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Die Oper Carmen von Georges Bizet zählt zu den meistgespielten Opern weltweit, und das nicht nur an den ganz großen Häusern. Es ist die eingängige, manchmal folkloristisch wirkende Musik mit ihren großen lyrischen und dramatischen Passagen, die uns diese Oper so nahe bringt. Die Ouvertüre ist fast schon eine eigene Marke, so hoch ist ihr Wiedererkennungswert. Carmen hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Es ist das ewige Spiel um Liebe und Eifersucht, um Schuldzuweisungen und Verletzbarkeit, erotische Fantasien, um Ehre und Stolz, alles Themen, die auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen. Und deshalb stellt sich bei jeder Neuninszenierung die Frage, wie geht das Konzept des Regisseurs auf? Spielt er mit den gängigen Klischees, oder vermeidet er sie und sucht eine radikale Lösung? Beide Ansätze sind durchaus berechtigt und können auch voll aufgehen.
Im Fall der Coburger Neuinszenierung gelingt das Konzept allerdings nur im Ansatz. Denn zu Beginn der Oper ist die eigentliche Handlung schon gelaufen, und Don José wartet als verurteilter Mörder im Gefängnis auf seine bevorstehende Hinrichtung. In Rückblenden erinnert er sich an die schicksalhafte Begegnung mit der Zigeunerin Carmen, die anders als er die Freiheit der Liebe über alle Konventionen stellt. L’amour est un oiseau rebelle singt sie in ihrer Habanera. Auch Don José gelingt es nicht, sie zu zähmen – als Carmen ihn für den Stierkämpfer Escamillo verlässt, tötet er sie aus Eifersucht. Ausgehend von Prosper Mérimées 1845 veröffentlichter Novelle erzählt der Regisseur und Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau die Geschichte aus der Perspektive Don Josés und entwickelt ein psychologisch-albtraumhaftes Inszenierungskonzept jenseits aller Zigeunerromantik und Spanienklischees. So gut die Idee im Ansatz ist, so belanglos scheitert dieses Konzept im Laufe der Inszenierung. Das liegt zum einen an dem kalten, weißen Einheitsraum, der Gefängniszelle und Gefängnishof einerseits, andererseits aber auch Stierkampfarena, Zigarettenfabrik und Schmugglerschänke darstellen soll. Überhaupt scheint der Raum mehr Psychiatrie als Gefängnis zu sein, denn es wird die Figur eines Aufpassers im Arztkittel eingeführt, der Don José befragt, alles beobachtet und notiert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die französischen Dialoge sind entsprechend angepasst, die deutschen Übertitel dafür sehr frei übersetzt. Man fragt sich die ganze Zeit, warum dieser Typ eigentlich eine Augenklappe trägt. Der Psychiater entpuppt sich dann als Doppelfigur und verwandelt sich nach Ablegen des weißen Kittels in den Torero Escamillo, der bei einem seiner Kämpfe ein Auge verloren haben muss. Und auch Don Josés Jugendliebe Micaëla, in der er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, erscheint im weißen Arztkittel, quasi als Lebenshelferin. Und die Soldaten sehen aus wie Angehörige einer jetztzeitigen Wach- und Schließgesellschaft. Nun wird es richtig krude. Unter der Gruppe der Soldaten finden sich auch Damen, die zu den Uniformhosen und Kampfstiefeln grüne OP-Oberkleidung tragen. Die Arbeiterinnen der Fabrik tragen unter einer Art Metzgerschürze lediglich einen BH, das soll wohl die erotischen Fantasien beflügeln, und es gibt auch männliche Arbeiter, so viel zum Thema Gleichberechtigung. Auch Carmen wandelt ihr Outfit. Am Anfang gekleidet wie eine Wachsoldatin, entledigt sie sich schnell ihrer Bluse, und schnell wird klar, diese Carmen ist eine femme fatale, nur dass Emily Lorini das schauspielerisch leider nur ansatzweise zum Ausdruck bringen kann. Die Kostüme hat Julia Kaschlinski kreiert.

Dann werden alle bunt durcheinandergemischt, so dass der Zuschauer, der das Werk nicht näher kennt, Mühen hat, die einzelnen Figuren der entsprechenden Gruppe zuzuordnen. Es herrscht bisweilen heilloses Chaos auf der Bühne. Aber vielleicht empfindet ein zum Tode verurteilter Mörder kurz vor seiner Hinrichtung so, und das Erlebte wird zum Albtraum. Auch die Kinder, die ja eigentlich die Wachablösung imitieren, werden hier zu kleinen Toreros und Matadoren, die mit Holzlanzen Don José malträtieren, dem man zum Vergnügen aller einen Stierkopf aus Pappmaché aufgesetzt hat. Da stellt sich dann schon die Frage, ist Don José nur Täter oder auch Opfer? Zumindest ist er Opfer seiner eigenen Dämonen geworden, die ihn beherrschen und ihn gegenüber Carmen und Escamillo zu gewalttätigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät realisiert er, dass er von Carmen auch nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.
Leider wird in dieser Inszenierung die psychologische Dreiecksbeziehung zwischen Carmen, Escamillo und Don José nicht wirklich herausgearbeitet, die Handlung läuft mehr als Nebenstrang ab. Und wenn Micaëla ihre wunderschöne Arie im dritten Aufzug singt, dann schläft sie zuvor unter der bunt gemischten Gruppe am Boden liegend. Passt auch nicht richtig. Der letzte Akt wird dann doch noch mal etwas spannend, als es zum Showdown zwischen Don José und Carmen kommt, aufmerksam beobachtet vom gesamten Ensemble, dass sich im Halbrund versammelt hat. Als Don José Carmen die Gurgel durchschneidet und diese mit einem erlösten Lächeln zu Boden sinkt, schleicht sich Escamillo mit seinem Degen von hinten an den Widersacher und erlegt ihn quasi wie einen Stier, und der Albtraum auf der Bühne hat nicht nur für Don José ein Ende. So endet ein Psychogramm zerstörter Seelen auf der Bühne zwar spektakulär, aber am Ende bleibt doch ein fader Nachgeschmack.

Dass der Abend trotzdem seine großen Momente hat, ist vor allem der Musik und dem Gesang zuzuschreiben. Die Mezzosopranistin Emily Lorini, in der letzten Spielzeit noch Mitglied des Coburger Chorensemble, gibt nun als Gesangssolistin ihr Rollendebüt als Carmen. Und dass sie sich mit dieser Carmen identifiziert, zeigt sie sängerisch und darstellerisch mit leidenschaftlichem Spiel. Die Habanera singt sie zwar mit lasziver Stimme, doch insgesamt fehlt sowohl der Stimme als auch der Darstellung etwas die erotische Ausstrahlung, die für eine Carmen so bedeutsam ist. Milen Bozhkov verleiht der Partie des Don José eine ganz besondere Ausstrahlung und interpretiert die albtraumhafte Rückblende des Geschehens mit leidenschaftlichem Gestus. Seine Blumenarie ist von inspirierender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Veränderung Don Josés als zum Tode verurteilter Mörder setzt Bozhkov nicht nur darstellerisch, sondern auch sängerisch mit großem Engagement um. Olga Shurshina begeistert als Micaëla mit jugendlich-dramatischem Sopran, strahlender Höhe und zurückhaltendem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Marvin Zobel überzeugt in der Doppelrolle als Psychiater und dem Stierkämpfer Escamillo mit wohlklingendem Bariton, verständlichem Französisch und physischer Präsenz. Die Nebenrollen, aus denen Dimitra Kotidou als Frasquita mit hellem und klarem Sopran herausragt, sind an diesem Abend durchgängig gut besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen ordentlichen sängerischen und darstellerischen Eindruck hinterlässt. Chor, Extrachor und Kinderchor des Landestheaters Coburg, einstudiert von Mikko Sidoroff und Daniela Pfaff-Lapins, sind stimmlich gut präsent und bringen sich auch darstellerisch intensiv ein.
Das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Roland Kluttig spielt einen spannenden und eingängigen Bizet. Schon die bekannte Ouvertüre ist zügig und munter wie ein Weckruf im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melancholisch. Werden die Orchestersoli prägnant mit Betonung der verschiedenen Motive gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein zurücknehmendes und sängerfreundliches Dirigat. Kluttig und das Philharmonische Orchester Coburg werden zum Schluss umjubelt. Das Publikum ist mit dem Zwischenapplaus sehr sparsam, was aber definitiv nicht an der sängerischen Darstellung liegt. Einhellig werden Chor, Orchester sowie das Sängerensemble mit großem Applaus bedacht, während es für das Regieteam nur Höflichkeitsapplaus gibt. Überzeugen kann diese psychologisch-albtraumhafte Inszenierung von Alexander Müller-Elmau nicht wirklich, obwohl der Regieansatz verheißungsvoll begann. In der kommenden Spielzeit wird Müller-Elmau in Coburg Wagners Rheingold auf die Bühne bringen. Vielleicht dann aus der Perspektive eines Götterdämmerungs-Wotan, der vor dem Brand Walhalls noch einmal den Raub des Goldes und seinen Fluch erlebt. Wir werden es sehen.
Andreas H. Hölscher