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Foto © Nasser Hashemi

Coolheit bis zum Mord

DRACHENHERZ
(Peter Lund, Wolfgang Böhmer)

Besuch am
13. Juni 2019
(Premiere)

 

Neuköllner Oper Berlin

Manches ist anders an dieser neuesten Produktion des Studi­en­gangs Musical der Berliner Univer­sität der Künste. Die Urauf­führung findet nicht, wie gewohnt, in der Neuköllner Oper statt, sondern wird erstmals im März im koope­rie­renden Theater Chemnitz gespielt. Dort ist sie einge­bettet in ein vielbe­ach­tetes Großprojekt: die Insze­nierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen. Drama­tur­gisch dazu passend, greift der regie­füh­rende Autor Peter Lund in seinem aktuellen Musical Drachenherz die mittel­al­ter­liche Siegfried-Sage auf – ein Stoff, der ihm schon länger am Herzen liegt – und versetzt sie in die Gegenwart einer deutschen Klein­stadt, ins fiktive Deutschhagen.

Hier hängt die Jugendgang um Anführer Günni ab, klopft derbe Sprüche und weiß sonst nichts mit sich anzufangen. Als Fred, der Sohn eines Flücht­lings­heim­leiters, und sein afrika­ni­scher Kumpel Woda auf die Gruppe treffen, ändern sich die Macht­ver­hält­nisse. Erst mal finden alle den Neuling toll, auch Jenny, Günnis blonde Schwester, auf die die Jungs scharf sind, verliebt sich in ihn. Doch schnell kippt die anfäng­liche Bewun­derung in Ablehnung um. Sie kulmi­niert im Mord an Fred, ausge­führt von Hagen. Der bezichtigt Woda der Tat.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



So düster wie Drachenherz war noch keines von Peter Lunds Gesell­schafts­mu­sicals. Es mutet an wie eine Reaktion auf die Ereig­nisse in Chemnitz, das momentan als Synonym für rechte Gewalt­be­reit­schaft und Auslän­derhass steht, wurde jedoch von Lund und seinen Studie­renden bereits vor zwei Jahren entwi­ckelt. Zwar ist es nicht frei von Klischees, bildet aber die trostlose Stimmungslage dieser Jugend­lichen treffend ab. Die Sprache ist roh und sexua­li­siert, der Umgangston gespickt mit drasti­schen Ausdrücken. Selbst der Humor, den der Autor sonst in den unwahr­schein­lichsten Momenten entdeckt, blitzt diesmal nur ab und zu hervor.

Die Bühne von Ulrike Reinhard ist leer und wird durch eine schwarz glänzende Hinter­front begrenzt. Ein Baumstamm, eine Blech­tonne, mehr gibt es nicht zu sehen. Dass hier keine Wärme aufkommen kann, ist von Beginn an klar.

Die Insze­nierung zeigt diffe­ren­ziert, wie die Gang allmählich in eine Katastrophe schliddert, aus der es kein Zurück mehr gibt. Männlich­keits­ri­tuale, kulmi­nierend in einem surrealen, blutrüns­tigen Albtraum gehören zu den gruppen­dy­na­mi­schen Prozessen. Letzt­endlich aber gieren alle nach Zuneigung, auch wenn sie solche kaum kennen­ge­lernt haben. Nicht umsonst heißt ein Song: Liebe ist scheiße.

Foto © Nasser Hashemi

Die Regie teilt sich Lund – auch das ist ein Novum – mit Mathias Noack, der für die Sprech­szenen verant­wortlich ist. Dritte im Bunde ist die unver­zichtbare Choreo­grafin Neva Howard. Ihre Tanzszenen sind mehr als gewohnt integraler Bestandteil der Insze­nierung. Die Aggres­sionen der Gang entladen sich in furiosen Bewegungs­for­ma­tionen mit Elementen von Break­dance und HipHop. Zu einem Höhepunkt gerät das Tanzduo zwischen Fred und Brüning, dem einzigen weiblichen Gangmit­glied. Florentine Beyer, die mit nacktem Oberkörper auftritt, ohne dabei peinlich zu berühren, und Denis Riffel machen daraus einen erotisch aufge­heizten Bezie­hungs­kampf, der den Atem stocken lässt.

Überhaupt wird der Abend getragen von der Schonungs­lo­sigkeit, mit der sich die Studie­renden, zwei weibliche und sieben männliche, in ihre Rollen stürzen. Wie sie tanzen, singen und spielen, ist eine Wucht, nur hapert es bisweilen am pronon­cierten Sprechen.

Wolfgang Böhmers rhyth­mus­be­tonter Hardrock und die einge­streuten Ensemble-Raps spiegeln die Härte des Geschehens wieder. Gefühlige Balladen haben hier nur selten etwas zu suchen. Nur schade, dass die hinter der Szene unsichtbar platzierte Band unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg oft so stark aufdreht, dass der Gesang überdröhnt wird.

In Chemnitz wurde Drachenherz begeistert aufge­nommen, die Auffüh­rungs­serie von vielen Schul­klassen besucht. Den Umzug in das kleinere Haus in Berlin hat das Musical unbeschadet überstanden. Es wird auch in der Neuköllner Oper lautstark bejubelt.

Karin Coper

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