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RODRIGO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
26. Mai 2019
(Premiere am 17. Mai 2019)
An vielen Stellen der Wände blättert die Farbe ab, Stuckornamente fehlen, der Putz rieselt, Tapeten zeigen große Löcher – ein Königreich im Verfall: Das Reich der Westgoten wird heftig bedroht, Rodrigo, hispanischer König kämpft um seine Herrschaft, Esilena, die Königin, kinderlos, wird von ihrem Ehemann mit Florinda, seiner Geliebten betrogen. Schönstes und bekanntes Barockgetümmel mit den Zutaten Liebe, Eifersucht, Machtgelüste und Rache. Händels wenig bekannte und selten gespielte Oper Rodrigo, die – bei etwas unsicherer Quellenlage – 1707 erstmalig in Florenz auf die Bühne kommt, hat die Zutaten, die man in einer italienischen Oper dieser Zeit erwartet. Der ursprüngliche Titel der literarischen Vorlage von Francesco Silvani Il duello d’amore e di vendetta verrät ein wenig davon, worum es Händel in Rodrigo geht, wieder einmal um Liebe, Eifersucht und Rache.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diese frühe Oper des 18-jährigen Händel ist keine glatte italienisch-romantische Oper, und Walter Sutcliffes Inszenierung keine einfache Kost. Händel holt die politischen Ränkespiele um den gotischen König Roderich in ein Zimmertheater und die europäische Geschichte um das Ende des Westgotenreiches in eine königliche Palastruine, die politischen Machtspiele werden zu persönlichen Rankünen. Die plüschig-staubigen Polstermöbel des Salons haben auch schon bessere Zeiten gesehen, Dorota Karolczak hat das Bühnenpersonal historisch großzügig gekleidet und vertraut wie Walter Sutcliffe bei seiner Regie Händels weiträumiger Musik und den Darstellern. Hier wartet eine weitere Überraschung auf die Besucher. Von den sechs Hauptrollen hat Sutcliffe vier mit Sängerinnen in Sopranlage besetzt. Die beiden verbleibenden Herrenrollen des Giuliano und des Fernando übernehmen als Tenor Jorge Navarro Colorado und Leandro Marziotte, Countertenor. In der – eigentlich männlichen – Hauptrolle des Rodrigo überrascht und überzeugt, wenn auch ungewohnt, Erica Eloff, Sopran, und ersetzt die ursprünglich vorgesehene Kastratenstimme. Das führt zu einem sehr ungewohnten, hellen Toneindruck aller Gesangsbeiträge, der der Aufführung einen gläsernen, zerbrechlichen Eindruck verleiht.

Händels Musik mit einer ungewöhnlich langen Ouvertüre und ausgiebigen Arien und Rezitativen trägt die Handlung und führt sie weiter. Händels Kompositionen sind bei Laurence Cummings und dem Festspielorchester Göttingen in besten, erfahrenen Händen. Mit Energie und Feinfühligkeit präsentieren sie Motive und Themen und setzen musikalische Akzente ebenso wie feine, emotionale Passagen. Trotz der ausgezeichneten Gesangsbeiträge der Sängerinnen und Sänger führt das doch immer mal wieder zu etwas gleichförmigen Längen. Herausragend und eindrucksvoll zwei Duette im dritten Akt: Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein und Nimm hin die Seele. Nach all den menschlichen Unzulänglichkeiten ist das Fazit der Story, edel und philosophisch abgeklärt: Vincer se stesso è la maggior vittoria. – sich selbst zu besiegen, ist der größte Sieg – wer wollte dem widersprechen?
Händel steht dem italienischen Opernschaffen seiner Zeit durchaus kritisch gegenüber, es bedarf einer besonderen Einladung des Erbprinzen der Toskana, um den deutschen Komponisten nach Florenz zu locken, wo er sich vielleicht „mit dem dort herrschenden Geschmack und Stil“ anfreunden könne. Ihm war es ein Rätsel, wie eine „so großartige Kultur so spärliche Früchte tragen“ könne. Sutcliffes Inszenierung der dann entstehenden ersten Barockoper Händels begeistert und befremdet zugleich. Auch wenn seine späteren Werke musikalisch einprägsamer und bewegender sein dürften, ist seine musikalische Genialität in vielen Passagen dieser Oper deutlich erkennbar. Das Programm bietet Händels Rodrigo als „Festspiel-Oper“ an, doch enthält es zahlreiche weitere Höhepunkte des Händelschen Musikschaffens. Das haben an zehn Festspieltagen vom 17. bis 26. Mai schon gut 11.000 Besucher in knapp 60 Veranstaltungen erfahren und genossen. Ihr zuverlässiges Erscheinen aus zahlreichen Ländern ist ein Beifall besonderer Art.
Horst Dichanz