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Heiter bis wolkig

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
1. Juni 2019
(Premiere)

 

Aalto-Musik­theater Essen

Als die Perso­nalie Stephen Lawless als Regisseur für Così fan tutte bekannt gegeben wurde, war es fast zu erwarten gewesen, aber als sich nun der Vorhang zur Neuin­sze­nierung von Mozarts Bezie­hungs­kiste hebt, kann man doch kaum glauben. Es ist eine Insze­nierung, die im 18. Jahrhundert spielt, eine klassische Insze­nierung. Keine Handys, kein Sofa, keine Burger, keine modernen Faxen. Statt dessen hinrei­ßende Kostüme und ein imposantes Bühnenbild, das immer die Deutung unter­stützt, sich aber – abgesehen von ein paar Geräu­schen in den Umbau­phasen hinter dem Zwischen­vorhang – nie negativ in den Vorder­grund drängt. Stephen Lawless und Frank Philipp Schlössmann haben ganze Arbeit geleistet und eine in sich geschlossene Deutung vorgelegt, die in jeder Minute werktreu, aber auch keine Sekunde langweilig ist.

Gleich­zeitig werden sie auch der gefähr­lichen Gratwan­derung gerecht, die schon das Genre mitbringt. Così fan tutte ist ein dramma giocoso, ein heiteres Drama. Beim Wetter­dienst würde man sagen heiter bis wolkig, und so ballen sich in einer Video­se­quenz auch immer wieder dunkle Wolken vor der Sonne am blauen Himmel zusammen. Dieses Verklei­dungs­sze­nario, wo zwei Offiziere als Albaner die Treue ihre Verlobten prüfen wollen, mag ganz neckisch aussehen, aber die Erkennt­nisse, die alle Betei­ligten des Experi­mentes gewinnen, erschüttern das eigene Weltbild. Da wundert es nicht, dass der Einheits­büh­nenraum, der innerhalb seiner vier Wände immer wieder die Optik ändert, am Ende einsturz­ge­fährdet ist.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Es ist nicht nur ein Aufein­an­der­treffen der Geschlechter, die übrigens beide nicht gut wegkommen, aber auch beide nicht bloßge­stellt werden, sondern auch ein Aufein­an­der­treffen der Epochen. Bei Schlößmann duellieren sich Aufklärung und Klassik. Antike Ruinen werden wieder­ent­deckt, während neue Lebens­um­stände erobert werden. Bücher­regale werden wegge­schlossen, wenn Avancen gemacht werden. Der Asche­regen des ausbre­chenden Vesuvs geht auf die Untreue der Dorabella nieder wie saurer Regen. Die vielen Details der Insze­nierung aufzu­listen, zu denen auch das Drachen­ex­pe­riment von Benjamin Franklin gehört, ist gar nicht möglich. Die Perso­nen­führung läuft sehr klassisch und musik­ori­en­tiert ab, fern jeder Lange­weile und gleich­zeitig sämtliche Überak­tionen vermeidend. Kurzum, es ist ein wunder­barer Theater­abend, der daher auch so besonders wird, weil die musika­lische Seite mit der Insze­nierung mithalten, vielleicht sie sogar noch übertreffen kann.

Denn so wie es auf der Bühne allerhand zu sehen gibt, funkelt auch Mozarts Musik in einer Pracht, die man in Essen schon lange nicht mehr gehört hat. Tomáš Netopil überwacht im hochge­fah­renen Orches­ter­graben mit kleinen, schnellen Handbe­we­gungen scheinbar jede Achtel der Sänger und Musiker. Seine Sicherheit zahlt sich aus, nur wenige Wackler trüben ein insgesamt hervor­ra­gendes Klangbild. Die Essener Philhar­mo­niker spielen, als hätten sie sich in den letzten Wochen ausschließlich der Così gewidmet. Wo man auch hinhört, wachsen Instru­mente und ihre Farben zusammen. Eigentlich darf man in diesem Fall niemanden hervor­heben, aber irgendwie ist es doch der Abend der Blech- und Holzbläser, die so wunderbar sicher die Premiere meistern. Doch zurück zum Ganzen: Die Musik schimmert melan­cho­lisch und läuft gleich­zeitig wie ein geschmiertes Uhrwerk. Es hört sich so leicht an und ist gleich­zeitig so schwer. Wenn man das als Zuhörer nachvoll­ziehen kann, dann ist das Geheimnis von Mozarts Kompo­sition zum Greifen nahe.

Foto © Matthias Jung

Nicht ganz auf diesem Niveau, aber doch mehr als nur rollen­de­ckend agiert das Ensemble.  Es sind nur Kleinig­keiten, die nicht so ganz passen. Zum Beispiel ist der Tenor von Dmitry Ivanchey eine Spur zu klein, um im Männer­terzett die Oberstimme zu behaupten. Sein lyrisches Material macht seine Arien aber zu hörens­werten Showstoppern. Das unruhige Timbre von Martijn Cornet mag auch Geschmacks­sache sein, aber unbestritten ist sein vokales Tempe­rament ebenso wie seine Textbe­handlung absolut passend für den Guglielmo. Wenngleich die Verklei­dungen in Lawless‘ Konzept eher eine unter­ge­ordnete Rolle spielen, machen die beiden in ihren präch­tigen albani­schen Umhängen eine großartige Figur. Ihre beiden Verlobten, Fiordiligi und Dorabella, sehen aus wie Zwillings­schwestern und sind nur durch die Farben ihrer schönen Stimmen und Kleider zu unter­scheiden. Als die beiden selbst die Kleider tauschen, bekommt der nicht geplante Partner­tausch eine neue Bedeutung. Vokal sind Tamara Banješević und Karin Strobos ebenfalls auf Augenhöhe. Die Sopra­nistin Banješević mag mit der Fiordiligi zum jetzigen Zeitpunkt eine Grenze erreicht haben. Das hört man beispiels­weise an den tücki­schen Tiefen, die sie sich noch etwas mühevoll erdrücken muss. Dennoch hört man in jedem Takt, dass diese Stimme diese Partei auf der einen Seite beherrscht und gleich­zeitig noch an ihr wachsen wird. Abgesehen davon meistert die Sopra­nistin nicht nur die Kolora­turen der Felse­narie, sondern lotet auch die Gefühls­ebenen der Arie Per pietà aus. Nach kurzer Anlaufzeit läuft auch der Mezzo­sopran Karin Strobos rund, und sie singt die verschie­denen Facetten der Dorabella genussvoll aus. Die theatra­li­schen Seufzer von Smanie impla­cabili sind ebenso ihre Sache wie der musika­lische Schalk, den sie in E amore un ladron­cello von der Leine lässt.

Wichtig für den Erfolg einer Così ist, dass sich die Stimmen zu einem richtigen Ensemble vereinen können. Dazu tragen auch die beiden Spiel­macher des Abends bei. Die geniale Liliana de Sousa trägt klassi­sches Schwarz, gemischt mit teufli­schen Rot, muss auch stimmlich gar nicht übertrieben den Witz der Despina entwi­ckeln, sondern gestaltet die Partie sehr authen­tisch. Baurzhan Anderzhanov schließlich vermag Don Alfonso nicht nur durch seine Bühnen­präsenz als nicht ganz so abgeklärten Aufklärer darstellen. Weil er so präzise und auch mit entspre­chender Resonanz singt, werden in den Ensembles seine Zwischentöne deutlich, die den Harmonien der Paare einen anderen Beigeschmack geben. Auf der Bühne ist der Opernchor des Aalto-Theaters nur als Echo präsent, was der Leistung der von Patrick Jaskolka vorbe­rei­teten Sänger nichts nimmt.

Im Zuschau­erraum gibt es viele Neben­ge­räusche, aber auch viele Reaktionen auf das Bühnen­ge­schehen. Mit einem begeis­terten Schluss­ap­plaus, der auch das Regieteam mit einbe­zieht, bedanken sich die Zuschauer für eine gelungene Produktion, die man in dieser Detail­freude hoffentlich noch lange am Aalto-Theater zu sehen und zu hören bekommt.

Christoph Broermann

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