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Die Enge dörflicher Beschaulichkeit

DIE VERKAUFTE BRAUT
(Bedřich Smetana)

Besuch am
15. Juni 2019
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Bedřich Smetanas tsche­chische Natio­naloper Prodaná nevěsta – auf Deutsch Die verkaufte Braut – steht nicht sehr häufig an deutschen Opern­bühnen auf dem Spielplan, obwohl die Musik so einzig­artig schön ist mit den böhmi­schen folklo­ris­ti­schen Anteilen, den wunder­baren Arien, den großen Chorszenen und der bekannten Ouvertüre, die gerne auch bei sympho­ni­schen Konzerten gespielt wird. Vielleicht liegt es daran, dass viele Inten­danten Opern nur in Origi­nal­sprache bringen wollen und die tsche­chische Sprache nicht einfach zu singen ist. Vielleicht liegt es auch an der vorder­gründig trivialen Geschichte aus einem bäuer­lichen Milieu, in dem die Tochter gut unter die Haube zu bringen ist, um die Schulden des Vaters zu tilgen. Daher ist es der künst­le­ri­schen Leitung der Oper Leipzig zunächst einmal hoch anzurechnen, dieses wunderbare Werk in deutscher Sprache auf den Spielplan zu setzen und die Haupt­rollen alle mit Ensem­ble­mit­gliedern zu besetzen, die auch alle gleich ihr Rollen­debüt feiern dürfen.

Es ist ein tsche­chi­scher Sommer­nachts­traum, der in böhmische Dörfer führt, hinter deren Fassaden alte Tradi­tionen und Bräuche Alltag und Leben der Menschen bestimmen. Nachdem Bedřich Smetana bei seinen Lands­leuten als „Wagne­rianer“ verschrien war, wurde seine komische Oper Die verkaufte Braut nach ihrer Urauf­führung als tsche­chische Natio­naloper gefeiert, die mit ihrer Musik der „böhmi­schen Volks­seele“ Ausdruck verschaffe. Sie wirkt als nostal­gische Zeitreise, die viel mehr den mensch­lichen Mikro­kosmos der dörflichen Welt als die große Nation in den Fokus nimmt. Nicht ohne Grund hat der Komponist des bekannten Orches­ter­stücks Die Moldau seinen gesamten Orches­ter­zyklus Mein Vaterland genannt. Auch Die verkaufte Braut führt uns in seine Heimat und auch dieses Werk enthält mit dem Tanz der Komödi­anten eines der berühm­testen Orches­ter­stücke des Kompo­nisten. Gleich­zeitig schuf Smetana mit diesem Werk eine klassische Spieloper, in der die Protago­nisten nach vielen Verwick­lungen und Intrigen schließlich zu einem glück­lichen Ende finden.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Marie, die Tochter des Bauern Kruschina, liebt den Herum­treiber Hans, soll aber Wenzel, den ihr unbekannten Sohn des reichen Bauern Micha heiraten. Hans scheint über ihre bevor­ste­hende Hochzeit mit einem anderen nicht besonders traurig zu sein, aller­dings versi­chert er ihr seine Liebe und Treue. Marie bekennt vor den Eltern ihre Liebe zu Hans und verweigert ihr Einver­ständnis zu der vom Heirats­ver­mittler Kezal arran­gierten Ehe. Der versucht nun, Hans mit Geld von seinem Anspruch auf Marie abzubringen. Der geht zum Schein darauf ein: Für die Summe von 300 Gulden erklärt er sich bereit, seine Braut an Michas Sohn abzutreten. Maries Eltern sind erfreut, doch Marie ist verzweifelt, als sie erfährt, dass Hans bereit war, seine Braut zu verkaufen. Zudem beteuert Hans öffentlich, Marie werde in jedem Fall Michas Sohn heiraten. Als Micha schließlich in Hans den verschollen geglaubten Sohn erkennt, kann Marie zwischen den Söhnen Michas wählen und entscheidet sich für Hans.

Christian von Götz, der an der Oper Leipzig bereits in Carl Maria von Webers Der Freischütz Regie führte, insze­niert die Geschichte als eine Zeitreise an den Anfang des 20. Jahrhun­derts und verortet sie in der Enge dörflicher Beschau­lichkeit, die streng nach ihren eigenen Gesetz­mä­ßig­keiten funktio­niert, in der aber am Ende immer auch das Mensch­liche siegt. Es sind die vermeintlich wahren Charaktere der Dorfbe­völ­kerung in der böhmi­schen Provinz, die überholten Ansichten und Rollen­ver­hält­nisse und die veraltete Gesell­schafts­phi­lo­sophie, die bereit ist, Töchter gegen den Erlass von Schulden einzu­tau­schen. Das darge­stellte bäuer­liche Idyll am Rande einer tradi­tio­nellen böhmi­schen Hochzeit ist nur oberflächlich schön und friedlich, unter der Oberfläche brodeln Eifer­sucht, Hass und Missgunst. Und hier setzt von Götz mit seiner auf Bezie­hungs­ebenen angelegten Perso­nen­regie seine Akzente, insbe­sondere das drama­tische Spannungs­ver­hältnis zwischen Marie und Hans wird klar skizziert. Sehr feinfühlig heraus­ge­ar­beitet ist die Figur des Wenzel, ein gesell­schaftlich Ausge­sto­ßener, ein Stotterer mit fast autis­ti­schen Zügen. Diese Charak­ter­dar­stellung gelingt von Götz ausge­sprochen intensiv. Seine Marie ist eine selbst­be­wusste, durchaus emanzi­pierte junge Frau, wogegen Hans mehr als der Hallodri erscheint, der für wenig Geld zum Entsetzen aller seine Braut verkauft. Dass das eine geschickte List und Strategie ist, wird dem Zuschauer schnell deutlich, und er hat damit gegenüber Marie einen entspre­chenden Wissens­vor­sprung. Hervor­ragend getroffen ist die Figur des aalglatten und schlei­migen Heirats­ver­mittler Kezal, der nur seine Provision sieht; ein Menschen­typus, der uns auch heute leider immer wieder begegnet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Es ist ein schmaler Grat zwischen übertrie­bener Folklore und derbem Kitsch auf der Bühne, doch dank der schnellen Szenen­wechsel und der inten­siven Inter­ak­tionen driftet das Spiel auf der Bühne nicht ab, die manchmal grotesk wirkenden Personen mit übertrie­bener Schminke und überdi­men­sio­nierten Frisuren sind Persi­flage auf die beengte und schon zwang­hafte dörfliche Idylle. Für die die detail­ge­treuen, farben­frohen und folklo­ris­ti­schen Kostüme, die Trachten modern inter­pre­tieren, zeichnet Sarah Mitten­bühler verant­wortlich. Diese passenden Kostüme geben mit dem Bühnenbild der Insze­nierung den Anstrich eines scheinbar bäuer­lichen Idylls. Bühnen­bildner Dieter Richter ist bereits zum sechsten Mal in Leipzig für die Ausstattung auf der Bühne verant­wortlich. Mit den Möglich­keiten der großen Drehbühne in Leipzig schafft er einen Raum mit schnell wechselnden Orten, was dem Bühnenbild etwas Labyrin­thi­sches verleiht, das mit der Verwor­renheit der Handlung durchaus korre­spon­diert. Eine zentrale Wand, wie ein überdi­men­sio­nierter Bilder­rahmen, wird in der Mitte durch­leuchtbar gemacht, wodurch die Szenerie eine besondere Trans­parenz erfährt. Mittels Video­feedback und einer Projek­ti­ons­folie werden einzelne Szenen, die vorher aufge­zeichnet wurden, im Hinter­grund parallel zum Liveact gespiegelt. Für die Licht­regie sind Raoul Brosch und Gabor Zsitva verant­wortlich. Durch die schnellen Drehbe­we­gungen wechseln die Szenen rasch, und so kommt zu keinem Zeitpunkt Lange­weile auf. Die verschie­denen Räume orien­tieren sich an den Einrich­tungen eines böhmi­schen Dorfes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Es ist ein junges Ensemble, das diese Oper musika­lisch auf die Bühne bringt. Allen voran Magdalena Hinterd­obler, die erst vor kurzem an der Leipziger Oper ihr umjubeltes Debüt als Rusalka gab, feiert nun als Marie erneut ein erfolg­reiches Debüt. Schau­spie­le­risch zeigt sie die große Zerris­senheit der Marie, schwankend zwischen ihrer großen Liebe zu Hans und der vermeintlich tiefen Enttäu­schung, die er ihr zugefügt hat. Mit großem Ausdruck und inniger Beseeltheit singt sie ihre Arie Gern will ich dir vertraun und mit Verzweiflung und Dramatik die große Arie im dritten Aufzug Wie fremd und tot ist alles umher, für die sie großen Szenen­ap­plaus erhält. Ihr Sopran ist klar, die Höhen sind sicher und kraftvoll, eine Stimme im Übergang vom lyrischen zum jugendlich-drama­ti­schen Sopran. Aber auch in den Duetten oder in den Chorszenen ragt ihre Stimme leuchtend heraus. Den Jubel des Publikums am Schluss hat sie sich redlich verdient. Patrick Vogel als Hans ist von seiner Stimmlage noch mehr Mozart­tenor, also mehr Tamino als Max. Die Rolle des Hans fordert aber in einzelnen Passagen eine Stimmlage, die sich ins junge Heldenfach entwi­ckelt. Soweit ist Vogel noch nicht, aber er löst dieses Defizit mit einer sehr sauberen und vor allem in den Höhen schönen, klaren Stimme, die noch gut zum lyrischen Sopran der Hinterd­obler passt, und schau­spie­le­risch charak­te­ri­siert er den Hans durchaus sympa­thisch. Großartig und vom Publikum zu Recht umjubelt ist Sven Hjörleifsson in der Rolle des Wenzel. Er quält sich durch seine Ängste, sein Stottern, sein Ausge­sto­ßensein, und persi­fliert dabei die Rolle nicht, sondern gibt ihr auch mit seinem Charak­ter­tenor eine eigene Persön­lichkeit. Vielleicht die Entde­ckung des Abends. Sebastian Pilgrim als Heirats­ver­mittler Kezal überzeugt mit markantem Bass und einer Charak­ter­studie, die den schmie­rigen Kerl irgendwie sogar sympa­thisch erscheinen lässt. Auf sein Debüt als König Marke in der Leipziger Neupro­duktion von Wagners Tristan und Isolde in der kommenden Spielzeit darf man sich schon freuen.

Foto © Kirsten Nijhof

Bei den beiden Eltern­paaren sind es jeweils die Frauen, die stimmlich und spiele­risch dominant erscheinen. Sandra Maxheimer als Maries Mutter Kathinka überzeugt mit kraft­vollem und warmem Mezzo­sopran, während Sandra Janke als Wenzels Mutter Agnes mit schnei­digem Mezzo die Gefühls­kälte der Figur treff­sicher charak­te­ri­siert. Franz Xaver Schlecht gibt den armse­ligen Bauer und Maries Vater Kruschina mit warmen Bass, und Jean-Baptiste Mouret  als Großgrund­be­sitzer Micha reiht sich mit kräftigem Bass-Bariton in das heraus­ra­gende Ensemble ein, bei dem Bianca Tognocchi in der kleinen Rolle der Tänzerin Esmeralda mit glocken­hellem Kolora­tur­sopran aufhorchen lässt.

Stimmlich ist der Leipziger Opernchor von Alexander Stessin bestens einge­stimmt. Mit großer Spiel­freude und Agilität sowie hervor­ra­gender stimm­licher Diktion gelingen die Chorszenen zu großen musika­li­schen Momenten. Die Zirkus­ar­tisten unter der strengen Leitung ihres Direktors Springer, köstlich darge­stellt von Martin Petzold, haben sich für ihren Auftritt ein Sonderlob verdient.

Christoph Gedschold leitet das Leipziger Gewand­haus­or­chester sicher durch den Abend. Schon die herrliche Ouvertüre klingt wie ein Versprechen aus dem Orches­ter­graben, und der roman­tische Klang der böhmi­schen Melodien entfaltet sich immer mehr im Laufe der Aufführung. Die bekannten Klänge fließen strömend, und die ausge­las­senen Tänze werden mitreißend begleitet. Nach gut drei Stunden gibt es großen Applaus für das gesamte Ensemble, und insbe­sondere Christoph Gedschold, das Gewand­haus­or­chester, Magdalena Hinterd­obler, Sven Hjörleifsson und Sebastian Pilgrim werden umjubelt. Die Insze­nierung der Enge des dörflichen Idylls kommt beim Publikum im nicht ganz ausver­kauftem Leipziger Opernhaus gut an, auch wenn die Insze­nierung durchaus eine Gratwan­derung zum übertrie­benen Kitsch ist.

Andreas H. Hölscher

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