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Kein Glück zwischen den Welten

LAZARUS
(David Bowie, Enda Walsh)

Besuch am
15. Juni 2019
(Premiere)

 

Deutsches Theater Göttingen

Wunder­bares, Fantas­ti­sches oder Märchen­haftes gehört zu dem Stoff, aus dem Musicals gestrickt sind – oder eben ein wenig Außer­ir­di­sches. In dem Musical Lazarus von David Bowie und Enda Walsh, das das Deutsche Theater Göttingen zum Ende dieser Saison auf die Bühne bringt, ist der Protagonist auf der Suche zwischen dem Universum und der Erde. Ob sich Bowie dabei tatsächlich als Jensei­tiger gefühlt hat, ist biogra­fisch nicht sicher geklärt.

Kurz nach seinem letzten Studio-Album Blackstar aus dem Jahr 2016 und wenige Tage vor seinem Tod veröf­fent­licht David Bowie seinen Song Lazarus als Single-Auskopplung. Es ist unklar, ob er dabei eine reale Person im Blick hatte. Aller­dings legt die Titel­liste seiner Songs nahe, dass Bowie sich bereits in einer schwie­rigen persön­lichen Situation befand: This is not America, The Man who sold the World, Love is lost, Where are we now, All the young Dudes:  alles keine Titel, die Optimismus und Lebens­freude ausstrahlen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und so verlegen Moritz Beichl, Regie, Valentin Baumeister, Bühne, und Astrid Klein, Kostüme, die dünne Story um den Gesangsstar Thomas Newton in eine bunte, schil­lernde Glitzerwelt, in der die Optik eine schlüssige Handlung ersetzt. Newton reichen Gin und der TV-Set für seine Alltags­be­dürf­nisse,  seine Assis­tentin Elly sorgt für das Übrige. Zwei Besucher und ein Mädchen ohne Namen bringen ein wenig Bewegung in das auf der Erde festge­fahrene Leben des Newton, der eigentlich gern ins Universum zurück möchte, aber den Weg nicht findet … Bowies Haupt­motiv, für den verdurs­tenden Planeten Erde Wasser zu finden, tritt bald hinter die Präsen­tation von insgesamt   17 Songs zurück, die den eigent­lichen Kern des Musicals bilden. Die bunten Fantasien und Träume­reien von Newton spiegeln sich in den wilden Scratches wider, die Moritz Hils als Video­clips auf den Hinter­grund proji­ziert. Bestens gelungen und in ihren Effekten immer wieder überra­schend  wirkt die Bühne, auf der hunderte von bunten Glitzer­fäden ein ständig sich verän­derndes Blitz­feu­erwerk präsen­tieren, das sich zudem in der die Bühne bedeckende Wasser­fläche einer großen „Pfütze“ bricht. Auch wenn der Sinn dieser Wasser­lache außer dem Hinweis auf die „verdurs­tende Erde“ verborgen bleibt und wenig Sinn macht, schafft die ständig licht­re­flek­to­risch sich bewegende Bühne tatsächlich so etwas wie eine jenseitige Atmosphäre, rätselhaft, schil­lernd bunt und abwechs­lungs­reich. Die ebenfalls bunt leuch­tenden und schil­lernden Kostüme lassen die Antwort offen, ob sich hier Wesen eines anderen Sterns versammeln.

Foto © Birgit Hupfeld

Volker Muthmann spielt einen wirren Typen, dessen futuris­tische Träume und Fantas­te­reien ihm das Leben auf der Erde fast unmöglich machen. Der schwarz­flü­gelige Michael, vielleicht ein Abgesandter des Erzengels von einem anderen Stern, kann Newton da noch weniger helfen als ein glitzerndes Mädchen mit stroh­blonder Perücke.

Dem jensei­tigen Anspruch der Geschichte entspre­chend, tritt die achtköpfige Band als Minor Tom and all the Young Dudes auf und liefert einen mal fetzigen, mal verträumt-melan­cho­li­schen Sound, in dem sich viele David-Bowie-Fans wohl fühlen. Stimmlich sind alle Haupt­fi­guren bestens auf den Sound eines Bowie- Musicals einge­stellt. Dass dabei einige der Premieren-Abonnenten das elektro­nisch lautstark erwei­terte kleine  Göttinger Theater vorzeitig verlassen, ist nachzuvollziehen.

Die Göttinger Aufführung bringt den Besuchern ein David-Bowie-Revival, in dessen Mittel­punkt 17 der populärsten Songs eines der einfluss­reichsten Musiker der Rock- und Popmusik stehen, der mit seinen musika­li­schen Ideen insgesamt 26 Studio­alben schuf. Vor allem das jüngere Publikum, deutlich stärker vertreten als bei „klassi­schen“ Premieren, fühlt sich bei dieser flott und stilsicher gespielten Musik wohl. Den Schau­spielern gebührt hohe Anerkennung für ihren Einsatz, mit dem sie ihre Figuren trotz des merkwür­digen Wasser­bades auf der Bühne zum Leben bringen und die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits dennoch unscharf lassen. Bowie kompo­niert auch die  Weltraum­ballade Space Oddity, angeregt durch  Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum. Das Spiel und die Musik sind noch nicht zu Ende – „… lass uns reisen“.

Horst Dichanz

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