O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ruhrfestspielhaus Recklinghausen - Foto © Arnoldius

Vom Lump im Kleinen zum Lump im Großen

DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI
(Bertolt Brecht)

Besuch am
8. Juni 2019
(Premiere)

 

Ruhrfest­spielhaus, Großes Haus, Recklinghausen

Nur wenige Zuschauer werden die drei grün geschminkten Herren, die sich zu Beginn der Aufführung in der ersten Reihe nieder­lassen, als drei der Opfer von Gemüse­händlern erkannt  haben, denen Arturo Ui, der kleine Gauner, in großem Stil an den Kragen will. Bert Brecht läßt sein „Gangs­ter­stück“, das 1941 in Finnland entstand, im Chicago der 1920-er Jahre spielen.  Die kleinen Gemüse­händler, die der kleine Gauner Arturo Ui langsam, aber sicher und immer mehr übers Ohr hauen will, haben fatal aktuelle Züge. Auch wenn sie heute Roben und Fräcke tragen, sich selbst mit Orden schmücken, diese Gauner­kol­legen, Schleimer, Vertraute und Verräter tragen ähnliche Züge wie vor 100 Jahren. Korruption ist das gängige Zahlungs­mittel, und Henker und Opfer treffen sich gemeinsam in der „berüch­tigten Volks­ge­mein­schaft“. Hier muss sich die Satire einmengen, meint Heiner Müller, weil es um „ernste Dinge“ geht, die großen politi­schen Verbrecher müssen der „Lächer­lichkeit“ preis­ge­geben werden. In dieser Überzeugung Bert Brechts zu seinem Gangs­ter­stück hat Müller den Arturo Ui mit dem Berliner Ensemble insze­niert, hat damit heftige Diskus­sionen ausgelöst und zahlreiche Theater­preise einge­sammelt – mit Recht.

Hans-Joachim Schlieker hat eine kühle, durch zwei Reihen von kalt wirkenden Säulen begrenzte und nach hinten mit einem leuch­tendroten Turm abgegrenzte Bühne einge­richtet, dessen Funktion offen­bleibt – Thron, Richter­stuhl, Schafott, alles möglich. In unregel­mä­ßigen Abständen rauscht unter einem Boden­gitter und bei flackerndem Licht ein Zug vorbei, ein U‑Bahn-Schacht und Zugge­räusche reichen Schlieker, um die Millio­nen­stadt Chicago anzudeuten. Die Gestalten treten in der weiten und breit­krem­pigen Mode der 1920-er Jahre auf. Lediglich der kleine Arturo Ui spielt in rätsel­haften und merkwür­digen Verwand­lungen, mal als Hund, mal als Boss, durchweg als Hitler-Parodie in seltsamsten Verwand­lungen. Martin Wuttke spielt bis an die Grenzen körper­lichen Einsatzes und lässt den Ui, diesen kleinen Gangster, zwischen Fabel­wesen, Ganoven und Monster irrlichtern. Ob Hitlers abgehackter Sprach­duktus oder die Verfremdung bis hin zu einer „Sprech­ma­schine“, Wuttkes Reper­toire scheint nahezu unbegrenzt. Oft weiß der Zuschauer nicht, ob er sich über diesen Klein­kri­mi­nellen, der ins große Geschäft einsteigen will, ärgern oder ihn bemit­leiden soll.

Margarita Broich gibt eine hinreißend komisch überdrehte Dockdaisy bezie­hungs­weise Betty Dullfeet, die vor allem durch ihren „Opern­sopran“ überrascht. Ob Wolfgang Michael als der alte Dogsbo­rough oder Michael Gerber als Sheet, die schrägen Typen sind alle bestens vertreten und passen zum zwielich­tigen Ambiente des Stückes. Quasi als Leitmotiv dröhnen immer wieder Passagen aus dem mitrei­ßenden Song The Night Chicago Died von Paper Lace durch das Festspielhaus, mancher Zuschauer möchte am liebsten mitsingen. Nach knapp drei Stunden und der nötigen Zwischen­pause setzt der Applaus nur zögerlich und verhalten ein.

Martin Wuttke als Arturo Ui – Foto © Barbara Braun

Wie im „wirklichen Leben“ und in der aktuellen Tages­po­litik möchte man hinterher auch bei Arturo Ui sagen: der „scheinbar unauf­haltsame Aufstieg des Diktators Ui erzählt von der Dreis­tigkeit, Skrupel­lo­sigkeit und Bruta­lität eines krieche­ri­schen Aufstrebers und ist gleich­zeitig eine nüchterne Analyse derer, die durch ihren Oppor­tu­nismus diesen Aufstieg ermög­lichen“. Entschlossene Bürger hätten sowohl Al Capone als auch Hitler oder andere Fehlbe­set­zungen der Geschichte verhindern können. Brechts Gangs­ter­pa­rabel „wurde bis heute über 400 Mal gespielt. Heiner Müllers legendäre Insze­nierung mit Martin Wuttke wird seit 20 Jahren am Berliner Ensemble gespielt – thema­tisch ist sie heute aktueller denn je.“

Müller, der durch manche politische Äußerung mehr als irritierte, liefert ein klassisch antifa­schis­ti­sches Stück, dessen Gesell­schafts­kritik aktuell ist. Aller­dings meinte er selbst zu seinem Arturo Ui, man könne ihn heute nur noch mit einem „Hang zur Operette“ insze­nieren. Dieser Versuch steht noch aus. Die Besucher dieser sparsam insze­nierten, letzten großen Vorstellung der diesjäh­rigen Ruhrfest­spiele erleben einen modernen Klassiker in neuem Gewand, der die Probleme unserer Gesell­schaft knapp und überschaubar, bissig und genau und bestens unter­haltend auf den Punkt bringt. Der durchaus geteilte Schluss­ap­plaus ist unver­meidlich, aber fair, sobald sich Theater auf die politische Bühne begibt. In jedem Fall erleben die Zuschauer eine intensive, dichte und mitrei­ßende Aufführung.

Mit 64.000 Besuchern und 71.000 verkauften Karten kann der neue Intendant Olaf Kröck mit einer Besucher­quote von rund 90 Prozent sehr zufrieden sein, es ist das prozentual dritt­beste Ergebnis der Ruhrfest­spiele seit 1991.Die Anzahl der Gäste aus dem gesamten Bundes­gebiet und dem Ausland hat zugenommen. Kröck sieht seine Einschätzung des Publikums bestätigt, das „Lust auf eine Ausein­an­der­setzung mit Gegen­warts­themen“ hat.

Horst Dichanz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: