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Tod und Verklärung

GUERCŒUR
(Albéric Magnard)

Besuch am
15. Juni 2019
(Premiere)

 

Theater Osnabrück

Die Oper Guercœur von Albéric Magnard ist ein Monstrum. Sie ist ein Gesamt­kunstwerk aus spiri­tu­ellem Mysterium, großer Choroper, Oratorium, allego­ri­schem Spiel und philo­so­phi­scher Abhandlung, einge­bettet in eine ausufernde, üppige Musik, in der es nicht nur manchmal heftig wagnert, sondern auch Mahler und Bruckner winken. Die szenische Urauf­führung fand 1931 posthum statt, danach wurde das Werk nur noch konzertant gegeben und 1987 von Michel Plasson mit José van Dam auf CD eingespielt.

Solch ein alle Dimen­sionen spren­gendes Werk auf den Spielplan zu setzen, ist ein Wagnis für jede große Bühne, umso mehr für ein mittleres Stadt­theater. Dass dabei ein großer Wurf heraus­kommen kann, war bei der deutschen Erstauf­führung zu erfahren, die das Theater Osnabrück mit Aufbietung aller Ressourcen auf die Beine stellte.

Mit der Produktion rückt auch der 1865 geborene Komponist Albéric Magnard ins Bewusstsein, ein Außen­seiter damals am Ende des 19. Jahrhun­derts genauso wie heute. Ein Besuch des Tristan in Bayreuth bewegte Magnard zum Musik­studium. Doch fand sein Oeuvre, zu dem vier Sinfonien, Kammer­musik und drei Opern gehören, wenig Anerkennung, so dass er seine Werke teilweise selbst verlegte. Mensch­liche und künst­le­rische Enttäu­schungen führten zur zuneh­menden Isolierung. 1904 zog er sich auf sein Landgut zurück, wo er kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs bei einem Solda­ten­an­griff in den Flammen seines Hauses umkam. Dabei wurden auch Teile seiner Kompo­si­tionen vernichtet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Außenakte von Guercœur spielen im Jenseits, der mittlere in einer unbestimmten Gegenwart. Der Titelheld, ein ehema­liger Herrscher, kann sich nicht mit seinem Tod abfinden und bittet um Rückkehr ins Leben. Sie wird ihm von vier allego­ri­schen Figuren, angeführt von der Wahrheit Vérité, gewährt. Doch auf Erden erfährt er nur Enttäu­schungen. Seine Frau, die ihm ewige Treue geschworen hat, ist die Geliebte seines Schülers Heurtal geworden. Der hat sich zum Tyrannen entwi­ckelt und die demokra­ti­schen Reformen seines Lehrers abgeschafft. Als Guercœur versucht, mit dem Volk, das sich mittler­weile in zwei Lager aufge­spalten hat, zu verhandeln, wird er erschlagen. Er kehrt ins Paradies zurück, wo Vérité die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verkündet, die von Freiheit, Liebe und Glück erfüllt sei.

Foto © Jörg Landsberg

Kann man solch Unikum an Oper insze­nieren? Dem Regisseur Dirk Schmeding gelingt es, weil er zusammen mit der Bühnen­bild­nerin Martina Segna und dem Video­künstler Roman Kuskowski die dispa­raten Teile zu einer vielschich­tigen Einheit verwebt. Der Beginn im Himmel ist überwäl­tigend. Auf der dunklen Bühne schweben weiße Punkte in verschie­denen Größen, von denen sich manche zu schemen­haften Köpfen formen. Guercœur wird von drei Allegorien, die an die Nornen der Götter­däm­merung erinnern, umkreist, auf einem Podest thront die Vérité. Es ist eine ungemein atmosphä­rische Visua­li­sierung von Unend­lichkeit und dem Motiv, das sich durch die Oper zieht: Zeit und Raum existieren nicht. Der zweite Akt dagegen ist handfest insze­niert, von der intimen Liebes­szene bis zum Volks­auf­stand, bei dem die Proteste der franzö­si­schen „Gelbwesten“ Pate gestanden haben dürften, nur dass alle rosafarbene Sweat­shirts tragen. Ohne Pause mündet er in den ausufernden dritten Abschnitt, den Schmeding als Todesfuge zeigt. Vom vergeb­lichen Versuch der Sanitäter, Guercœur zu retten, bis zur Sargver­brennung und dem Einfüllen der Asche in eine Urne stellt er die Aktionen und Rituale rund um einen Tod penibel nach. Während­dessen hält Vérité ihre utopische Predigt ins Publikum. Denn der Tod geht uns alle an und auch der Wunsch nach Erlösung.

Rhys Jenkins als Guercœur, Susann Vent-Wunderlich als Giselle und vor allem Lina Liu als Vérité, die den kräfte­zeh­renden Schluss­mo­nolog mit fabel­hafter vokaler Inten­sität singt, bilden die Spitze des formi­dablen Ensembles, das hinge­bungsvoll die Inten­tionen des Regis­seurs umsetzt und gleich­zeitig alle musika­li­schen Ansprüche erfüllt.

Großartig dispo­niert ist auch der von Sierd Quarré einstu­dierte Chor, dabei absolut homogen in den A‑capella-Passagen. Spiritus rector aber ist der Dirigent Andreas Hotz, auf dessen Anregung Guercœur in den Spielplan aufge­nommen wurde. Er recht­fertigt die Wahl durch seine klug struk­tu­rie­rende, hochkon­zen­trierte Umsetzung der Partitur. Dass ihm das Orchester mit nicht nachlas­sender Spannung folgt, wen wundert’s an diesem denkwür­digen Abend.

Er wird vom Premie­ren­pu­blikum mit langan­hal­tender Begeis­terung aufge­nommen. Opernfans sollten nicht versäumen, sich nach Osnabrück aufzu­machen, wo Guercœur nur noch bis Ende der Spielzeit gegeben wird.

Karin Coper

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