Surreales Posing

MIX-IT
(Caroline Simon)

Besuch am
29. Juni 2019
(Premiere am 28. Juni 2019)

 

Ehren­feld­studios, Köln

Im öffentlich-recht­lichen Fernsehen laufen von Frühling bis Herbst massenhaft Spiel­filme. Alles Wieder­ho­lungen. Obwohl die Sender über Zwangs­ab­gaben finan­ziert werden. Also gar nichts dafür tun müssen, dass ihnen Millionen um Millionen Euro überwiesen werden, sind sie nicht in der Lage, das Programm mit aktuellen Produk­tionen zu bestreiten. Eine neue Tatort-Folge kann man innerhalb von zwei Tagen vier Mal sehen und beliebig oft in der Mediathek. Bei „guten“ Produk­tionen ein klarer Vorteil. Und sicher kommt die Bevöl­kerung so auch in den Genuss, heraus­ra­gende Filme immer wieder zu genießen. Bei Opern­häusern mit zweistel­ligen Millionen-Etats pro Spielzeit sieht es nicht viel anders aus. Fünf bis sechs Premieren in einer Spielzeit, der Rest des Programms wird mit Wieder­auf­nahmen gefüllt. Gesam­melte Erfah­rungen werden mehrfach verwertet, kostbare Kreati­vität verpufft nicht in einer Aufführungsserie.

Ganz anders sieht es bei der so genannten Freien Szene aus, in der die Einzel­för­derung von Projekten immer noch die Regel ist. Hier gibt es kein Geld für Wieder­ho­lungen. Und so müssen kleinere Compa­gnien oder Ensembles permanent Neues entwi­ckeln, um „im Markt bestehen“ zu können. Es gibt formal keine Möglichkeit zur Weiter­ent­wicklung und offiziell auch keine Möglichkeit, einmal gemachte Erfah­rungen aufzu­be­reiten und damit mehrfach zu verwerten. „Die Körper dienen als Archiv“, sagt Caroline Simon. Ein Satz, über den man in seiner Konse­quenz einen Moment länger nachdenken muss, damit er nicht mehr ganz so poetisch klingt, sondern eine tiefgrei­fende Proble­matik aufwirft.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Simon studierte bei Anne Teresa De Keers­maeker in Belgien. Ihr Studium beendete sie in Rotterdam als Tänzerin und Tanzpäd­agogin. Heute arbeitet sie unter anderem als Tänzerin, Choreo­grafin und Ko-Leiterin der Kölner Ehren­feld­studios. Und legt jetzt eine neue Arbeit vor, die sich künst­le­risch mit eben dieser Förder­praxis und ihren Folgen ausein­an­der­setzt. Zur Unter­stützung hat sie Ulrike Doszmann als Tänzerin und Silke Z. für die Regie an ihre Seite geholt. Besondere Kostüme braucht es nicht, schließlich geht es um den Arbeits­alltag, den man in Jeans und T‑Shirt bewältigt. Für effizi­entes, aber einfach struk­tu­riertes Licht­design sorgt Garlef Keßler. Als musika­lische Unter­malung halten gekonnt minima­lis­tische Piano-Klänge und ein Schlager von der Festplatte her.

Eigentlich dürfte diese Aufführung schon von Staats wegen überhaupt nicht statt­finden. Schließlich haben selbst Schüler ein Anrecht auf Hitzefrei. Und nicht nur die Tempe­ra­turen unter dem Vordach der Ehren­feld­studios haben längst die 30 Grad hinter sich gelassen. Aber Simon und Doszmann kümmert das nicht. Wenn die Besucher sich schweiß­über­strömt in den ersten beiden Reihen der Tribüne nieder­lassen, ist auch für die Tänze­rinnen Showtime. Getanzt im choreo­gra­fi­schen Sinne wird aller­dings eher wenig. Doszmann und Simon stehen neben­ein­ander auf leerer Bühne, werfen sich wechsel­seitig Jahres­zahlen und Titel ihrer Choreo­grafien der vergan­genen Jahre zu, die sie mit verschie­denen Positionen verbinden. In der Folge ist es nicht wichtig, sich die Konno­ta­tionen zu merken. Zumal sie sich immer schneller wieder­holen. Der Wettlauf um die guten Ideen hat begonnen. Dass Doszmann Simon immer wieder bedrängt, löst bei der Tränen­fluss aus. Zunächst in Form einer Wasser­flasche, die letztere sich auf die Augen drückt. Die Tränen­aus­brüche verstärken sich, als Simon zu Gießkännchen, Gießkanne und schließlich herbei­ge­holtem Wasserfass greift. So ist aus der kleinen Verzweiflung im Nullkom­ma­nichts ein Tränenmeer geworden, in das Doszmann sich ebenfalls hinein­wirft.  Eine Lösung bietet das nicht – aber immerhin ein wenig Erfri­schung in der hitzigen Auseinandersetzung.

Foto © Meyer Originals

Um sich im Wettstreit zu behaupten, galop­piert Doszmann, laute Schreie ausrufend, durch den Saal. Simon wechselt gar zwischen­zeitlich das Fach, beendet den Tanz und widmet sich dem Schau­spiel, indem sie grimas­sierend in der Bühnen­mitte verweilt. Mit einem feinen Sinn für Humor wird hier weder wahrhaft auf die Tränen­drüse gedrückt noch die Aktions­karte gezogen. Ganz selbst­ver­ständlich wischen die Tänze­rinnen die Bühne trocken, um die gefähr­lichen Spuren aus der Wasserfass-Szene zu besei­tigen. Eine Arbeit, für die, denkt man darüber nach, eigentlich Bühnen­tech­niker zuständig sind. Die knien dann auch nicht mit zwei Lappen in der Hand auf dem Boden, sondern haben große Wisch­schleifer. Aber solche Helfer sind den großen Häusern vorbe­halten. Trotz aller Netzwerk-Versuche kommen Simon und Doszmann nicht zusammen, und wenn sie sich noch so oft ihrer geleis­teten Werke versi­chern. Endlich verwi­ckeln sich die beiden in etwas, aus dem man einen Wrestling-Kampf erkennen kann, wenn man will.

Simon klagt nicht, sie führt vor. Fein balan­ciert sie die für sich genom­menen, schrägen Szenen zwischen Absur­dität und Humor aus. Nach rund einer Dreivier­tel­stunde ist alles gesagt. Das Publikum, überwiegend treue Fans, zeigt sich begeistert und feiert die Akteure mit ausführ­lichem Beifall.

An diesem Abend steht für Caroline Simon ganz selbst­ver­ständlich eine weitere Aufführung auf dem Programm. Das ist für sie kein Problem. Was bei den Einzel­för­de­rungen manchmal ein bisschen nervig ist, verrät sie aber auch. Die Bedin­gungen verschärfen sich. Da wird beispiels­weise die Notwen­digkeit der Öffent­lich­keits­arbeit hinter­fragt. „Das ist so absurd, da wissen wir dann auch kaum noch eine Antwort“, sagt sie. Eine Chance der Wieder­ver­wertung liegt in Gastspielen. Und Mix-it sollte zu richtig vielen Gastspielen einge­laden werden. Schon, weil es so schön schräg daherkommt.

Michael S. Zerban

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