich intel­li­gente, glänzend umgesetzte Regie in einem grandiosen musika­li­schen Umfeld zu verwirk­lichen. Ganz großes Kompliment für alle Beteiligten.

Michael S. Zerban

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