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Manches ist anders an dieser neuesten Produktion des Studiengangs Musical der Berliner Universität der Künste. Die Uraufführung findet nicht, wie gewohnt, in der Neuköllner Oper statt, sondern wird erstmals im März im kooperierenden Theater Chemnitz gespielt. Dort ist sie eingebettet in ein vielbeachtetes Großprojekt: die Inszenierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen. Dramaturgisch dazu passend, greift der regieführende Autor Peter Lund in seinem aktuellen Musical Drachenherz die mittelalterliche Siegfried-Sage auf – ein Stoff, der ihm schon länger am Herzen liegt – und versetzt sie in die Gegenwart einer deutschen Kleinstadt, ins fiktive Deutschhagen.
Hier hängt die Jugendgang um Anführer Günni ab, klopft derbe Sprüche und weiß sonst nichts mit sich anzufangen. Als Fred, der Sohn eines Flüchtlingsheimleiters, und sein afrikanischer Kumpel Woda auf die Gruppe treffen, ändern sich die Machtverhältnisse. Erst mal finden alle den Neuling toll, auch Jenny, Günnis blonde Schwester, auf die die Jungs scharf sind, verliebt sich in ihn. Doch schnell kippt die anfängliche Bewunderung in Ablehnung um. Sie kulminiert im Mord an Fred, ausgeführt von Hagen. Der bezichtigt Woda der Tat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
So düster wie Drachenherz war noch keines von Peter Lunds Gesellschaftsmusicals. Es mutet an wie eine Reaktion auf die Ereignisse in Chemnitz, das momentan als Synonym für rechte Gewaltbereitschaft und Ausländerhass steht, wurde jedoch von Lund und seinen Studierenden bereits vor zwei Jahren entwickelt. Zwar ist es nicht frei von Klischees, bildet aber die trostlose Stimmungslage dieser Jugendlichen treffend ab. Die Sprache ist roh und sexualisiert, der Umgangston gespickt mit drastischen Ausdrücken. Selbst der Humor, den der Autor sonst in den unwahrscheinlichsten Momenten entdeckt, blitzt diesmal nur ab und zu hervor.
Die Bühne von Ulrike Reinhard ist leer und wird durch eine schwarz glänzende Hinterfront begrenzt. Ein Baumstamm, eine Blechtonne, mehr gibt es nicht zu sehen. Dass hier keine Wärme aufkommen kann, ist von Beginn an klar.
Die Inszenierung zeigt differenziert, wie die Gang allmählich in eine Katastrophe schliddert, aus der es kein Zurück mehr gibt. Männlichkeitsrituale, kulminierend in einem surrealen, blutrünstigen Albtraum gehören zu den gruppendynamischen Prozessen. Letztendlich aber gieren alle nach Zuneigung, auch wenn sie solche kaum kennengelernt haben. Nicht umsonst heißt ein Song: Liebe ist scheiße.

Die Regie teilt sich Lund – auch das ist ein Novum – mit Mathias Noack, der für die Sprechszenen verantwortlich ist. Dritte im Bunde ist die unverzichtbare Choreografin Neva Howard. Ihre Tanzszenen sind mehr als gewohnt integraler Bestandteil der Inszenierung. Die Aggressionen der Gang entladen sich in furiosen Bewegungsformationen mit Elementen von Breakdance und HipHop. Zu einem Höhepunkt gerät das Tanzduo zwischen Fred und Brüning, dem einzigen weiblichen Gangmitglied. Florentine Beyer, die mit nacktem Oberkörper auftritt, ohne dabei peinlich zu berühren, und Denis Riffel machen daraus einen erotisch aufgeheizten Beziehungskampf, der den Atem stocken lässt.
Überhaupt wird der Abend getragen von der Schonungslosigkeit, mit der sich die Studierenden, zwei weibliche und sieben männliche, in ihre Rollen stürzen. Wie sie tanzen, singen und spielen, ist eine Wucht, nur hapert es bisweilen am prononcierten Sprechen.
Wolfgang Böhmers rhythmusbetonter Hardrock und die eingestreuten Ensemble-Raps spiegeln die Härte des Geschehens wieder. Gefühlige Balladen haben hier nur selten etwas zu suchen. Nur schade, dass die hinter der Szene unsichtbar platzierte Band unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg oft so stark aufdreht, dass der Gesang überdröhnt wird.
In Chemnitz wurde Drachenherz begeistert aufgenommen, die Aufführungsserie von vielen Schulklassen besucht. Den Umzug in das kleinere Haus in Berlin hat das Musical unbeschadet überstanden. Es wird auch in der Neuköllner Oper lautstark bejubelt.
Karin Coper