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ECHNATON
(Philip Glass)
Besuch am
7. Juni 2019
(Premiere am 24. Mai 2019)
Die Oper ist seit jeher fähig, andere Kunstformen in ihre Manifestationen zu integrieren. Malerei, Bildende und Video-Kunst, Literatur, Kinematografie und insbesondere auch den Tanz. In den Opernhäusern von Paris in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts in der Blüte der Grand Opéra ist die Balletteinlage ein kategorischer Imperativ für jeden Komponisten, der dort reüssieren möchte. Wie sehr sich allerdings die totale Verschmelzung von Oper und Ballett zu einem Risiko für das Ganze ausweiten kann, zeigt sich aktuell bei der Dortmunder Echnaton-Produktion, des dritten und letzten Teils der Portrait Trilogy von Philip Glass. Weil die Zusammenarbeit mit dem ursprünglich vorgesehenen Regisseur im Frühstadium endet, übernimmt mit Giuseppe Spota, Tänzer und Choreograf, ein Opernregieneuling die Inszenierung. Spota, designierter Ballett-Direktor des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen, bleibt, um im bekannten Schuster-Bild zu bleiben, bei seinen Leisten und setzt für seine Deutung des archaischen Geschehens auf eine choreografische Lösung.
Hauptdarsteller des Abends werden so Akteure des NRW-Juniorballetts, die ohne Zweifel hohes Können zeigen, aber das Ziel einer vom Stoff bestimmten Opernaufführung verfehlen. Die von Glass und seinen Ko-Librettisten Shalom Goldman, Robert Israel, Richard Riddell und Jerome Robbins gewollte Auseinandersetzung mit einer kulturellen wie religiösen Zeitenwende wird im Keim erstickt.
Akhnatan, wie der Komponist den ägyptischen Pharao aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert schreibt, ersetzt im Stile einer antiken Kulturrevolution die bis dahin geltende Vielgötterei durch einen monotheistischen Kult. Das Volk wird mit aller Macht angehalten, einzig nur noch Aton, den Lichtgott, zu verehren und die Liebe als Urkraft der Menschheit zu preisen. Doch der Geist der alten Ordnung ist nicht verschwunden. Echnaton, Vater von sechs Töchtern und nach herrschender Ansicht ohne Nachfolger, verliert das Verständnis für die Bedürfnisse seiner Untertanen. Angeführt von den Aufrührern der vormaligen Eliten, stürzen die Massen den Erneuerer und zerstören das Symbol des Lichtgottes, den Tempel Atons.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
In seiner Operntrilogie setzt sich Glass mit Visionären auseinander, die ihre Epoche nachhaltig prägen und eine neue Welt ohne Gewalt anstreben. So mit Albert Einstein 1976 und Mahatma Gandhi 1980. Der Komponist ist in hohem Maße von der Figur des Echnaton fasziniert. Er bewundert seine Fähigkeit, die Vorstellung einer einzigen Gottheit für die gesamte Menschheit allein aus der Kraft der Ideen zu entwickeln. Für die Begriffe des Komponisten, gemeinsam mit Steve Reich und weiteren Avantgardisten Begründer der Minimal Music, ist dieser Pharao so einzigartig, dass er ihn mit einem Countertenor besetzt. In der Uraufführung seines Auftragswerks der Oper Stuttgart 1984 ist es Paul Esswood. „Es war ein Weg“, notiert Glass zur Genesis des Werks, „um mit einfachsten Mitteln musikalisch und dramatisch zu zeigen, dass dieser Mann mit nichts zu vergleichen war.“ In Dortmund ist der in Stimme und Erscheinung beeindruckende Counter David DQ Lee dieser Echnaton, dessen Zeitenwende sich zumindest in Spuren in den monotheistischen Religionen bis heute nachweisen lassen, stattlich, ambivalent und schwankend wie der Pharao selbst.
Für die Bonner Echnaton-Produktion im vergangenen Jahr hat die italienische Regisseurin Laura Scozzi ein dezidiert politisches, aufklärerisches Konzept ersonnen, das dem vom Pharao angestoßenen theologischen Paradigmenwechsel entspringt. Ihre szenische Neudeutung mit Anklängen an den Terror von heute dreht sich um die Interdependenz zwischen Monotheismus und Gewalt, die sich im Judentum, Christentum und Islam aufzeigen lässt. Sie eint der Anspruch, die einzige Wahrheit für sich zu reklamieren und diesen in Kreuzzügen mit Waffengewalt gegen „Ungläubige“ oder anders Gläubige durchzusetzen. Spotas Annäherung an den Stoff lässt für Reflektionen mit den Essentials der altägyptischen Kultur keinen Raum. Scozzis Ansatz, der gerade bei einem jungen Publikum ankommt, mag überdehnt sein. Doch mit der Dortmunder Entscheidung, die Glass-Oper als Choreografie zu erfassen, hat sich Spota fast jeder Chance begeben, heutiges Musiktheater zu beleben. Theater zumal in der Großstadt als das stark zu machen, was es in seinen besten Momenten ist: gesellschaftlicher Diskurs, einfacher noch: Stadtgespräch.
Dass der Choreograf Spota sein Handwerk, seine „Leisten“, zweifellos versteht, erweist sich bereits im ersten Bild mit dem Thema der Grablegung des gestorbenen Pharao Amenophis III. Corpus und Haupt des Toten sind getrennt, werden von jeweils einem Tänzer in Szene gesetzt. Aus diesem Geschehen baut sich ein Todesreigen des ganzen Tanzensembles auf. Ein eigenwilliges, auch sehr befremdliches Bild. In diesem Stil geht es bis zum Epilog weiter, überlässt der Regisseur Spota dem Choreografen Spota allzu bereitwillig die Bühne. Die zwölf Akteure des NRW-Juniorballetts untermalen, verdeutlichen, verfremden die einzelnen Passagen mit einer exzessiven Körpersprache, die viel von den Qualitäten des Ensembles verrät, aber wenig von den Visionen und Konflikten rund um die Titelfigur. Schlimmer noch: Früher oder später stellt sich dank der ständigen Wiederholungen von Bewegung und Ausdruck die Empfindung der Wiederkehr des Gleichen ein. Die der seriellen Musik innewohnende strukturelle Monotonie wird noch verstärkt.

Zum Glück ermöglichen die von Tatyana von Walsum geschaffenen Bühnenbilder und die Kostüme im Stil der Hochkultur des alten Ägypten inspirierende Schauwerte. Rote, weiße oder goldene Gewänder erleichtern die Lokalisierung der Protagonisten, der Priesterkaste, des Volks, der Guten wie der Bösen. Die hydraulische Bühnentechnik ermöglicht plakative Wechsel der Schauplätze, was den choreografischen Wechselspielen entgegenkommt. Professionell ist die Verwendung des Lichts von Bonnie Beecher und Stefan Schmidt mit einfachen, aber wirkungsmächtigen Effekten. So geht die Sonne, das Zentrum der Vorstellungswelt Echnatons, im von ihm verfassten Großen Sonnengesang verherrlicht, als heller Kreis auf, der über der Szene verharrt.
Die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung Motonori Kobayashis präsentieren sich in einer der exquisiten Partitur gewachsenen Form. Sie meistern die einzigartige Musikgrammatik, die auf dem Prinzip des Repetitiven, der ständigen Wiederholung bei ebenso ständigen minimalen Veränderungen beruht. Wegen der Kapazitäten im Orchestergraben der Staatsoper Stuttgart hat der Komponist auf Violinen ganz verzichtet. So übernehmen vor allem die Holz- und Blechbläser oder das Schlagwerk der Dortmunder abwechselnd die Oberhand. Glass-Sound pur: Prächtig klingt es aus dem Graben, mal wie ein überdimensioniertes Akkordeon, mal wie eine riesige Drehorgel. Die suggestive Wucht dieses Klangs wird mehr und mehr vom Chor der Oper Dortmund in der Einstudierung von Fabio Mancini gesteigert, der es in seinen verhaltenen schwirrenden Passagen mit den Sirenen des Altertums aufnehmen könnte.
Im Klangdreieck Orchester, Chor und Sänger zieht sich das Sängerensemble mehr als achtbar aus der Affäre, zumal wie vom Chor unter Verwendung von originalen Libretto-Texten in altägyptischer, akkadischer und aramäischer Sprache gesungen wird. Dem Echnaton Lees ist als Nofretete Aytaj Shikhalizada ebenbürtig. Ihr wohlklingender, bei Bedarf ausdrucksbetonter Mezzo bildet im Liebesduett des zweiten Akts mit dem Pharao Ich atme den süßen Atem, der Deinem Munde entströmt einen dynamischen Kontrast. Als Königinmutter Teje ist die Sopranistin Anna Sohn eine adäquate Besetzung. Ebenso sind es die Anführer des Widerstands Mandla Mndebele als Haremhab, Fritz Steinbacher
als Hoher Priester und Denis Velev als Aye. Ohnehin bietet Echnaton seine größten Momente nicht in den Solopartien. Monumentales imponiert, wenn sich wie in der zweiten Szene des dritten Aufzugs Angriff und Sturz die Hauptfiguren, der Chor und das Orchester zu einem Fanal finden, das im Aufruhr der Meute gipfelt, die die Palasttüren sprengt und die Pharaofamilie wegschleppt. Einen krassen Bruch erlaubt sich Spota mit der Gegenwart reklamierenden Besetzung des Erzählers und Reiseführers. Der Schauspieler Claus Dieter Clausnitzer ist einem breiten Publikum aus dem Münsteraner Tatort bekannt, in dem er den Taxifahrer und Vater des Ermittlers Thiel gibt. Clausnitzer beherrscht seine Texte, keine Frage. Seine Auftritte wirken indes arg inszeniert. Eine PR-Idee? Ein Marketing-Gag?
Das Publikum im am Freitag vor Pfingsten halb gefüllten großen Saal reagiert mit betont freundlichem Applaus, der sich nach und nach zur großen Anerkennung steigert. Forciert, eher pervertiert wird dieser Gestus durch ein wiederkehrendes frenetisches Gebrüll einiger im Stil der Südtribüne des Dortmunder Stadions, dessen Silhouette zu Beginn des dritten Aufzugs in eine Videoimagination der neuen Stadt Achet-Aton eingeblendet ist. Diese irritierende, jedenfalls deplatzierte Emanation schafft es indes nicht, die Risiken der Aufführung, sollte das die Intention gewesen sein, zu verkleinern. Laut sein ist bekanntlich niemals Anzeichen von Souveränität oder Kompetenz, geschweige denn Wahrheit.
Ralf Siepmann