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Das tote Brügge – im Original Bruges-la-morte – ist ein symbolistischer Roman von Georges Rodenbach, der 1892 zunächst als Fortsetzungsroman und im gleichen Jahr in Buchform erschien. Bereits ein Jahr später lag die deutsche Übersetzung vor, für Erich Wolfgang Korngold und seinen Vater die Vorlage für die Oper Die tote Stadt. Am 4. Dezember 1920 fand die Uraufführung des zweieinhalbstündigen Werkes gleichzeitig in den Stadttheatern Hamburg und Köln statt. Da war das Wunderkind Korngold gerade mal 23 Jahre alt und hatte bereits zwei Einakter sehr erfolgreich in Wien vorgestellt. Seitdem gab es weltweit bis heute mehr als 550 Aufführungen der Toten Stadt. Nun fügt die Oper Wuppertal eine weitere Inszenierung einer um etwa eine halbe Stunde gestrafften Version hinzu.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Immo Karaman hält sich bei seiner Regie nicht lange mit Psychologisieren auf, sondern kümmert sich um das, wofür ein Regisseur zuständig ist: Er erzählt eine Geschichte. Und weil er auch gleich für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, gelingt ihm die Geschichte flott. Grundlage seiner Bühne ist ein verkleinerter Guckkasten, der als metallischer Raum die Grundlage dafür bietet, verschiedene Requisiten blitzschnell hinter verschiedenen Vorhängen zu wechseln. Schnell ist da mal ein Stuhl hingestellt, eine Bahre hereingeschoben, ein Blumenstrauß drapiert und schon geht es weiter zum nächsten Bild. Zusätzlich lässt sich die Rückwand verändern – herzlich willkommen in der Pathologie, in der Maries Leiche aus der Wand herauslugt – und es darf Party gefeiert werden, aber auch ein Autounfall dargestellt oder Mariettas Flucht glaubhaft gemacht werden. Ja, in dieser toten Stadt ist eine Menge los, während Paul seine Trauer kontrastierend, häufig im Abseits der Handlung, pflegt. Behutsam, aber passend eingebrachte Videoprojektionen verleihen dem Geschehen zusätzlichen Schwung. In der Lichtgestaltung halten sich Henning Priemer und Fredy Deisenroth angenehm von dramatischen Effekten fern. Für die sorgen schließlich die Sängerdarsteller, die Fabian Posca in Kostüme gesteckt hat, die an die 1980-er Jahre erinnern und damit das Geschehen heutig machen sollen, ohne sich auf eine spezielle Zeit festzulegen. Und es soll ja durchaus Menschen geben, die die Mode der 80-er heute wieder für sehr angesagt halten.

Dass Susanne Serfling in den Kleidungsstücken nicht immer sehr vorteilhaft aussieht, ist ihr vermutlich herzlich egal. Denn sie hat sich der Mörder-Rolle von Marie respektive Marietta angenommen. Die hat nicht nur einen hohen sängerischen Anspruch, dem sie vor allem in den Höhen gerecht wird, sondern verlangt eine gehörige Portion Kondition. Der Haus- und Rollen-Debütantin gelingt es auch wirklich, fast vollständig durchzuhalten. Auch Jack Wickson, der hier nicht, wie sonst gern üblich, den Psychopathen zu spielen hat, sondern sich einfach seiner Trauer und seinen Zweifeln hingeben darf, geht in seiner Rolle auf und leidet ganz wundervoll, vor allem an den schwierigen Stellen, an denen er nämlich nichts anderes zu tun hat, als abseits zu kauern. Bei beiden gefällt wie auch bei den übrigen Sängerdarstellern die hohe Textverständlichkeit, die die Übertitel beinahe gänzlich überflüssig macht. Die übrigen Rollen sind sehr glücklich, man möchte beinahe sagen: luxuriös besetzt. Ariana Lucas eröffnet glaubhaft als Haushälterin Brigitta. Simon Stricker gefällt besonders als Frank. Sangmin Jeon muss als Victorin und Gaston viel Mut zu seiner Perücke beweisen. Als Graf Albert ist Mark Bowman Hester sicher überbesetzt. Anne Martha Schuitemaker und Iris Marie Sojer bieten als Juliette und Lucienne mehr als nur – kurzen – Hörgenuss. Der kurze Auftritt des Kinderchors im Off kann schon unter die Haut gehen, und der Opernchor gefällt mit einem Kurzauftritt, der anspruchsvoll choreografiert ist. Beide Chöre sind von Markus Baisch einstudiert.
Die spätromantische Musik Korngolds erklingt ohnehin überbordend, verliert sich oft lautstark in den seelischen Tiefen. Dirigent Johannes Pell versucht hier und da, den lauteren Passagen noch zusätzlichen Schwung zu verleihen. Darin folgt ihm das Sinfonieorchester Wuppertal gern, auch wenn es eigentlich kaum nötig ist. Aber insgesamt ein sehr schöner Vortrag, der die Idee klar vermittelt.
Das Publikum beginnt seinen Schlussapplaus gleich mal mit Bravo-Rufen, bedenkt neben Darstellern und Orchestern auch das Leitungsteam mit donnerndem Beifall. Vollkommen zu Recht. Und am liebsten möchte man gerade Menschen, die sonst eher einen zurückhaltenden Umgang mit der Oper pflegen, diese Inszenierung ans Herz legen. Wuppertal ist hier ein großer Wurf gelungen.
Michael S. Zerban