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Foto © Michael Pöhn

Dieser Otello schaut schon jetzt alt aus

OTELLO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
30. Juni 2019
(Premiere am 20. Juni 2019)

 

Wiener Staatsoper

Eigentlich wollte man die bisherige, von Publikum und Kritik eher ungeliebte Insze­nierung von Christine Mielitz aus den Jahr 2006 von Giuseppe Verdis Otello an der Wiener Staatsoper durch eine neue ersetzen. Adrian Noble wurde damit beauf­tragt. Nur fragt man sich jetzt, ob der Brite dafür auch die richtige Wahl war. Denn seine Konzeption wirkt in die Regie­his­torie weit zurück. So hätte man Verdis Meisterwerk auch schon vor 40 Jahren insze­nieren können. Und sie wirkt jetzt schon bei der Premiere irgendwie alt und fast verstaubt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wenn auch das Schlussbild mit den Unmengen von Kerzen, den sanften Licht­stim­mungen und dem einneh­menden Bett für ein gewisses Maß an stimmigen Emotionen sorgt, so wirkt der Rest der Ausstattung mit der optischen Dominanz der beiden kahlen Wände und der beiden beweg­lichen, kupfer­far­bigen Säulen, die Bühne stammt von Dick Bird, eher desil­lu­sio­nierend. Dieses abstrakt-monochrome Ambiente hätte man noch irgendwie akzep­tieren können, wenn es mit entspre­chendem Leben erfüllt worden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Zudem verlegt der Regisseur die Geschichte aus unerfind­lichen Gründen in entspre­chend altvä­ter­lichen Kostümen noch vom 15. Jahrhundert in den Anfang des 20. Jahrhundert. Ein Grund dafür erschließt sich nicht. Eine Neudeutung sucht man ebenso vergebens. Und so beobachten gleich zu Beginn Frauen mit schwarzen Häubchen und Männer in Gehröcken und Zylindern den Sturm und den Kampf des Schiffes an der Küste. Aber auch alles weitere wirkt irgendwie sehr konven­tionell, bleiern. Und das Schlimmste: Es packt einfach viel zu wenig.

Foto © Michael Pöhn

Auch sänge­risch ist man diesmal nicht absolut glücklich: So wirkt der Titelheld mit Aleksandrs Antonenko anfänglich doch unsicher, mit angestrengten Höhen und eindi­men­sional. Er steigert sich aber dann doch zu soliden, strah­len­deren Höhen und kraft­vollem, teils etwas grobem Gesang und ebensolchem Spiel. Eine Enttäu­schung und eine Fehlbe­setzung für die Rolle des Jago ist Vladislav Sulimsky. Seine zugegeben schöne, aber kleine Stimme klingt wie jene eines Kavaliers­ba­ritons. Es fehlt ihm an Nuancen, Volumen, Kraft und vor allem an Dämonie. Vor diesem Jago fürchtet sich niemand. Ohne spannungs­volle Wirkung erklingt so auch sein berühmtes Credo.

Die Sopra­nistin Olga Beszmertna dagegen wird ihrer zugedachten Rolle, nämlich die Licht­ge­stalt zu sein, ziemlich gerecht. Sie zeigt ihre reine Unschuld mit innigen Piano­tönen, zarten, gefühl­vollen Phrasie­rungen und sehr hohem lyrischen Niveau. Besonders das von Todes­ah­nungen gezeichnete Ave Maria wird durch wunderbare, kaum mehr hörbare Töne zum Ereignis. Auch Jinxu Xiahou als Cassio gefällt mit seinem hellen lyrischen Tenor, nur wirkt seine Inter­pre­tation recht schablo­nenhaft. Von den anderen kleineren Partien, die alle sehr ordentlich besetzt sind, gefallen noch besonders Margerita Gritskova als Emilia und Leonardo Navarro als Roderigo. Extra sei noch der stimm­ge­waltig und homogen singende Staats­opernchor erwähnt.

Der auswendig dirigie­rende Koreaner Myung-Whun Chung am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper liebt es einer­seits laut und knallig. Er entfesselt so die drama­ti­schen Ausbrüche geradezu und baut enorme Spannungs­bögen auf. Er agiert aber auch mit großer Detail­ver­liebtheit und mit sanften Lyrismen.

Fazit: Alles in allem ein durchaus brauch­bares Reper­toire­theater, Stern­stunden schauen jedoch anders aus. Das Publikum spendet viel Applaus für den Dirigenten und die Sänger. Das Regieteam erhält nur höflichen Applaus und ein paar schüch­terne Buhs.

Helmut Christian Mayer

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