O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thilo Beu

Der Stein im Wasser

BRUNDIBÁR
(Hans Krása)

Besuch am
14. Juni 2019
(Premiere am 12. Mai 2019)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Zu den gesell­schafts­po­li­ti­schen Schlüs­sel­themen unserer Gegenwart mit wachsendem Rassismus und Rechts­extre­mismus gehört es, Sensi­bi­lität gegenüber Diskri­mi­nierung und Ausgrenzung sowie Empathie für Minder­heiten zu schaffen. Dieser Prozess, meinen Experten, sollte möglichst schon im Kindes­alter beginnen. Wie eine wirkungs­volle, im Idealfall nachhaltige Sensi­bi­li­sierung gelingen könnte, zeigt aktuell das Brundibár-Projekt der Bonner Oper. Projekt auch deswegen, weil es mit dem bloßen Besuch der vor allem für junge Menschen ab zehn Jahren gedachten Kinderoper des Kompo­nisten Hans Krása und seines Libret­tisten Adolf Hoffmeister nicht getan sein kann. Vielmehr dürfte sie nachhaltige Wirkungen insbe­sondere dann erzeugen, wenn ihr Besuch jeweils in eine Vor- und Nachbe­rei­tungs­phase der Kinder mit Elternhaus und Schule einge­bunden ist. Gefordert ist das kind- wie themen­ge­rechte Reden über Verführung und Verbrechen, was auch Jahrzehnte nach der Befreiung von Auschwitz zum Schwie­rigsten zwischen den Genera­tionen zählt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die in den letzten Jahren an einer Reihe von Theatern – so 2017 am Staats­theater Kassel – heraus­ge­brachte Geschichte von der Überwindung des Bösen durch mensch­liche Solida­rität ist alles andere als eine typische Kinderoper. Ihre Vorge­schichte, das Schicksal von Autor und Komponist weisen im Tempo eines Hochge­schwin­dig­keits­fahr­stuhls zurück in die Jahre der Verfolgung, Depor­tation und Ermordung der Juden durch das natio­nal­so­zia­lis­tische Regime. Brundibár, 1938 kompo­niert, erstmals 1942 im jüdischen Kinderheim in Prag aufge­führt, erlebt nach Krásas Depor­tation in das Konzen­tra­ti­ons­lager There­si­en­stadt ab 1943 dort 55 Auffüh­rungen. Den Kindern vermittelt der scheinbar normale Theater­be­trieb einen Hauch von Alltäg­lichkeit und Freude am Leben. Anderer­seits regis­trieren sie regel­mäßig, dass Rollen neu besetzt werden müssen, da viele der jungen Darsteller in Vernich­tungs­lager abtrans­por­tiert werden. Auschwitz ist dann auch die letzte Lebens­etappe Krásas und fast aller Akteure.

Die von Kindern für Kinder präsen­tierte Handlung mit dem Geschwis­terpaar Aninka und Pepíček im Zentrum spielt, weil Zusam­menhalt keine geogra­fi­schen Grenzen kennt, in einer belie­bigen kleinen Stadt mit Schule, Molkerei und Bäckerei. Kindliche Attrak­tionen sind die Stände des Eismanns und des Leier­manns Brundibár. Aninka und Pepíček sind zum Markt gekommen, um für ihre kranke Mutter Milch zu besorgen. Da sie arm und mittellos sind, droht ihre Absicht zu scheitern. Erst als sie gewahr werden, wie der Spieler des Leier­kastens zu Geld kommt, finden sie einen Weg aus der Not. Unter­stützt von einem Spatz, einer Katze und einem Hund, die alle Kinder der Stadt mobili­sieren, schlagen sie Brundibár mit seinen eigenen Mitteln.

Foto © Thilo Beu

Der Regisseur Mark Daniel Hirsch insze­niert eine für das Theater Bonn konzi­pierte deutsche Fassung, mit dem Monolog Überleben im Zentrum. Die Rahmen­er­zählung zur Geschichte der Oper stammt von der Autorin Lisa Sommer­feldt, in der der Holocaust auch für Bonn plastisch und mit erschüt­ternden Zahlen unter­mauert wird. Gesprochen wird der fiktive Monolog der überle­benden Bonner Jüdin Vera Wilhelmine Goldstein von der äußerst engagierten und präsenten Schau­spie­lerin  Barbara Teuber, die von Anfang bis Ende der Produktion auf der Bühne präsent ist und so eine Art Klammer zwischen gestern und heute, dort und hier darstellt.

Die auf das extra bestuhlte Foyer der Bonner Oper zugeschnittene Produktion hält sich hinsichtlich des Aufwands für Bühne und Kostüme von Regina Rösing ziemlich zurück, was der Sache selbst aller­dings keinerlei Abbruch tut. Zu sehen ist auf einem simplen Bretter­podium ein Ensemble des Kinder- und Jugend­chors des Theaters Bonn, dessen weitgehend graue Kostü­mierung an das Erschei­nungsbild der Inhaf­tierten in There­si­en­stadt erinnert. Links davon ist das elf Musike­rinnen und Musiker umfas­sende Orchester postiert. Krásas anspruchs­volle, immer wieder lautma­lende Partitur ist bei ihnen in den besten Händen. Koordi­niert und inspi­riert wird das Ganze souverän von der musika­li­schen Leiterin Ekaterina Klewitz, die seit mehr als zehn Jahren für den Kinder- und Jugendchor des Theaters Bonn verant­wortlich zeichnet, der ein Viertel­jahr­hundert existiert. Wie die Dirigentin agiert, ständig den Blick im Wechsel auf das Orchester und via zweier entfernter Monitore das Choren­semble gerichtet, ist schon imposant.

Die Akteure im rund ein Dutzend Rollen umfas­senden Ensemble überzeugen mit großem Engagement, das je nach Part und Alter zwischen kindlicher Spiel­freude und großer Ernst­haf­tigkeit pendelt. Unter den Protago­nisten nehmen die drei Haupt­fi­guren Susanne Karolina Kilian als Aninka, Klaus Essler in der Rolle des Pepicek und Brundibár, von Maxim Yurin darge­stellt, durch Spiel und Gesang ganz besonders für sich ein. Ihnen zur Seite springt mit viel Vitalität ein Trio, das zudem allerlei Kolorit in die düstere Geschichte einbringt. Es sind Spatz Louis Bungartz, Katze Hannah Schiller und Hund Merle Claus. Gegen eine solche Armada, das wird alsbald klar, hat der böse Leier­kas­ten­spieler letztlich keine Chance. Im Schlussbild liegen alle Akteure wie versteinert am Boden. Der Spuk ist vorbei. Vielleicht auch das Leben alsbald dieses oder jenes Kindes? Diese Assoziation wird durch das anschwel­lende Geräusch von Eisen­bahn­zügen hervor­ge­rufen. Bedrohlich provo­ziert es die Vorstellung der Trans­porte „in den Osten“, womit die Todes­kammer von Auschwitz gemeint ist.

Kinderoper ist in Bonn und anderswo finan­ziell kein Selbst­läufer. MusiKi, Musika­li­sches Kinder­theater Bonn, heißt in der Bundes­stadt das Netzwerk, das das Brundibár-Projekt durch organi­sa­to­rische, logis­tische und eben materielle Unter­stützung miter­mög­licht hat. Es kommt ja entscheidend auf Anstren­gungen insbe­sondere nach jeder Aufführung an, die Wellen zu nutzen, die mit jedem Stein entstehen, der im Theater ins Wasser geworfen wird. Die Botschaft von Solida­rität und Zusam­menhalt ist schlicht einfacher prokla­miert als im Alltag durch­ge­halten, erst recht gegen Wider­stände. Angesichts dieser heraus­ra­genden Zielsetzung mag die eigent­liche Intention von MusiKi, „das Wecken von Interesse und Begeis­terung an klassi­scher und moderner Musik“, auch einmal auf Zeit zurück­treten. Aus dem Anfangs­er­lebnis kann ja immer noch die Liebe zur Kunst der Oper erwachsen, früher oder später.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: