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Foto © Tom Schulze

Wiener Charme und Berliner Schnauze

IM WEIßEN RÖSSL
(Ralph Benatzky)

Besuch am
28. Juni 2019
(Premiere am 25. Oktober 2014)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig 

Das Weisse Rössl am Wolfgangsee, Synonym für alpen­län­di­schen Charme, für spritzige Melodien und großes Gefühl, lässt das Publikum für fast drei Stunden alle großen und kleinen Sorgen vergessen. Wie heißt es doch so schön im Refrain: „… tritt ein und vergiss deine Sorgen.“ Man fühlt mit dem Zahlkellner Leopold, der mit allen Tricks und Finten um die Liebe seiner angebe­teten Rössl-Wirtin kämpft. Man leidet ein wenig mit der Wirtin Josepha Vogel­huber, die ihrer­seits unglücklich in den etwas glatten Rechts­anwalt Dr. Siedler verliebt ist, der aber wiederum ein Auge auf Ottilie, die Tochter des Trikot­fa­bri­kanten Giesecke, geworfen hat. Und natürlich amüsiert man sich über den gries­grä­migen schimp­fenden Giesecke, dem Inbegriff der Berliner (Groß)Schnauze, und den skurrilen Zwist mit seinem Konkur­renten Sülzheimer. Doch am Schluss gibt es ja das große Happy End. Es ist das klassische Verwirr­spiel, mit vielen Missver­ständ­nissen und ewig jungen Pointen, das diese Operette zu einem Klassiker ihres Genres macht und auf einzig­artige musika­lische Weise öster­rei­chi­schen Charme mit Berliner Deftigkeit verbindet. Es ist aber auch die Gratwan­derung zum Kitsch, zum Possen­reißen, wenn die Figuren überzeichnet werden oder die Leich­tigkeit, die Sprit­zigkeit zu kurz kommen.

In Leipzig weit gefehlt. Hier wird kein rührse­liger Kitsch gezeigt, sondern Komik und Revue­ope­rette im eigent­lichen Sinne, mit tanzendem Chor und singendem Ballett. Regisseur Volker Vogl hat das Stück von überflüs­sigem Ballast befreit und entstaubt. Heraus­ge­kommen ist ein witziges, sprit­ziges Schmankerl, das einfach gute Laune verbreitet. Mit Sängern, die in ihren Rollen schau­spie­le­risch voll aufgehen, mit einem Chor, der leiden­schaftlich spielt und einer Ballett­mann­schaft, die sogar ganz passabel singt, hat die Musika­lische Komödie Leipzig ein Ensemble, das diesem Genre mit Respekt und Können begegnet, denn nur so gelingt große Kunst. Vogel hat in den Mittel­punkt seiner Insze­nierung den Zahlkellner Leopold und seine anfangs nicht erwiderte Liebe zur Rössl-Wirtin gestellt. Dieser Leopold ist kein chaoti­scher Depp, er hat Liebes­kummer und offeriert großes Gefühl, denn es geht auch um gesell­schaft­liche Schranken und Barrieren. Aber auch die Parodie des großkot­zigen Berliners, der alles besser weiß und die Schönheit des Salzkam­mer­gutes nicht zu schätzen weiß, macht den beson­deren Reiz dieser Insze­nierung aus. Vogels Perso­nen­regie ist auf schnelle Inter­aktion aller Protago­nisten ausgerichtet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Ausstattung von Alexander J. Mudlagck ist klassisch, alpen­län­disch und bunt. Etwas überzeichnet, dafür witzig pointiert. Natürlich gibt es ein gemaltes Alpen­pan­orama im Hinter­grund, Tisch mit karierter Decke, ein Holzpferdkopf an der Wand, ein überdi­men­sio­nierter Tiroler Hut aus Gras, und fertig ist die Kulisse. Es ist ein einfaches, dafür effekt­volles Bühnenbild, das die Bühne nicht überfrachtet, aber den beson­deren Charme des Salzkam­merguts heraus­stellt. Angesiedelt Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre des letzten Jahrhun­derts, prallen tradi­tio­nelle alpen­län­dische Tracht und der Modestil der Zeit des Wirtschafts­wunders und des aufblü­henden Tourismus‘ aufein­ander. Die Choreo­grafie des Ensembles ist spritzig einstu­diert von Susanne Kirnbauer. Es ist ein Abend des ganzen Ensembles. Allen voran Tenor Andreas Rainer als Zahlkellner Leopold Brand­meyer. Der gebürtige Wiener ist vom Ausdruck her eine Ideal­be­setzung. Mit seinem charmanten Auftreten und dem Wiener Dialekt ist er der absolute Publi­kums­liebling. Schau­spie­le­risch zeigt Andreas Rainer sein ganzes Können; mit großer Gestik und noch mehr Leiden­schaft erobert er letzt­endlich die Rössl-Wirtin, und dass er gesanglich „nicht zuschauen kann“, gibt er eindrucksvoll und mit viel Gefühl zum Besten.  Nora Lentner als etwas gefühls­ver­wirrte Rössl-Wirtin Josepha Vogel­huber harmo­niert stimmlich mit ihrem hellen und klaren Sopran gut mit Andreas Rainer. Aller­dings wirkt an diesem Abend die Stimme seltsam spröde, als ob sie nicht richtig anzuspringen scheint. Vielleicht auch das Ergebnis einer langen, kräfte­zeh­renden Saison nebst unerträg­lichen Tempe­ra­turen im Haus. Hans Georg Pachmann als Triko­ta­gen­fa­brikant Wilhelm Giesecke gibt die Berliner Schnauze mit Herz so komisch und so bissig, dass man diesem alten Kotzbrocken wahrlich nicht lange böse sein kann. Theresa Maria Romes verkörpert die Ottilie als kesse Berliner Göre mit eigenem Dickschädel und verfüh­re­ri­schem Gehabe, bleibt aber sänge­risch unter den Möglichkeiten.

Foto © Tom Schulze

Adam Sanchez, erst vor drei Wochen als René in der Madame Pompadour gefeiert, zeigt mit der Partie des Rechts­an­walts Dr. Siedler, dass er derzeit stimmlich als Operet­ten­tenor kaum zu ersetzen ist. Sein schlanker Tenor hat den nötigen Schmelz und Charme, um die Damen auf der Bühne reihen­weise um den Finger zu wickeln. Herrlich komisch agiert Hinrich Horn als schöner Sigismund Sülzheimer, und Verena Barth-Jurca wird als lispelndes Klärchen Objekt seiner Begierde. Die Chorsän­gerin Dagmar Zeromska als Brief­trä­gerin Kathi erntet für ihre gekonnten Jodel­ein­lagen verdienten Applaus. Michael Raschle als Prof. Hinzelmann ist ein wunder­barer stimm­licher Kontrast zum lauten Giesecke, und Milko Milev gibt den Kaiser Franz-Josef mit majes­tä­ti­scher Würde und mit leisen Tönen. Johan Tauche, Mitglied des Kinder­chores der Oper Leipzig, ist als Piccolo Gustl die herrliche Minia­tur­ausgabe von Andreas Rainer als Leopold.

Musika­lisch ist der Abend gute Unter­haltung. Tobias Engeli, Erster Kapell­meister an der Musika­li­schen Komödie, und das bestens aufge­legte Orchester präsen­tieren ein gelun­genes Singspiel, in dem die Melodien von Ralph Benatzky und Robert Stolz jung und frisch erklingen. Die unter­schied­lichen Musik­stile vom Walzer bis zum Jazz werden modern und pfiffig inter­pre­tiert, und man muss sich manchmal fast auf die Zunge beißen, um die bekannten Schlager nicht mitzu­singen, so einladend wird im Graben musiziert. Manchmal hat es aller­dings den Anschein, alle wollen das Spiel schnell zu Ende bringen, so zügig sind die Tempi. Der Chor, von Mathias Drechsler gut einstu­diert, zeigt große Spiel­freude, während die Damen und Herren des Balletts nicht nur ihr klassi­sches Reper­toire zeigen, sondern auch über passable Gesangs­qua­li­täten verfügen. Das Publikum spendet am Schluss den verdienten Applaus.

Es schwingt etwas Wehmut mit, denn der Vorhang senkt sich vorerst zum letzten Mal an der Musika­li­schen Komödie der Oper Leipzig. Nun beginnt die längst überfällige Sanierung des Hauses. Die im Zeitraum von Juli 2019 bis September 2020 geplanten Arbeiten beinhalten den Umbau von Zuschau­ersaal und Rang, die Versenkung des Orches­ter­grabens, eine Erneuerung der Medien­technik sowie die Sanierung von Treppen­häusern, Grund­lei­tungen und Außen­an­lagen. Für die kommende Spielzeit wird die Musika­lische Komödie mit einem einge­schränkten Spielplan ins Leipziger Westbad ausweichen, wo die neue Spielzeit und die neue Spiel­stätte am 6. September mit einer festlichen Gala eröffnet wird.

Andreas H. Hölscher

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