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Foto © O-Ton

Internationales Flair in der Heimat

19. KLASSIKNACHT IM ROSENGARTEN NEUSS
(Verschiedene Komponisten)

Besuch am
28. Juni 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Deutsche Kammer­aka­demie Neuss am Rhein, Rosengarten

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass ein weltweit erfolg­reiches, in Neuss ansäs­siges Unter­nehmen an die Stadt Neuss herantrat, um gemeinsam zu überlegen, wie man die Deutsche Kammer­aka­demie Neuss am Rhein mit einem direkten Nutzen für die Bürger der Stadt unter­stützen könne. In der Folge fand 2000 zum ersten Mal die Klassik­nacht im Rosen­garten Neuss statt. Seither findet die Klassik­nacht jährlich statt – mit einer Ausnahme. 2014 sorgte Sturm Ela dafür, dass das Bespielen des Parks hinter der Stadt­halle zu gefährlich erschien. Und so steht in diesem Jahr bei idealem Sommer­wetter die 19. Klassik­nacht an. Rund 5.000 Besucher haben sich auf den Wiesen versammelt, nutzen die bereit­ge­stellten Bierbänke oder haben gleich eigene Tische und Stühle für das Picknick mitge­bracht, das viele Menschen tradi­tionell in der Klassik­nacht genießen.

Auch in diesem Jahr wird Daniel Finker­nagel wieder durch das Programm führen. Der Moderator zeigt sich bestens präpa­riert, hat kleine, origi­nelle Geschichten vorbe­reitet, weiß, die Neusser mit freund­licher Ansprache bei ihrem Heimat­gefühl zu packen, ohne sich sprachlich oder inhaltlich allzu sehr anzubiedern. Das ist in der Zeit der Lautsprecher und Sprach­ver­un­glimpfer sehr angenehm.

Émilie Pictet – Foto © O‑Ton

Dass es nicht beim Lokal­ko­lorit bleibt, dafür sorgt die Deutsche Kammer­aka­demie Neuss am Rhein, mit 45 Musikern in großer Besetzung. Am Dirigen­tenpult steht aller­dings nicht wie im Vorjahr Christoph Konz, der neue Chefdi­rigent, der ist nämlich gerade mit den Wiener Philhar­mo­nikern auf USA-Tournee. Statt­dessen tritt Marc Coppey an, dem Publikum ein inter­na­tio­nales Klassik-Programm zu präsen­tieren. Wenn an diesem Abend eines deutlich wird, dann ist es, das Coppey nicht als Gastdi­rigent antritt, der gerade mal angereist ist, um ein Orchester zu dirigieren. Vom ersten Augen­blick an, in dem Fall ist das die Ouvertüre zu La forza del destino von Giuseppe Verdi, ist klar, dass es sich hier um eine einge­schworene Gemein­schaft handelt. Selten sieht man einen solch gekonnten Dialog zwischen Dirigenten und Orchester. Die Zeiten des Maestros scheinen Vergan­genheit, gefragt ist der primus inter pares. Es kommt nicht so oft vor, dass ein Orchester seinen Dirigenten mit Applaus empfängt – und es muss auch nicht zur Routine werden. Aber an diesem Abend ist es ein gutes Zeichen. Und wenn es einmal so gut läuft, kann man auch gleich die Solistin des Abends in das musika­lische Gespräch mitein­be­ziehen. Sopra­nistin Émilie Pictet führt sich mit Les chemins de l’amour aus Léocadia von Francis Poulenc ein. Die Sängerin bemüht sich erfolg­reich um Textver­ständ­lichkeit. Etwas angestrengt wirkt ihre Haltung, die stark vom Opern­gestus geprägt ist. Die stimm­lichen Höhen erreicht sie ohne Leich­tigkeit. Grazil wird es auch beim Tanz der Ritter aus Romeo und Julia von Sergej Prokofiev nicht, aber da ist es gewollt. Schwer einher­schrei­tende Ritter mit blitzenden Schwertern erklingen, ehe es nach Finnland geht. Von dort kommt der traurige Walzer, der Valse triste, den Jean Sibelius für die Bühnen­musik zu Kuolema verfasst hat. Ehe die Pause beginnt, hat Pictet noch Meine Lippen küssen so heiß von Franz Lehár in petto. Es fehlt nicht an Kunst­fer­tigkeit, sondern an Sentiment, aber damit kann man leben. Der Rákóczy-Marsch aus La damnation de Faust von Hector Berlioz geht zackig über die Bühne, dann darf beim Picknick parliert werden.

Daniel Finker­nagel – Foto © O‑Ton

Geschickt gewählt scheint die Moldau aus Mein Vaterland von Bedřich Smetana, die einen fließenden Übergang von der Pause zum weiteren Programm erlaubt. Die leisen Eingangstöne lassen schließlich auch die hartnä­ckigsten Kommu­ni­ka­toren verstummen, ehe man sich ganz den Wogen des Flusses hingeben darf. Und das, bevor der Höhepunkt des Abends auf dem Programm steht. Dass Coppey zu den führenden Cellisten seiner Zeit zählt, steht außer Frage. Und das stellt er auch gern mit seinem Solo im Schwan aus Der Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns unter Beweis. Noten­blätter braucht er dafür selbst­ver­ständlich nicht. Sonja Jahn unter­stützt ihn fabelhaft an der Harfe. Danach gibt es mit Johannes Brahms‘ dritter Sinfonie, aus der der dritte Satz gespielt wird, gepflegte Langeweile.

Marc Coppey – Foto © O‑Ton

Dann beginnt das Finale. Über den Wiesen flackern die Lichter, die das Publikum mit Mobil­te­le­fonen, Kerzen und Schwenk­leuchten erzeugt. Später werden die Wunder­kerzen und hochge­hal­tenen Feuer­zeuge hinzu­kommen. Manuel de Fallas Feuertanz aus El amor brujo sorgt für erregende Momente. Auch wenn Pictet nicht so recht bei der Sache zu sein scheint, wird die Sehnsucht in Kurt Weills Youkali deutlich und die strengen Tango-Klänge sorgen für den Rest. Eigentlich wäre es damit getan, der Abend bis hierhin schon ein großer Erfolg und die Uhrzeit ist voran­ge­schritten. Aber es gehört ja zum deutschen Konzert­be­trieb, dass immer noch eine Schippe drauf­gelegt werden muss. Und Coppey entscheidet sich für Richard Wagners Ouvertüre zu Tannhäuser. Das ist für ein Kammer­or­chester, selbst wenn es in dieser Stärke auftritt, ein Wagnis, aber, wie sich zeigt, formi­dabel gelöst. Statt Orches­ter­größe zeigt sich hier Feinzi­se­lierung, und wo das Volumen bei Wagner dominiert, gibt es bei der Deutschen Kammer­aka­demie Diffe­ren­zierung. Das Publikum tobt stehend vor Begeisterung.

Die erste Zugabe ist das Ständchen von Franz Schubert als Orches­ter­fassung, ehe es zur tradi­tio­nellen Zugabe von Edward Elgars Pomp-and-Circum­s­tance-Marsch Nr. 1 kommt, bei der Coppey nicht nur das Orchester, sondern auch gleich das Publikum dirigiert. Darauf hat das Publikum gewartet. Weil es dann das Feuerwerk gibt. Klein, aber fein. Und an diesem Abend wirkt es ganz großartig. Während in Berlin Dirigenten-Schwer­ge­wichte bis zum Grab geschleppt werden, ehe man sie endlich aus ihren umstrit­tenen Diensten entlässt, zeigen die jungen Dirigenten in der Provinz, wozu sie fähig sind und dass sie den Zeitgeist ansprechen. Der Applaus an diesem Abend gilt nicht nur einer Kammer­aka­demie, die allzu bekannte Werke mit neuem Geist inter­pre­tiert, sondern auch einem Dirigenten, der mit Bravour und Corps-Geist neue Wege geht. Im nächsten Jahr steht das 20-jährige Bestehen der Klassik­nacht im Rosen­garten an. Da wird es schwer, eine Steigerung zu finden.

Michael S. Zerban

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