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DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI
(Bertolt Brecht)
Besuch am
8. Juni 2019
(Premiere)
Nur wenige Zuschauer werden die drei grün geschminkten Herren, die sich zu Beginn der Aufführung in der ersten Reihe niederlassen, als drei der Opfer von Gemüsehändlern erkannt haben, denen Arturo Ui, der kleine Gauner, in großem Stil an den Kragen will. Bert Brecht läßt sein „Gangsterstück“, das 1941 in Finnland entstand, im Chicago der 1920-er Jahre spielen. Die kleinen Gemüsehändler, die der kleine Gauner Arturo Ui langsam, aber sicher und immer mehr übers Ohr hauen will, haben fatal aktuelle Züge. Auch wenn sie heute Roben und Fräcke tragen, sich selbst mit Orden schmücken, diese Gaunerkollegen, Schleimer, Vertraute und Verräter tragen ähnliche Züge wie vor 100 Jahren. Korruption ist das gängige Zahlungsmittel, und Henker und Opfer treffen sich gemeinsam in der „berüchtigten Volksgemeinschaft“. Hier muss sich die Satire einmengen, meint Heiner Müller, weil es um „ernste Dinge“ geht, die großen politischen Verbrecher müssen der „Lächerlichkeit“ preisgegeben werden. In dieser Überzeugung Bert Brechts zu seinem Gangsterstück hat Müller den Arturo Ui mit dem Berliner Ensemble inszeniert, hat damit heftige Diskussionen ausgelöst und zahlreiche Theaterpreise eingesammelt – mit Recht.
Hans-Joachim Schlieker hat eine kühle, durch zwei Reihen von kalt wirkenden Säulen begrenzte und nach hinten mit einem leuchtendroten Turm abgegrenzte Bühne eingerichtet, dessen Funktion offenbleibt – Thron, Richterstuhl, Schafott, alles möglich. In unregelmäßigen Abständen rauscht unter einem Bodengitter und bei flackerndem Licht ein Zug vorbei, ein U‑Bahn-Schacht und Zuggeräusche reichen Schlieker, um die Millionenstadt Chicago anzudeuten. Die Gestalten treten in der weiten und breitkrempigen Mode der 1920-er Jahre auf. Lediglich der kleine Arturo Ui spielt in rätselhaften und merkwürdigen Verwandlungen, mal als Hund, mal als Boss, durchweg als Hitler-Parodie in seltsamsten Verwandlungen. Martin Wuttke spielt bis an die Grenzen körperlichen Einsatzes und lässt den Ui, diesen kleinen Gangster, zwischen Fabelwesen, Ganoven und Monster irrlichtern. Ob Hitlers abgehackter Sprachduktus oder die Verfremdung bis hin zu einer „Sprechmaschine“, Wuttkes Repertoire scheint nahezu unbegrenzt. Oft weiß der Zuschauer nicht, ob er sich über diesen Kleinkriminellen, der ins große Geschäft einsteigen will, ärgern oder ihn bemitleiden soll.
Margarita Broich gibt eine hinreißend komisch überdrehte Dockdaisy beziehungsweise Betty Dullfeet, die vor allem durch ihren „Opernsopran“ überrascht. Ob Wolfgang Michael als der alte Dogsborough oder Michael Gerber als Sheet, die schrägen Typen sind alle bestens vertreten und passen zum zwielichtigen Ambiente des Stückes. Quasi als Leitmotiv dröhnen immer wieder Passagen aus dem mitreißenden Song The Night Chicago Died von Paper Lace durch das Festspielhaus, mancher Zuschauer möchte am liebsten mitsingen. Nach knapp drei Stunden und der nötigen Zwischenpause setzt der Applaus nur zögerlich und verhalten ein.

Wie im „wirklichen Leben“ und in der aktuellen Tagespolitik möchte man hinterher auch bei Arturo Ui sagen: der „scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des Diktators Ui erzählt von der Dreistigkeit, Skrupellosigkeit und Brutalität eines kriecherischen Aufstrebers und ist gleichzeitig eine nüchterne Analyse derer, die durch ihren Opportunismus diesen Aufstieg ermöglichen“. Entschlossene Bürger hätten sowohl Al Capone als auch Hitler oder andere Fehlbesetzungen der Geschichte verhindern können. Brechts Gangsterparabel „wurde bis heute über 400 Mal gespielt. Heiner Müllers legendäre Inszenierung mit Martin Wuttke wird seit 20 Jahren am Berliner Ensemble gespielt – thematisch ist sie heute aktueller denn je.“
Müller, der durch manche politische Äußerung mehr als irritierte, liefert ein klassisch antifaschistisches Stück, dessen Gesellschaftskritik aktuell ist. Allerdings meinte er selbst zu seinem Arturo Ui, man könne ihn heute nur noch mit einem „Hang zur Operette“ inszenieren. Dieser Versuch steht noch aus. Die Besucher dieser sparsam inszenierten, letzten großen Vorstellung der diesjährigen Ruhrfestspiele erleben einen modernen Klassiker in neuem Gewand, der die Probleme unserer Gesellschaft knapp und überschaubar, bissig und genau und bestens unterhaltend auf den Punkt bringt. Der durchaus geteilte Schlussapplaus ist unvermeidlich, aber fair, sobald sich Theater auf die politische Bühne begibt. In jedem Fall erleben die Zuschauer eine intensive, dichte und mitreißende Aufführung.
Mit 64.000 Besuchern und 71.000 verkauften Karten kann der neue Intendant Olaf Kröck mit einer Besucherquote von rund 90 Prozent sehr zufrieden sein, es ist das prozentual drittbeste Ergebnis der Ruhrfestspiele seit 1991.Die Anzahl der Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland hat zugenommen. Kröck sieht seine Einschätzung des Publikums bestätigt, das „Lust auf eine Auseinandersetzung mit Gegenwartsthemen“ hat.
Horst Dichanz