O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Die Oper Guercœur von Albéric Magnard ist ein Monstrum. Sie ist ein Gesamtkunstwerk aus spirituellem Mysterium, großer Choroper, Oratorium, allegorischem Spiel und philosophischer Abhandlung, eingebettet in eine ausufernde, üppige Musik, in der es nicht nur manchmal heftig wagnert, sondern auch Mahler und Bruckner winken. Die szenische Uraufführung fand 1931 posthum statt, danach wurde das Werk nur noch konzertant gegeben und 1987 von Michel Plasson mit José van Dam auf CD eingespielt.
Solch ein alle Dimensionen sprengendes Werk auf den Spielplan zu setzen, ist ein Wagnis für jede große Bühne, umso mehr für ein mittleres Stadttheater. Dass dabei ein großer Wurf herauskommen kann, war bei der deutschen Erstaufführung zu erfahren, die das Theater Osnabrück mit Aufbietung aller Ressourcen auf die Beine stellte.
Mit der Produktion rückt auch der 1865 geborene Komponist Albéric Magnard ins Bewusstsein, ein Außenseiter damals am Ende des 19. Jahrhunderts genauso wie heute. Ein Besuch des Tristan in Bayreuth bewegte Magnard zum Musikstudium. Doch fand sein Oeuvre, zu dem vier Sinfonien, Kammermusik und drei Opern gehören, wenig Anerkennung, so dass er seine Werke teilweise selbst verlegte. Menschliche und künstlerische Enttäuschungen führten zur zunehmenden Isolierung. 1904 zog er sich auf sein Landgut zurück, wo er kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs bei einem Soldatenangriff in den Flammen seines Hauses umkam. Dabei wurden auch Teile seiner Kompositionen vernichtet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Außenakte von Guercœur spielen im Jenseits, der mittlere in einer unbestimmten Gegenwart. Der Titelheld, ein ehemaliger Herrscher, kann sich nicht mit seinem Tod abfinden und bittet um Rückkehr ins Leben. Sie wird ihm von vier allegorischen Figuren, angeführt von der Wahrheit Vérité, gewährt. Doch auf Erden erfährt er nur Enttäuschungen. Seine Frau, die ihm ewige Treue geschworen hat, ist die Geliebte seines Schülers Heurtal geworden. Der hat sich zum Tyrannen entwickelt und die demokratischen Reformen seines Lehrers abgeschafft. Als Guercœur versucht, mit dem Volk, das sich mittlerweile in zwei Lager aufgespalten hat, zu verhandeln, wird er erschlagen. Er kehrt ins Paradies zurück, wo Vérité die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verkündet, die von Freiheit, Liebe und Glück erfüllt sei.

Kann man solch Unikum an Oper inszenieren? Dem Regisseur Dirk Schmeding gelingt es, weil er zusammen mit der Bühnenbildnerin Martina Segna und dem Videokünstler Roman Kuskowski die disparaten Teile zu einer vielschichtigen Einheit verwebt. Der Beginn im Himmel ist überwältigend. Auf der dunklen Bühne schweben weiße Punkte in verschiedenen Größen, von denen sich manche zu schemenhaften Köpfen formen. Guercœur wird von drei Allegorien, die an die Nornen der Götterdämmerung erinnern, umkreist, auf einem Podest thront die Vérité. Es ist eine ungemein atmosphärische Visualisierung von Unendlichkeit und dem Motiv, das sich durch die Oper zieht: Zeit und Raum existieren nicht. Der zweite Akt dagegen ist handfest inszeniert, von der intimen Liebesszene bis zum Volksaufstand, bei dem die Proteste der französischen „Gelbwesten“ Pate gestanden haben dürften, nur dass alle rosafarbene Sweatshirts tragen. Ohne Pause mündet er in den ausufernden dritten Abschnitt, den Schmeding als Todesfuge zeigt. Vom vergeblichen Versuch der Sanitäter, Guercœur zu retten, bis zur Sargverbrennung und dem Einfüllen der Asche in eine Urne stellt er die Aktionen und Rituale rund um einen Tod penibel nach. Währenddessen hält Vérité ihre utopische Predigt ins Publikum. Denn der Tod geht uns alle an und auch der Wunsch nach Erlösung.
Rhys Jenkins als Guercœur, Susann Vent-Wunderlich als Giselle und vor allem Lina Liu als Vérité, die den kräftezehrenden Schlussmonolog mit fabelhafter vokaler Intensität singt, bilden die Spitze des formidablen Ensembles, das hingebungsvoll die Intentionen des Regisseurs umsetzt und gleichzeitig alle musikalischen Ansprüche erfüllt.
Großartig disponiert ist auch der von Sierd Quarré einstudierte Chor, dabei absolut homogen in den A‑capella-Passagen. Spiritus rector aber ist der Dirigent Andreas Hotz, auf dessen Anregung Guercœur in den Spielplan aufgenommen wurde. Er rechtfertigt die Wahl durch seine klug strukturierende, hochkonzentrierte Umsetzung der Partitur. Dass ihm das Orchester mit nicht nachlassender Spannung folgt, wen wundert’s an diesem denkwürdigen Abend.
Er wird vom Premierenpublikum mit langanhaltender Begeisterung aufgenommen. Opernfans sollten nicht versäumen, sich nach Osnabrück aufzumachen, wo Guercœur nur noch bis Ende der Spielzeit gegeben wird.
Karin Coper