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DIE TAGEBÜCHER VON JOHN RABE
(Tang Jianping)
Besuch am
3. Juli 2019
(Premiere)
Wer die fernöstliche Geschichte während des Zweiten Weltkrieges nur halbwegs kennt, hat von dem Massaker von Nanjing 1937⁄38 gehört. Damals haben die einmarschierenden japanischen Truppen etliche Hunderttausende chinesische Zivilisten vergewaltigt und ermordet. Als der Krieg zwischen China und Japan 1937 ausbrach, entschied sich John Rabe, der deutsche Chef der dortigen Siemens-Niederlassung, zu bleiben und sich für den Schutz der Zivilisten einzusetzen. Mit viel diplomatischem Verhandlungsgeschick war es ihm und 28 anderen Ausländern möglich, eine kaum vier Quadratkilometer große zivile Schutzzone zu errichten. Als Pazifist und NDSAP-Mitglied appellierte er an die mit Deutschland verbündeten Japaner um Einhalt der Zone, was zum großen Teil erfolgreich war. Um die Zone aus der Luft den Angreifern kenntlich zu machen, hatte Rabe die Ausbreitung einer überdimensionalen Hakenkreuzflagge angeordnet. So konnte über 170 Tage – die Zeit der schlimmsten Angriffe – insgesamt etwa 250.000 Zivilisten das Leben gerettet werden. In China wird John Rabe bis zum heutigen Tage als großer Held gefeiert. Seine Tagebücher wurden erst vor etwa 20 Jahren zufällig von Iris Chang wieder aufgefunden. 2009 wurden sie von Florian Gallenberger mit Ulrich Tukur als Hauptdarsteller verfilmt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Nun hat der 1955 geborene Komponist Tang Jianping eine Oper im Auftrag des chinesischen Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit geschrieben. Er gilt als erster Komponist, der seine gesamte Ausbildung ausschließlich in China absolviert hat. Seine musikalische Sprache ist tonal, mit mächtigem spät-romantischem, symphonischem Klang, die aber auch fragile, menschliche und melancholische Momente aufweist und den Sängern melodischen Gesangslinien ermöglicht. Schade nur, dass er komplett auf den Einsatz von jeglichen chinesischen Instrumenten verzichtet – es muss ja nicht gleich Folklore sein, aber es gibt so viele Instrumente, nicht nur Erhu und Pippa, die sicherlich thematisch noch einen authentischeren Ausdruck und Farbigkeit gegeben hätten.
Mit seiner Librettistin, Zhou Ke, gestaltet er die Geschichte dokumentarisch und chronologisch, mit der Erzählung einzelner Schicksale. Vermutlich stehen diese Geschichten auch so im Tagebuch von John Rabe, als Fakten, ohne jedoch eine vertiefende psychologische Komponente wiederzugeben. Es wird von der Perspektive der Zeugen erzählt, und generell bleiben die Figuren etwas eindimensional, was in Anbetracht der Ereignisse gar nicht so falsch ist und der eigenen Vorstellungskraft freien Lauf bei der Ausmalung lässt: Die Schwangere, deren Kind mit Bajonett-Stößen in den Leib umgebracht wird, der kleine Junge, der den Mord an Mutter und Bruder mitansehen muss, die junge Frau, die bei der kleinsten Berührung schreiend wegläuft …

Die Oper wurde 2017 in Beijing im berühmten „Ei“ des National Center for Performing Arts uraufgeführt, rechtzeitig zum 80-jährigen Jubiläum des Massakers. Für die Tournee nach Berlin, Hamburg und Wien wurde allerdings von Wang Jing ein vereinfachtes, realistisches Bühnenbild mit zerlegbaren Ziegelquadern angefertigt. Lichtdesignerin Masha Tsmiring zaubert erzählerische Lichtstimmungen auch dank vieler historischer Projektionen. Zu erwähnen sind die vielen, fast lautlosen, offenen Szenewechsel, die fast eine eigene musikalische Choreografie aufweisen. Regisseurin Zhou Mo, die selbst aus Nanjing stammt, nimmt sich jedes Darstellers und jeder Gruppierung an, gestaltet mit ausgeprägtem Sinn für einen sensiblen Realismus.
John Rabe wird heldentenoral von Xue Haoyin verkörpert. Die Rolle erfordert das volle Spektrum seiner schönen Stimme – von dunkler Verzweiflung bis hin zu strahlender Hoffnung. Ihm als weibliche Hauptrolle zur Seite steht die Sopranistin Xu Xiaoying als Minnie Vautrin, Leiterin der Mädchenschule, die sich rührend mütterlich um ihre wohlbehüteten, anvertrauten Schützlinge kümmert. Ihr ausdrucksstarker, schöner Sopran kommt besonders im zweiten Akt in der Arie zur Geltung, in der sie sich selbst die Schuld gibt, dass sie hilflos gegenüber den Befehlen der Japaner ist. Tenor Thomas Mulder ist Dr. Robert Wilson, einfühlsam und ohnmächtig zugleich, als einziger Chirurg, der noch in Nanjing geblieben war. Bass-Bariton José Rubio gibt als Pastor Mills einen gewichtigen Seelsorger. Mit einem kultivierten Bariton verkörpert Xia Xintao einen japanischen General, stellvertretend für den historischen Prinzen Asaka Yasuhiko, der wegen seiner besonderen Brutalität bekannt wurde.
Dirigent Xu Zhong steht am Pult des Symphonieorchesters der Jiansu Performing Arts Group, des Suzhou Symphonieorchesters und des Chor- und Tanzensembles der Jiangsoou Performing Arts Group. Eine kleine Anekdote am Rand: Als Klavierschüler spielte Xu Zhong dem berühmten Geiger Isaac Stern vor, als dieser zu den Dreharbeiten des Dokumentarfilmes Von Mao bis Mozart 1979 in China war und ihn ermutigte weiterzumachen. Heute ist Xu Zhong Direktor der Shanghai-Oper.
Mit einem Aufkommen von insgesamt 256 Teilnehmern zeugt diese Produktion von hohen künstlerischen, musikalischen und ästhetischen Werten, die dem westlichen Publikum ein Kapitel aus der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhundert eindrucksvoll nahe bringt. Ein Geigenspieler, der auch am Anfang ein berührendes Solo quasi als Einführung in die kultivierte Gesellschaft des alten Nanjing spielt, tritt in der letzten Szene wieder auf und bildet die Brücke zur Gegenwart. Die Hintergrundprojektion zeigt die heutige Skyline der Stadt – Nanjing hat überlebt. Und seine Bevölkerung – dargestellt von Jugendlichen, die das alte Haus von John Rabe als Touristenattraktion besuchen – ist wieder sorgenfrei und lebensfroh.
Das in Berlin anwesende Premierenpublikum in der ausverkauften Staatsoper – großenteils die chinesische Community – ist von Produktion und Musik sehr angetan und verabschiedet die Sänger, den Dirigenten und das künstlerische Team mit warmem Applaus, obgleich es sich während der Aufführung besonders unruhig verhielt.
Zenaida des Aubris