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Foto © Moritz L'Hoest

Gesundes Landleben

DIE JAHRESZEITEN
(Joseph Haydn)

Besuch am
15. Juni 2019
(Premiere)

 

Junger Kammerchor Düsseldorf, St. Matthä­us­kirche, Düsseldorf

Als junger Chor streben wir danach, frischen Wind in die Chorszene zu bringen. Der Fokus liegt dabei aller­dings nicht, wie bei vielen anderen jungen Chören, auf Pop-Arran­ge­ments. Statt­dessen wollen wir Klassiker der Vokal­musik in neuer Form präsen­tieren sowie Werke junger, zeitge­nös­si­scher Kompo­nisten zur Aufführung bringen“, heißt es auf der Website des Jungen Kammer­chors Düsseldorf. Das klingt ambitio­niert. Und die Wahl des ungewöhn­lichen Auffüh­rungs­ortes könnte man damit durchaus erklären. Denn die Matthä­us­kirche liegt im Stadtteil Garath, einem Ort, der garan­tiert diametral zum Begriff der Hochkultur steht. Gut, wenn junge Leute wie die 35 Sänger des Kammer­chors an solche Orte gehen. Irritierend ist aller­dings, was der Junge Kammerchor Düsseldorf in Koope­ration mit dem Kourion-Orchester Münster auf den Titel des Programm­hefts geschrieben hat.

1801 wurden die Jahres­zeiten von Joseph Haydn als weltliches und letztes seiner vier Oratorien in Wien urauf­ge­führt. An den Erfolg seiner Schöpfung konnte es nicht anknüpfen. Der Grund dafür wird allgemein dem Libretto Gottfried van Swietens zugeschrieben, der sich an das gleich­namige Versepos von James Thomsons anlehnte. Haydn selbst konnte sich mit dem Text nicht so recht anfreunden. Denn anders als in religiösen Oratorien haben die Jahres­zeiten kein bibli­sches Thema zur Grundlage, sondern beschreiben die Natur und verklären das Landleben. Eine roman­ti­sie­rende Sicht­weise, die schon Anfang des 19. Jahrhun­derts keine Gültigkeit mehr hatte. Leider findet sich auch im Innern besagten Programm­hefts weder eine Bemerkung über Entste­hungs- und Rezep­ti­ons­ge­schichte des Orato­riums noch eine Begründung, warum Chor und Orchester ein derart verstaubtes Thema aufgreifen.

Natürlich ist das Werk der Wiener Klassik musika­lisch anspruchsvoll, aber reicht das aus, einen solchen Kitsch unter die Zielsetzung des Kammer­chors zu subsu­mieren? Bleibt ja noch der Anspruch, „Klassiker der Vokal­musik“ in neuer Form zu präsentieren.

Matias Staut – Foto © Moritz L’Hoest

Aber auch hier finden sich wenig Anhalts­punkte. Die Aufführung in der 1970 erbauten Kirche, die immerhin eine ausge­sprochen ungewöhn­liche Archi­tektur zeigt, gestaltet sich durchaus konser­vativ. Im Hinter­grund des Altar­raums ist der Chor aufge­stellt, davor findet das Orchester Platz, vor dem die Solisten nach Bedarf aufge­reiht werden. Am Predigtturm, der die herkömm­liche Kanzel ersetzt, ist ein weißes Banner herun­ter­ge­lassen, auf das Anastasija Delidova Video-Projek­tionen wirft. Das scheint nicht richtig zu funktio­nieren, und nach der Pause ist das Banner verschwunden. Statt­dessen versucht die Künst­lerin jetzt, Bewegt­bilder oberhalb des Chors auf die Rückwand des Altar­raums zu proji­zieren. Klappt auch nicht richtig. Und selbst wenn. Die Gäste in den gutbe­suchten Stuhl­reihen sind wegen der Musik gekommen und wollen sich nicht von irgend­welchen Bildas­so­zia­tionen ablenken lassen. Das konnte man bislang in jedem Chorkonzert feststellen, dass sich auf Versuche mit Video einge­lassen hat. Trotzdem ist es natürlich legitim, es immer wieder aufs Neue zu versuchen. Ignoriert man die techni­schen Innova­tionen des Abends und die unzäh­ligen Kameras, die am Rand und im Hinter­grund aufgebaut sind, erlebt man in Garath eine absolut konser­vative Aufführung. Lässt man weiterhin die Zielsetzung des Kammer­chors außer Acht und fühlt sich einfach mal so richtig kitschig, in so einer Art „Ich-denke-oft-an-Piroschka-Stimmung“, kann man an dem außer­ge­wöhn­lichen Ort eine mehr als ordent­liche Aufführung genießen.

Mathias Staut übernimmt als Musika­li­scher Leiter des Kammer­chors die Koope­ration der beiden Klang­körper. Abgesehen von einigen, vermutlich begeis­te­rungs­be­dingten Überschwäng­lich­keiten, die die Lautstärke-Balance zwischen Chor und Orchester außer Kraft setzen, und einigen zu lang gesetzten Pausen bei den Sänger­wechseln – letzteres ist wohl eher Geschmacks­sache – bekommt das Publikum ein packendes Werk zu hören. Immerhin wartet Haydn mit ungewöhn­lichen Gesangs­linien auf, und Staut hat die Drama­turgie wunderbar im Griff, in der das Erntefest ebenso zum Höhepunkt gerät wie die dann doch wieder finale Lobpreisung Gottes.

Natürlich funktio­niert ein solches Gesamt­kunstwerk nicht ohne die Solisten, die Rezitative, Arien und Kavatinen übernehmen. Ohne indis­po­niert angesagt worden zu sein, scheint die Stimme der Sopra­nistin Henrike Jacob gesund­heitlich nicht auf der Höhe. Dankenswert, dass sie trotzdem angetreten ist, um die Aufführung nicht zu gefährden. Da nimmt man ein paar Unpäss­lich­keiten gern in Kauf. Ganz abgesehen davon, dass eine dreistündige Aufführung auch die Kondition der Solisten an die Grenzen bringt. Tenor Wolfgang Klose muss sich gegen Ende ziemlich diszi­pli­nieren, aber es gelingt ihm, und so hat er auch ungewöhn­liche Phrasie­rungen wunderbar textver­ständlich im Griff. Simon Klein hat als Bariton die Bass-Rolle des Simon übernommen – und das ist gut so. Denn die Stimmlage fügt sich erheblich geschmei­diger in das Gesamtbild ein. Die Choristen ergänzen gekonnt mit Engagement und Sangesfreude.

Das Publikum ist begeistert, und weil die erste Reihe gleich mal aufsteht, folgen die anderen auch, um allen Betei­ligten langan­haltend zu applau­dieren. Trotzdem: Die Zielsetzung des Jungen Kammer­chors Düsseldorf ist besser als die Jahres­zeiten von Haydn; aber immer wieder gern in Garath.

Michael S. Zerban

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