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IM WEIßEN RÖSSL
(Ralph Benatzky)
Besuch am
28. Juni 2019
(Premiere am 25. Oktober 2014)
Das Weisse Rössl am Wolfgangsee, Synonym für alpenländischen Charme, für spritzige Melodien und großes Gefühl, lässt das Publikum für fast drei Stunden alle großen und kleinen Sorgen vergessen. Wie heißt es doch so schön im Refrain: „… tritt ein und vergiss deine Sorgen.“ Man fühlt mit dem Zahlkellner Leopold, der mit allen Tricks und Finten um die Liebe seiner angebeteten Rössl-Wirtin kämpft. Man leidet ein wenig mit der Wirtin Josepha Vogelhuber, die ihrerseits unglücklich in den etwas glatten Rechtsanwalt Dr. Siedler verliebt ist, der aber wiederum ein Auge auf Ottilie, die Tochter des Trikotfabrikanten Giesecke, geworfen hat. Und natürlich amüsiert man sich über den griesgrämigen schimpfenden Giesecke, dem Inbegriff der Berliner (Groß)Schnauze, und den skurrilen Zwist mit seinem Konkurrenten Sülzheimer. Doch am Schluss gibt es ja das große Happy End. Es ist das klassische Verwirrspiel, mit vielen Missverständnissen und ewig jungen Pointen, das diese Operette zu einem Klassiker ihres Genres macht und auf einzigartige musikalische Weise österreichischen Charme mit Berliner Deftigkeit verbindet. Es ist aber auch die Gratwanderung zum Kitsch, zum Possenreißen, wenn die Figuren überzeichnet werden oder die Leichtigkeit, die Spritzigkeit zu kurz kommen.
In Leipzig weit gefehlt. Hier wird kein rührseliger Kitsch gezeigt, sondern Komik und Revueoperette im eigentlichen Sinne, mit tanzendem Chor und singendem Ballett. Regisseur Volker Vogl hat das Stück von überflüssigem Ballast befreit und entstaubt. Herausgekommen ist ein witziges, spritziges Schmankerl, das einfach gute Laune verbreitet. Mit Sängern, die in ihren Rollen schauspielerisch voll aufgehen, mit einem Chor, der leidenschaftlich spielt und einer Ballettmannschaft, die sogar ganz passabel singt, hat die Musikalische Komödie Leipzig ein Ensemble, das diesem Genre mit Respekt und Können begegnet, denn nur so gelingt große Kunst. Vogel hat in den Mittelpunkt seiner Inszenierung den Zahlkellner Leopold und seine anfangs nicht erwiderte Liebe zur Rössl-Wirtin gestellt. Dieser Leopold ist kein chaotischer Depp, er hat Liebeskummer und offeriert großes Gefühl, denn es geht auch um gesellschaftliche Schranken und Barrieren. Aber auch die Parodie des großkotzigen Berliners, der alles besser weiß und die Schönheit des Salzkammergutes nicht zu schätzen weiß, macht den besonderen Reiz dieser Inszenierung aus. Vogels Personenregie ist auf schnelle Interaktion aller Protagonisten ausgerichtet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Ausstattung von Alexander J. Mudlagck ist klassisch, alpenländisch und bunt. Etwas überzeichnet, dafür witzig pointiert. Natürlich gibt es ein gemaltes Alpenpanorama im Hintergrund, Tisch mit karierter Decke, ein Holzpferdkopf an der Wand, ein überdimensionierter Tiroler Hut aus Gras, und fertig ist die Kulisse. Es ist ein einfaches, dafür effektvolles Bühnenbild, das die Bühne nicht überfrachtet, aber den besonderen Charme des Salzkammerguts herausstellt. Angesiedelt Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, prallen traditionelle alpenländische Tracht und der Modestil der Zeit des Wirtschaftswunders und des aufblühenden Tourismus‘ aufeinander. Die Choreografie des Ensembles ist spritzig einstudiert von Susanne Kirnbauer. Es ist ein Abend des ganzen Ensembles. Allen voran Tenor Andreas Rainer als Zahlkellner Leopold Brandmeyer. Der gebürtige Wiener ist vom Ausdruck her eine Idealbesetzung. Mit seinem charmanten Auftreten und dem Wiener Dialekt ist er der absolute Publikumsliebling. Schauspielerisch zeigt Andreas Rainer sein ganzes Können; mit großer Gestik und noch mehr Leidenschaft erobert er letztendlich die Rössl-Wirtin, und dass er gesanglich „nicht zuschauen kann“, gibt er eindrucksvoll und mit viel Gefühl zum Besten. Nora Lentner als etwas gefühlsverwirrte Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber harmoniert stimmlich mit ihrem hellen und klaren Sopran gut mit Andreas Rainer. Allerdings wirkt an diesem Abend die Stimme seltsam spröde, als ob sie nicht richtig anzuspringen scheint. Vielleicht auch das Ergebnis einer langen, kräftezehrenden Saison nebst unerträglichen Temperaturen im Haus. Hans Georg Pachmann als Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesecke gibt die Berliner Schnauze mit Herz so komisch und so bissig, dass man diesem alten Kotzbrocken wahrlich nicht lange böse sein kann. Theresa Maria Romes verkörpert die Ottilie als kesse Berliner Göre mit eigenem Dickschädel und verführerischem Gehabe, bleibt aber sängerisch unter den Möglichkeiten.

Adam Sanchez, erst vor drei Wochen als René in der Madame Pompadour gefeiert, zeigt mit der Partie des Rechtsanwalts Dr. Siedler, dass er derzeit stimmlich als Operettentenor kaum zu ersetzen ist. Sein schlanker Tenor hat den nötigen Schmelz und Charme, um die Damen auf der Bühne reihenweise um den Finger zu wickeln. Herrlich komisch agiert Hinrich Horn als schöner Sigismund Sülzheimer, und Verena Barth-Jurca wird als lispelndes Klärchen Objekt seiner Begierde. Die Chorsängerin Dagmar Zeromska als Briefträgerin Kathi erntet für ihre gekonnten Jodeleinlagen verdienten Applaus. Michael Raschle als Prof. Hinzelmann ist ein wunderbarer stimmlicher Kontrast zum lauten Giesecke, und Milko Milev gibt den Kaiser Franz-Josef mit majestätischer Würde und mit leisen Tönen. Johan Tauche, Mitglied des Kinderchores der Oper Leipzig, ist als Piccolo Gustl die herrliche Miniaturausgabe von Andreas Rainer als Leopold.
Musikalisch ist der Abend gute Unterhaltung. Tobias Engeli, Erster Kapellmeister an der Musikalischen Komödie, und das bestens aufgelegte Orchester präsentieren ein gelungenes Singspiel, in dem die Melodien von Ralph Benatzky und Robert Stolz jung und frisch erklingen. Die unterschiedlichen Musikstile vom Walzer bis zum Jazz werden modern und pfiffig interpretiert, und man muss sich manchmal fast auf die Zunge beißen, um die bekannten Schlager nicht mitzusingen, so einladend wird im Graben musiziert. Manchmal hat es allerdings den Anschein, alle wollen das Spiel schnell zu Ende bringen, so zügig sind die Tempi. Der Chor, von Mathias Drechsler gut einstudiert, zeigt große Spielfreude, während die Damen und Herren des Balletts nicht nur ihr klassisches Repertoire zeigen, sondern auch über passable Gesangsqualitäten verfügen. Das Publikum spendet am Schluss den verdienten Applaus.
Es schwingt etwas Wehmut mit, denn der Vorhang senkt sich vorerst zum letzten Mal an der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig. Nun beginnt die längst überfällige Sanierung des Hauses. Die im Zeitraum von Juli 2019 bis September 2020 geplanten Arbeiten beinhalten den Umbau von Zuschauersaal und Rang, die Versenkung des Orchestergrabens, eine Erneuerung der Medientechnik sowie die Sanierung von Treppenhäusern, Grundleitungen und Außenanlagen. Für die kommende Spielzeit wird die Musikalische Komödie mit einem eingeschränkten Spielplan ins Leipziger Westbad ausweichen, wo die neue Spielzeit und die neue Spielstätte am 6. September mit einer festlichen Gala eröffnet wird.
Andreas H. Hölscher