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SALOME
(Richard Strauss)
Besuch am
27. Juni 2019
(Premiere)
Aus dem Nichts scheinen die kaum hörbaren Piani zu kommen, dann gibt es Steigerungen bis zu gewaltigen Klangexplosionen: Es ist eine ungemein packende Spannweite von dynamischen Nuancen, die da ausgeweitet wird. Und durchgehend ist Hochspannung mit Gänsehautfaktor garantiert. Es wird mit zugespitztem Expressionismus und schillernden, fassettenreichen Orchesterfarben, aber auch kammermusikalisch, transparent, detailliert und dabei immer sängerfreundlich musiziert: Es ist wieder einmal eine Glanzleistung des Bayerischen Staatsorchesters unter dem stets befeuernden GMD Kirill Petrenko, die bei der Neuproduktion von Richard Strauss Salome zur Eröffnung der diesjährigen Opernfestspiele geboten wird und das Publikum zu Recht am lautesten jubeln lässt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auch bei Marlis Petersen wird lautstark gejubelt. Sie spielt die Titelheldin im roten Kleid, zigarettenrauchend und mit High Heels herumstöckelnd, nicht als zerbrechliche, unschuldige Kindsfrau, sondern als selbstbewusste, fordernde, harte, wie auch trotzige und hysterische Prinzessin bis zur Selbstaufgabe. Sie ist darstellerisch eine Wucht und ist eine großartige Singschauspielerin. Auch sie singt die Titelfigur im Sublimen und Feinen phänomenal: Da passt jede Phrase, jede Nuance und man versteht jedes Wort. Nur fühlt sie sich bei den Lyrismen wohler als bei der Dramatik. Was ihr fehlt, ist die raumgreifende Kraft, was vor allem im Finale evident wird. Deshalb nimmt Petrenko bei ihrem Gesang immer die Lautstärke zurück. Warum sie Johanaan begehrt, lässt sich nicht verstehen, denn er wird hier als bleicher, alter gebrechlicher, schlurfender Mann gezeigt, der aus der Unterbühne hervorkriecht und den Narraboth immer wieder stützen muss und auch mit einer Zigarette aushilft. Er wird von Wolfgang Koch mit schönem, durchschlagskräftigem Bariton gesungen. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist ein immer markanter und höhensicherer Herodes mit messerscharfer Diktion. Maria Schuster ist eine kraftvolle, wenig hysterische Herodias. Schön klingt der Tenor von Pavol Breslik als Narraboth. Besonders erwähnt sei auch Rachael Wilson als exzellent singender Page. Auch die vielen kleineren Partien sind alle gut bis sehr gut besetzt.
In eine Bibliothek in die 40-er Jahre des 20. Jahrhunderts wird die archaische Geschichte verlegt. Ein Bücherhimmel ganz in Rot gibt die beengte Situation wieder, in der sich die Prinzessin befindet und an der sie zu ersticken droht. Man sieht eine Zwangsgemeinschaft, eine Gruppe von Menschen in einfachen Kostümen, darunter Juden, die hofft, in diesem Versteck ihrer drohenden Verfolgung zu entgehen. Sie alle wirken in diesem Raum gefangen, so als ob sie jederzeit die Verhaftung durch die Gestapo befürchten. Immer wieder bricht die Bibliothek mittig auf und gibt einen aseptischen, kalten Denkraum preis, der an ein Schwimmbad erinnert. Die Ausstattung stammt von Malgorzata Szczesniak, sie bildet mit dem Regisseur schon über Jahre ein eingespieltes Team.

Krzysztof Warlikowski, mittlerweile schon mit seiner vierten Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper, beschäftigt sich wie üblich mit der Rezeptionsgeschichte des Werkes, kratzt an der Essenz des Stoffes, nähert sich den Figuren psychologisch und lotet so die gesamte Spannweite ihrer Emotionen aus. Die Personenführung des Regisseurs ist bei jeder Figur, er zeigt sie alle als kaputte Typen, ungemein durchdacht, detailliert und ideenreich und von großer Körperlichkeit geprägt. So knutscht Salome immer wieder mit Narraboth herum, so versucht der, die Prinzessin gewaltsam haltend von Johanaan wegzuziehen. „Lass mich deinen Mund küssen, Johanaan“ singt sie liegend, während Narraboth sie am Fuß wegzieht. Der Page umschlingt ständig den toten Narraboth. Salomes Tanz findet ohne Schleier, dafür gemeinsam mit dem Tod – einem Tänzer mit Totenmaske – statt, während im Hintergrund comicartig eine Tapete mit Tieren entsteht. Salome erhält keinen Kopf des Propheten, sondern nur die Schachtel mit der aufgedruckten KZ-Nummer, während dieser plötzlich wieder völlig teilnahmslos hereinschlurft. Auch Narraboth steht zum Finale wieder auf und verteilt Gifttränke an viele Anwesende, die dann kollektiven Selbstmord begehen, während Salome ungeschoren bleibt. Viele Zitate sind zu finden, aber auch viele nicht schlüssige Ideen und Ungereimtheiten. Die große Kopflastigkeit wie auch der nicht erhellende Grund für die Verlegung des Plots und auch ein entbehrlicher, unwitziger, kabarettartiger Prolog mit den Kindertotenliedern von Gustav Mahler vor Beginn der Oper lassen das Publikum zu einem Buh-Orkan bei Erscheinen des Regisseurs hinreißen.
Helmut Christian Mayer